Mon Paris Noir

„Ich war noch niemals in New York“……aber dafür umso öfter in Paris! Neben berühmten Must-Sees wie Notre-Dame, Eiffelturm, Triumphbogen, Louvre, Sacré-Cœur de Montmartre, Grand Palais, Montparnasse und Co. möchte ich euch eine etwas dunklere Seite der Stadt der Liebe vorstellen.

Hier 3 mystische und unheimliche Sightseeing-Tipps mit Bildern [Ergänzungen vorbehalten]:

1. Père-Lachaise

Der berühmte Cimetière du Père-Lachaise ist mit seinen kunstvollen Gräbern sowohl wunderschön als auch stimmungsvoll und somit definitiv einen ausgiebigen Spaziergang wert. Dort ruhen Berühmtheiten wie Jim Morrison und Oscar Wilde. Allerdings sollte man ein stabiles Schuhwerk für den Ausflug wählen, da der Friedhof einer großen Parkanlage ähnelt, die stellenweise abschüssig ist.

Adresse Haupteingang: 16 Rue du Repos, 75020 Paris.

2. Les Catacombes

Die Katakomben von Paris waren ursprünglich ein Steinbruch. Aus großer Not heraus wurden die Stollen zu einem Beinhaus umfunktioniert und ausgebaut, da im 18. Jhd. Hungersnöte und Epidemien große Teile der Stadtbevölkerung dahinrafften, die Kapazitäten der Friedhöfe folglich ausgeschöpft waren und die Pariser schlichtweg nicht mehr wussten wohin mit all den Leichen. Die unzähligen Gebeine und Schädel, die aus den Friedhöfen geborgen wurden, wurden in die Stollen verbracht und bei der Umbettung kunstvoll aufgeschichtet.

Einen Teil der Katakomben kann man heute als Museum besichtigen. Wenn man sich traut…..und gute Knie hat! Kein Fahrstuhl. Keine Rutsche. Nur eine lange Treppe führt hinab in das Reich der Toten und – sofern alles gut läuft – auch wieder hinauf. Man sollte sich jedoch achtsam durch die Gänge und Räume bewegen und es unterlassen, die Knochen anzufassen. Zum einen gebührt der mühevollen und künstlerischen Arbeit hinter den Gebilden ein gewisser Respekt. Und zum anderen repräsentieren all diese menschlichen Überreste Biographien, also Menschen, die einmal gelebt, geliebt und gelitten haben.

Der Eingang befindet sich am Place Denfert-Rochereau, genauer gesagt in 1 Avenue du Colonel Henri Rol-Tanguy, 75014 Paris. Lange anstehen musste ich nicht.

„Wie oben, so unten“ lautet das Prinzip der Analogie in der Hermetik.
Der Ausgang aus den Katakomben ist jedoch ernüchternd unauffällig und unspektakulär.

3. Panthéon

Der Panthéon de Paris ist ein neoklassizistisches Bauwerk im 5. Arrondissement. Im 18. Jhd. wurde es ursprünglich als Kirche im Auftrag von Ludwig XV. erbaut und ähnelt im Stil byzantinischen Kirchen. Sein Grundriss zeichnet ein griechisches Kreuz. Entworfen wurde er vom französischen Architekten Jacques-Germain Soufflot.

Der Panthéon wurde durch die Revolutionsführer umfunktioniert und dient seither als Denkmal für die Helden der Französischen Revolution sowie als Mausoleum für herausragende Persönlichkeiten wie Voltaire, Jean-Jacques Rousseau, Marie Curie, Émile Zola und viele weitere.

Als ich das Gebäude erstmals betrat, wurde ich überwältigt von der imposanten Architektur. An der Kuppel konnte ich mich einfach nicht sattsehen. Sich in die Krypta inmitten der Gesellschaft dieser bedeutenden Persönlichkeiten zu bewegen, löste ein Gefühl von Demut in mir aus. Und paradoxerweise erschien mir an diesem Ort die Geschichte Frankreichs und ihre Bedeutung für Europa lebendiger als je zuvor.

Jorge Luis Borges über den Tango

Der Tango machte mit uns, was er wollte, trieb uns herum und auseinander und dann wieder zusammen.“

Jorge Luis Borges, (1899-1986), argentinischer Schriftsteller

(orig. „El tango hacía su voluntá con nosotros y nos arriaba y nos perdía y nos ordenaba y nos volvía a encontrar“)

©KOUTAMARES

Ab einem gewissen Zeitpunkt macht jeder Tangotänzer unweigerlich Bekanntschaft mit diesem Phänomen. Wie alle Süchtige bilden wir uns ein, die Kontrolle über unseren Konsum zu haben, aber die Rechnung machen wir ohne den Wirt! Wir spüren in der Regel nicht, wann es genau passiert, aber irgendwann stellen wir fest, dass wir uns auf einem verrückten Karussell befinden, das einfach nicht anhalten will….

Vor einigen Jahren fasste ich an einem Sommerabend den Entschluss, mir endlich meinen kleinen Traum zu erfüllen, mit dem Tango zu beginnen und recherchierte im Internet nach einer geeigneten Adresse für mich. Auf der Homepage meiner späteren Tangoschule las ich die scherzhafte Warnung: Vorsicht, Tango macht süchtig! Zumindest hielt ich sie damals für einen Scherz. Als erfahrene Hobbytänzerin lächelte ich belustigt über diese Aussage hinweg. „Gute Werbung!“, dachte ich mir. Zwar war mir aus eigener Erfahrung bewusst, wie viel Freude Paartanz generell bereiten kann, aber die Warnung nahm ich dennoch nicht so ganz ernst. – Das war ein Fehler. Die Macht des Tango hatte ich damals total unterschätzt.

Niemand hat diese Machtlosigkeit und den Sog dieser Welt so knapp und treffend in Worte gegossen wie Borges mit diesem Zitat. Ein wahrer Weltliterat. Dass ihm der Literatur-Nobelpreis verwehrt blieb, tut seinem Ruhm keinen Abbruch. Wie der Tango ist und bleibt Borges unsterblich.

Psychische Gewalt am Beispiel des Dating-Phänomens „Stashing“

Im Studium der Kriminologie habe ich gelernt, mich mit Verhaltensweisen zu befassen, die strafrechtlich relevant sind, wie etwa Delikte gegen das Eigentum, die körperliche Integrität, das Leben oder die Freiheit. Aus fachlicher aber auch privater Sicht interessieren mich jedoch besonders die Erscheinungsformen psychischer Gewalt, also moralisch verwerfliche Verhaltensweisen, die zwar nicht ahndbar sind, aber der gesundheitlichen Integrität eines Menschen auf seelischer Ebene nicht minder schaden. Deshalb verwende ich im weiteren Verlauf dieses Essays bewusst auch die Begriffe „Täter“ und „Opfer“, selbst wenn diese Verhaltensweisen keine illegalen Akte darstellen. Damit möchte ich für das Leid der Betroffenen sensibilisieren.

„Ghosting“ beispielsweise ist zunehmend bekannt. Es beschreibt das Phänomen in einer Beziehung, wozu auch die Datingphase gehört, bei dem eine Person ohne Vorankündigung und auf unangemessene Weise abrupt den Kontakt zur anderen Person abbricht und die Kommunikation komplett einstellt. Es erfolgt kein Abschied, keine Erklärung und keine Aussprache. Nachrichtenanfragen und Anrufe werden rigoros ignoriert. Auf eine Erklärung wartet der Betroffene meist vergeblich. Wenn sich die Verbindung zuvor in einer hoffnungsvollen, d.h. romantischen oder freundschaftlichen Entwicklungsphase befand, ist für den Betroffenen der plötzliche Rückzug in der Regel sehr schmerzhaft, denn dieser quält sich meist lange Zeit nach Kontaktabbruch noch mit offenen Fragen und Selbstzweifeln.

Stashing

Ein anderes, aber nicht weniger verbreitetes Phänomen in der Annäherung zweier Menschen ist das sog. „Stashing“. Der Begriff stammt ebenfalls aus dem Englischen und bedeutet übersetzt soviel wie „verstecken“ oder „verstauen“. Er beschreibt eine Beziehungskonstellation, bei der eine Person eine andere, mit der sie freundschaftlich und/oder romantisch interagiert, vor ihrem eigenen Umfeld verheimlicht und sie darüber hinaus dahingehend manipuliert, das Versteckspiel zu erdulden oder gar zu unterstützen. Das Stashing weist üblicherweise ein Machtgefälle mit einer tendenziell stark missbräuchlichen Komponente auf. Die Anstrengungen, die der „Stasher“ betreibt, sind vielfältig.

Hier einige typische Merkmale des Stashings:

  • Es gibt gemeinsame Unternehmungen, aber der Stasher legt großen Wert darauf, den Partner von seinem persönlichen Umfeld wie Eltern, Geschwister und engen Freunden fernzuhalten und keine näheren Einblicke zu diesen Beziehungen zu gewähren. Fragen zum familiären Hintergrund werden meist nur einsilbig beantwortet. Auf eine Einführung in den intimen Kreis wartet der Partner meist vergeblich.
  • Ist eine Trennung der beiden Welten – Beziehung und reguläres soziales Umfeld – nicht komplett möglich, wird der Partner vor dem eigenen Umfeld als platonischer Freund oder Bekannter umetikettiert, selbst wenn die Verbindung in Wahrheit romantischer und inniger Natur ist.
  • Der „Tatort“: Wohnt der Stasher in einer WG zusammen mit Freunden oder in der Nähe seiner Eltern, bleiben Einladungen nach Hause meist aus und der Schauplatz der Beziehung wird auf Cafés, Restaurants, Hotels oder in die Wohnung des Opfers verlegt. Stasher sind hierbei nie um eine Ausrede verlegen (z.B. „Bei dir daheim ist es doch viel gemütlicher.“)
  • Körperliche Kontakte wie Händchenhalten werden am Wohnort bzw. am sozialen Mittelpunkt des Stashers in der Öffentlichkeit vermieden. Aber sobald man mit dem Partner wieder allein ist, darf wieder angefasst werden.
  • Der Stasher gibt sich im privaten Rahmen verliebt und verhält sich teilweise sogar überschwänglich, was – je nach Kontext – auch ein Zeichen für ein kompensatorisches Verhalten für vorheriger Zurückhaltung oder Abweisung sein kann. Er will den Partner bei Laune halten. Aber sobald man diesen Rahmen verlässt und sich gemeinsam in der Öffentlichkeit bewegt, blockt er wieder ab und die Gesprächsthemen werden eher sachlich-nüchtern, um körperliche Zuneigung vonseiten des Partners nicht unnötigerweise zu provozieren.
  • Telefonate erfolgen kaum bis gar nicht oder nur zu vom Stasher festgelegten Zeiten. Damit sollen spontane und zeitlich ungünstige Anrufe generell vermieden werden, um sich vor anderen nicht erklären zu müssen. Ruft der Partner dennoch an, wird der Anruf meist weggedrückt und später durch eine Textnachricht beschwichtigend beantwortet.
  • Das Stashing erstreckt sich in der Regel auch auf die sozialen Medien. So postet der Stasher in der Regel keine gemeinsamen Aktivitäten oder Fotos oder unterlässt es, den Partner bei Gruppenaktivitäten zu taggen. Postet der Partner etwa gemeinsame Fotos auf Facebook, entfernt der Stasher den getaggten Inhalt schnell wieder von seiner Seite und fordert den Partner unter Umständen sogar auf, den Inhalt (z.B. Foto) auch aus seiner Seite wieder zu löschen. Als Vorwand schiebt er beispielsweise die Wahrung seiner beruflichen Integrität vor. Bei einem Rechtsanwalt oder Politiker mag dies vielleicht nachvollziehbar sein, bei einem sonst umgänglich in Erscheinung tretenden Fitnesstrainer wäre ein übertriebenes Beharren auf seine Seriosität wiederum widersprüchlich. Bei Wenignutzern von Social Media wie Facebook und Co. ist das zunächst einmal unverdächtig, wenn diese etwa zurückhaltend im Umgang mit ihren Daten und Informationen sind. Und nicht jeder möchte oder braucht eine neue Beziehung gleich in die Weltöffentlichkeit hinauszuposaunen. Aber wenn die Person ansonsten sehr sozial in Erscheinung tritt und viel über Aktivitäten mit Familie und Freunde postet, ist die Nichterwähnung des Partners nach längerer Zeit zumindest anrüchig.
  • Das Opfer wird in seinem Wunsch, die Beziehung zu outen, oft vertröstet. Beispielsweise sei der Zeitpunkt ungünstig. Der Stasher sei durch andere Umstände wie etwa Beruf gestresst und belastet.
  • Oft wissen auch nach Monaten nur die Beteiligten von ihrer Beziehung. Oder allenfalls das Umfeld des Opfers hat von ihr Kenntnis
  • Nur die wenigsten Stasher formulieren zu Beginn ihre Absicht offen und aufrichtig, die Beziehung auch in Zukunft unverbindlich und geheim halten zu wollen. Der Stasher gibt sich gerne unsicher darüber, was er will. In den meisten Fällen möchte er jedoch keine offizielle und feste Beziehung, weder zu Beginn noch später. Gleichzeitig möchte er auf die Vorzüge einer (Instant-)Beziehung mit dem Opfer nicht verzichten. Eine entsprechende Klarstellung des fehlenden Beziehungswunsches erfolgt jedoch, wenn überhaupt, meist erst zu späterem Zeitpunkt.
  • Wie auch bei strafrechtlich relevanten Gewaltakten, trägt auch hier das Opfer manchmal zu seiner eigenen Opferwerdung (Viktimisierung) bei. Um dem Stasher zu gefallen oder aus Sorge ihn zu verlieren, spielt der Partner oft das böse Spiel unter Wahrung guter Miene bereitwillig und entgegen seiner eigenen Bedürfnisse mit und unterstützt die vom Täter einseitig festgelegte Diskretion, indem er z.B. am heimlichen Treffpunkt wartet. Das Opfer möchte den Partner nicht verlieren und will die ohnehin schon meist verfahrene Situation daher nicht noch mehr verkomplizieren. Aufgrund der emotionalen Abhängigkeit gerät das Opfer dabei unbewusst noch tiefer in eine toxische Abwärtsspirale der ständigen Verleugnung und schmerzhaften Zurückweisung.

Im Anfangsstadium fällt dieser Trend im Verhalten des Stashers nicht sofort auf, weil die meisten Menschen eine Weile abwarten bis sie den neuen Partner dem engsten Umfeld vorstellen. Zudem trägt das frischverliebte Opfer oft die berühmte rosarote Brille. Als verheimlichter Partner, welcher häufig auf eine feste Beziehung hofft, leidet er in der Regel zunehmend unter der Situation, beginnt die Schuld bei sich zu suchen und plagt sich mit Minderwertigkeitsgefühlen und Selbstzweifeln, etwa nicht gut genug für den Wunschpartner zu sein. Womöglich hat man die Beziehung und die wechselseitigen Signale missverstanden.

Die Motive für das Stashing sind unterschiedlich. Insofern machen unterschiedliche Charaktertypen von dieser Methode Gebrauch. Einer der Gründe für das Stashing liegt häufig in dem schlichten Bedürfnis des Täters, unbehelligt und unverbindlich seine Bedürfnisse zu befriedigen (z.B. anregende Gesellschaft, unkomplizierte sexuelle Befriedigung, Bestätigung seiner Person etc.). Der Stasher möchte sich mit diesem Vorgehen meist die Option offenhalten, sich auch mit anderen potentiellen Partnern parallel zu treffen. Nicht selten kommt es zu zeitlichen Überschneidungen verschiedener Romanzen. So neigen häufig auch Narzissten zu Stashing und insbesondere Menschen mit amourös-narzisstischer Persönlichkeitsstörung. Ein einzelner fester Partner kann seinem übermäßigen und pathologischen Bedürfnis nach Bestätigung, die auch sexuelle Bestätigung umfasst, grundsätzlich nicht oder zumindest nicht dauerhaft befriedigen, weswegen die Methode gewisse Vorteile für ihn bietet, sich unbekümmert auszuleben. Dass er die Gesamtsituation obendrein machtvoll kontrolliert, gibt ihm zusätzlich einen besonderen Kick.

Doch es ist nicht nur der selbstbewusste Casanova, der Stashing praktiziert. Ein weiterer Grund kann – genau im Gegenteil – in der Unsicherheit des Stashers begründet liegen. Manche Menschen hegen in einer Beziehung Zweifel, ob ihr Umfeld ihre Partnerwahl akzeptiert. Aus Scham wird der Partner verheimlicht. So vermeidet der Stasher die Konfrontation und läuft nicht Gefahr, mit und über seinen Partner von seinem Umfeld beurteilt oder gar kritisiert zu werden. Der erfolgreiche Zahnarzt schämt sich unter Umständen, sich mit der geringverdienenden und tätowierten Friseurin zu zeigen. Neben vermeintlichen Klassenunterschieden gibt es aber auch kulturelle oder religiöse Gründe, die aus der Sicht des Stashers gegen ein Outing der Beziehung sprechen.

Weil das Opfer das widersprüchliche Verhalten des Stashers nicht einordnen kann und sein Selbstbewusstsein im Laufe der Zeit bereits Schaden genommen hat, sucht es die Schuld ungerechtfertigterweise oft bei sich selbst. Aber es belastet sich nicht nur bereitwillig selbst, sondern wird auch vom Täter zusätzlich belastet: Um sich nicht mit Gewissensfragen auseinanderzusetzen zu müssen, dreht der Täter oft den Spieß um und schiebt seinem Opfer den Schwarzen Peter für den entstandenen emotionalen Vollkaskoschaden zu. Dieses hatte die Konditionen dieser Verbindung ohnehin die ganze Zeit missverstanden, lautet in solchen Fällen notlos das selbstgerechte Urteil des Stashers. Man habe sich schließlich nie formell auf eine feste Beziehung verständigt. Dass der Täter zuvor meist strategisch alles daran gesetzt hat, um die ungeteilte Aufmerksamkeit und das Herz des Opfers zu erlangen, wird im Nachinein entweder bestritten bzw. gar nicht erst zur Debatte gestellt. Nach dem Motto: Selbst schuld, wenn du dich in mich verliebt hast. Dies alles wirkt auf die ohnehin schon in Schieflage befindliche Gefühlswelt des Opfers wie ein zusätzlicher Schlag ins Gesicht, denn ungeniert wird hierdurch zusätzlich seine Urteilsfähigkeit unter Beschuss genommen.

Das Ende solcher Beziehungskonstellationen ist stets vorprogrammiert. In diesem Endstadium hat sich der Täter meist vom Opfer alles genommen, was er wollte (z.B. anregende Gesellschaft, zwischenmenschliche Wärme oder Sex). Zurück bleiben beim Opfer bloß bittersüße Erinnerungen, Schmerzen und mangels „Zeugen“ ist es sich im Laufe der Aufarbeitung nicht einmal mehr sicher, ob diese Verbindung überhaupt je existiert hat oder alles nur Einbildung war (Realitätsverlust).

Das Leid für das Opfer beschränkt sich oft aber nicht nur auf ein vorübergehend gebrochenes Herz. Die Verletzungen sind weitaus gravierender, denn es wurde im Grunde auf allen Ebenen, sowohl als Mensch als auch in seiner sexuellen Identität als Frau oder Mann, im ständigen Wechsel geliebt, ignoriert, torpediert, fallen gelassen, wieder errettet usw. Diese destruktive Dynamik kann in solchen Konstellationen häufig beobachtet werden. Auf der Seele des auf Liebe und Halt hoffenden Opfers hinterlassen diese vielen kleinen und großen Einschläge tiefe Wunden in der Seele, die nur schwer oder zum Teil nie richtig verheilen.

Vor diesem Hintergrund kann bei Stashing bedenkenlos von psychischer Gewalt gesprochen werden. Denn auch wenn sie weder ahndbar noch strafbar ist, verbirgt sich hinter solchen Verhaltensweisen eine beachtliche kriminelle Energie. Dass sie keinen Straftatbestand verwirklicht und auch in keiner Kriminalstatistik erscheinen, ändert jedenfalls nichts am moralischen Unrechtsgehalt und zwar aus folgendem Grund:

Der Mensch ist bekanntlich ein empfindsames und soziales Wesen, welches seine mentale Gesundheit und seinen Selbstwert nun einmal auch durch die Interaktion mit anderen reguliert. Phänomene wie Ghosting, Stashing oder Benching etc. negieren das Opfer in seiner Existenz, seiner Urteilsfähigkeit sowie seinen Rechten, insbesondere in seinem Recht auf Achtung seiner Gefühle und seiner Würde. Die Schädigung seiner emotionalen und seelischen Integrität mag zwar nicht primär vom Täter gewollt sein, aber er handelt auch keineswegs fahrlässig, sondern manipuliert das Opfer und nimmt den Schaden billigend in Kauf, um seine egoistischen Bedürfnisse ohne jedwede Rücksichtnahme zu befriedigen. Dafür spricht das meist planvolle und kreativ-taktierende Vorgehen, welches im Falle des Stashings bei der Verheimlichung des Partners an den Tag gelegt wird.

Begünstigt wird das vermehrte Auftreten solcher Verhaltensweisen durch die Gesellschaft und die moderne Lebensweise. Während in früheren Generationen noch der überschaubare Familien- und Freundeskreis als Orientierung und Energiequelle des Individuums fungierte, übernimmt nun eine eher abstrakte Gesellschaft diese wichtige Aufgabe. Auf Fragen der Partnerschaft bezogen lautet das Credo überspitzt: „Suche den optimalen Partner für dich! Passt er nicht gleich in die vorgefertigte Schablone, wische nach links und checke einfach den Nächsten ab…“ Der Partnerpool wird somit zu einer Art Buffet, auf dem der Einzelne in seinem Menschsein reduziert und gleichzeitig zu einer Art Ware degradiert wird. Dieses (vermeintliche) Überangebot an potentiellen Partnern hat im Grunde jeder, der über ein funktionierendes Smartphone verfügt und zwar jederzeit abrufbar in der Tasche. Dieser Umstand macht die Menschen generell anspruchsvoller, ungeduldiger, oberflächlicher und leider auch roher im Umgang miteinander.

Optimiere deine Zeit! Achte auf deine Work-Life-Balance! Sei immer eine Nasenlänge voraus! Schneller, besser, weiter!

So und ähnlich lauten die modernen Mantren. Wer sich nicht rund um die optimiert und seine Zeit nicht sinnvoll verbringt oder gar verschwendet (z.B. mit dem „falschen“ Partner), gilt schnell als Versager. Der Partner wird so ein Stück weit auch zum bloßen Statussymbol. Das Resultat: Druck. Denn im Zweifelsfall will niemand derjenige sein, der den Gong nicht gehört hat. Das ist schließlich peinlich. Auf Zufälle lässt sich daher kaum noch jemand ein. Es sollte möglichst gleich zu Beginn feststehen, wo der Hase läuft. Man hat schließlich ein Machertyp zu sein, der souverän sein Schicksal selbst in die Hand nimmt. Das gilt für Männer wie für Frauen. Geduld und Empathie sind bei diesem Triumphzug der Selbstsucht eher hinderliche Tugenden.

Weil der Mensch aber will, was er nun einmal will, gerät er unweigerlich in einen inneren Konflikt. Ist der Partner nicht vorzeigbar und unterstreicht nicht das eigene Ich auf vorteilhafte Weise, wird er – etwa im Beispiel des Stashings aus Scham – kurzerhand versteckt. So entsteht ein Parallelleben abseits vom regulären Sozialleben, welches genauer betrachtet nur eine kleine Blase ist, in welcher die Liebe existieren darf. Mit wahrer Liebe und Mitgefühl hat das jedoch recht wenig zutun. Der Spagat ist jedoch geschafft. Die Beute wurde erfolgreich gefangen und erlegt. Mit dem Befehl und dem Segen der Gesellschaft genießt man, was man hat und setzt nebenher einfach die Suche nach dem „besseren“ Partner fort. Kaum jemand hinterfragt, ob und inwieweit sich die Gesellschaft mit ihren medialen Botschaften in Zeiten von Fakenews und Fremdbestimmung als verlässliche Wertegemeinschaft überhaupt noch qualifiziert.

Aus lauter übereifriger Selbstoptimierung vergessen die meisten Menschen leider, dass der besondere Zauber der Annäherung doch gerade darin liegt, Zeit, Energie und Aufmerksamkeit zu investieren, um einen anderen Menschen und sein Wesen näher zu ergründen, und zwar gerade ohne(!) die Gewissheit zu haben, ob sich der Einsatz am Ende lohnt. Eine Garantie gibt es nicht. Es gibt sie im Grunde nie. Die Erkenntnis und der Einsatz erfordern mehr Kraft, innere Größe und Mut als die meisten Menschen entbehren wollen. Zwanghaft-kontrollierend und rücksichtslos potentielle Partner wie am Fließband zu casten, ist keine große Kunst und auch kein Zeichen besonderer innerer Stärke. Die Kontrolle ein Stück weit bewusst aus der Hand zu geben mit Vertrauen auf sich selbst, d.h. auf das was man mit Authentizität repräsentiert und verkörpert, und mit Vertrauen auf ein wohlwollendes Schicksal, zeichnen vielmehr einen stabilen und geerdeten Charakter aus. Ebenso die Bereitschaft, genauer hinzusehen, sich auf jemanden näher einzulassen, umgekehrt auch Zugang in das eigene Leben zu gewähren und für seine Mitmenschen Verantwortung zu übernehmen. Letzteres umfasst im Mindestmaß die Verantwortung, andere nicht unnötig zu quälen.

Es liegt auch im eigenen Interesse. Denn Opfer des Stahings ist nicht nur der Gestashte. Im Grunde macht sich der Stasher selbst zum Opfer seiner Vorgehensweise, denn er verleugnet nicht nur seinen Partner auf unehrenhafte und schmerzliche Weise, sondern auch sich selbst und beraubt sich letztendlich der Möglichkeit, aus der neuen Bekanntschaft etwas Schönes entstehen zu lassen. Auch wird er durch das krampfhafte Stashen nie das wahre Potential hinter der Beziehung erfahren, da er nicht nur selbst nicht gefühlsmäßig besonders in die Tiefe geht, sondern auch seinen Partner daran hindert, sich in der Verbindung entspannt fallen zu lassen und sich zu entfalten.

Jeder Mensch sehnt sich nach tiefer Verbundenheit und Zugehörigkeit zu einem anderen Menschen. Doch hier bleibt am Ende jeder allein und niemand liebt niemanden.*

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* In Anlehnung an die pessimistische Schlusszeile von Chris Isaaks Lied „Wicked Game“ aus dem Jahr 1989, welche lautet „Nobody loves no one“.

II Tango ist…

…wenn zwei völlig Fremde sich vollkommen akzeptieren, einen kurzen aber einzigartigen Moment jenseits von Raum und Zeit miteinander teilen und selbst in den Pausen zwischen den Musikstücken einer Tanda die Umarmung halten.

©KOUTAMARES

Insbesondere hier in Deutschland beobachte ich auf Milongas oft Tanzpaare, die in den Liedpausen und beim Anspielen der Cortina die Umarmung schnell und teilweise unsanft lösen, ohne dass ein nachvollziehbarer Anlass wie z.B. ein unangemessenes Verhalten eines Partners erkennbar wäre. Nein, das passiert genau genommen auch oder gerade solchen Paaren, die kurz zuvor noch sichtlich Freude mit- und aneinander hatten.

Sie töten diesen wunderbaren Moment und begraben ihn unverzüglich unter belanglosem Smalltalk und albernen Witzeleien. Bloß keine Schwäche zeigen! Die Maske will flott wieder aufgesetzt werden! Nicht dass der Andere noch bemerkt, wie sehr man gerade seine Gesellschaft genießt!

Schwäche – ist nicht vielmehr schwach, wer seine Gefühle leugnet?

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