Man konnte es in den letzten Tagen kaum übersehen: Die Bildschirme flimmerten, und schließlich läutete sie, die historische Börsenglocke an der NASDAQ zum SpaceX-Börsengang. Ein Moment voller Euphorie und Pioniergeist. Doch in den Fernsehstudios bot sich schnell das gewohnte Kontrastprogramm: Analysten und Finanzexperten im maßgeschneiderten Anzug, die mit einem fast schon mitleidigen, arroganten Schmunzeln von oben herab über die Aktie urteilten.
Der mediale Wirbel
Schon in den Tagen vor dem Ereignis war in den Medien eine greifbare Euphorie zu spüren; die Nachrichtensprecher moderierten das historische Event voller Faszination an und ließen sich von der Vision und dem monumentalen Schubdruck des Projekts mitreißen – doch auf jede Welle dieser Begeisterung folgte im Interview verlässlich das selbstgefällige „Aber“ eines geladenen Finanzexperten. Da wurde dann in steriler Atmosphäre über die Minuszahlen des ersten Quartals doziert, als ob rote Zahlen in einer massiven Expansionsphase zwangsläufig Rückschlüsse auf den langfristigen Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens zulassen würden. Besonders heuchlerisch wird es dann, wenn dieselben Kritiker, die eben noch lautstark gewarnt haben, beiläufig einräumen, trotzdem privat ein paar Anteile im Portfolio zu halten. Man bremst die Begeisterung der Allgemeinheit aus, will aber insgeheim mitschröpfen, falls die Vision doch abhebt. Es ist ein kalkuliertes Gatekeeping: Mit Informationsasymmetrie wird die lästige Konkurrenz der Kleinanleger verunsichert, um sich selbst die Filetstücke am Markt zu sichern. Und die wenigen aufrichtigen Mahner unter den Finanzexperten übersehen durch den ablenkenden Blick in ihr Zahlen-Kaleidoskop das Wesentliche: die faszinierende Triebkraft hinter diesem Projekt.
Der Macher und seine Grenzenlosigkeit
Man muss kein bedingungsloser „Fan“ von Elon Musk sein, um anzuerkennen, dass er eine der herausragenden Persönlichkeiten unserer Zeit ist. Natürlich eckt er an. Seine politischen Ausflüge ins Weiße Haus oder so manche exzentrische Verrücktheit auf der Weltbühne lassen einen den Kopf schütteln. Und ganz unter uns: Seine rhythmischen Gehversuche bei diversen öffentlichen Auftritten sind – nun ja – gewöhnungsbedürftig. Zugegeben, seine Moves sind immer noch um Lichtjahre besser als die seines Ex-Kumpels. Aber als leidenschaftliche Tänzerin juckt es mich dennoch jedes Mal in den Fingern. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass er diese Zeilen liest, sei ihm hiermit ein Angebot unterbreitet: ein paar exklusive und kostenlose Trainingsstunden im argentinischen Tango. Ein bisschen Musikalität, Zentrierung, Dissoziation und klare Struktur würden seinem Genie sicherlich nicht schaden. Es könnte ihm genau den geerdeten Halt geben, den man braucht, während der Kopf getrost in den Sternen hängt.
Aber Spaß beiseite: wer große Dinge bewegen will, bewegt sich in der Regel nicht in den Bahnen der gängigen Konventionen. Kurz vor dem Läuten der Börsenglocke zeigte Elon Musk übrigens eine fast schon rührende Ehrfurcht, als er sinngemäß einräumte, dass er selbst vor ein paar Jahren niemals gedacht hätte, heute an diesem historischen Punkt zu stehen. Was ihn auszeichnet, ist die pure, grenzenlose Vorstellungskraft eines echten Machers. Während die Analysten noch das Risiko kalkulieren, baut er an seiner Vision einer strukturierten Zukunft der menschlichen Raumfahrt. Wo andere Mauern sehen, sieht er eine Startrampe.
Das Fundament trägt die Sterne
Doch woher kommen die Minuszahlen, über die in den Nachrichten so herablassend gesprochen wurde? Sie sind kein Zeichen von Schwäche, sondern das Ergebnis gigantischer Investitionen. Es sind Ausgaben für echten Stahl, tonnenschweren Treibstoff, hochkomplexe Triebwerke und den Aufbau von realen Fabriken. Und hier kommen wir zum eigentlichen Trugschluss der Finanz-Elite: Geld allein baut keine Raketen.
Als jemand, der aus einer Arbeiterfamilie stammt, weiß ich: Die wahren Säulen unserer Gesellschaft sind die Menschen, die jeden Tag aufstehen und reale Werte schaffen. Es sind die Schweißer, die Ingenieure, die Mechaniker und Logistiker, die den Traum vom All physisch und ganz und gar real zusammensetzen. Ein System, in dem die Verwalter des Geldes auf die Erbauer der Realität herabschauen, hat seinen inneren Kompass verloren. Ohne die ehrliche Arbeit am Boden würde kein einziger Traum jemals abheben!
In der Wirtschaftssoziologie spricht man längst von einer fortschreitenden Finanzialisierung, bei der die reine Wertextraktion die tatsächliche Wertschöpfung verdrängt. Es ist eine tief sitzende, fast schon systemische Wahrnehmungsstörung: Wer heute durch ein paar Klicks und Wischbewegungen auf dem Smartphone Renditen erzielt, erliegt oft der kognitiven Dissonanz, diese sterile Zahlenjonglage für eine echte gesellschaftliche Leistung zu halten. Doch kein Algorithmus und kein Spekulationsgewinn stellt ein reales Essen auf den Teller, baut ein Auto oder deckt ein Dach.
Während der produktive Investor – der sein Erspartes klug vor dem Wertverlust schützt – an den langfristigen Nutzen einer Vision glaubt, agiert die Finanz-Elite rein extraktiv. Es ist ein beinahe parasitäres Verhalten: Man vermehrt nicht den Wohlstand, sondern schneidet sich nur ein größeres Stück von einer Torte ab, die Schweißer, Ingenieure und Programmierer mit physischer und mentaler Kraft überhaupt erst gebacken haben. Dabei erliegen diese Akteure der Illusion eigener Selbstwirksamkeit, indem sie zufällige Marktgewinne als persönliches Talent verbuchen – obwohl ihr vermeintlicher Erfolg in Wahrheit überwiegend auf purem Glück und günstigen Wellenbewegungen beruht. Wo aber der Zufall regiert, verblasst die Arroganz: Insofern wäre deutlich mehr Demut vor der monumentalen Pionierrolle angezeigt, mit der ein Unternehmen wie SpaceX echte, unumstößliche Maßstäbe setzt.
Ein Stück Unendlichkeit
Am Ende geht es bei diesem Projekt um so viel mehr als um ein Tickersymbol an einer Anzeigetafel oder die prozentuale Gewichtung in einem anonymen Portfolio. Es geht um eine der ältesten Sehnsüchte der Menschheit. Seit wir als Spezies nachts an den Lagerfeuern saßen und zu den Sternen aufblickten, träumen wir davon, zu erfahren, was hinter dem Horizont liegt.
Die risikoscheuen Verwalter der Gegenwart werden die Welt niemals verändern und auch keine Geschichte schreiben. Es sind die Mutigen, die Träumer und die Macher, die uns voranbringen. SpaceX fasziniert uns nicht, weil es eine Aktie ist, sondern weil es uns daran erinnert, wozu wir fähig sind, wenn wir das Hamsterrad für einen Moment vergessen und den Blick nach oben richten. Es ist der romantische Glaube daran, dass unsere Reise als Menschheit nicht am Boden endet, sondern dass wir ein winziges Stück Unendlichkeit mitgestalten dürfen. Denn der wahre Wert des Aufbruchs zu den Sternen liegt weit jenseits der Spalten und Zeilen einer nüchternen Bilanz.
(Video: Eigene Aufnahme der vorbeiziehenden Satellitenflotte „Starlink“ über Süddeutschland aus dem Jahr 2022)


