Toleranz auf dem Prüfstand

Hast du dich in letzter Zeit auch mal gefragt, ob unsere gesellschaftliche Toleranz eigentlich nur noch so lange hält, wie alle absolut derselben Meinung sind?

Ich habe mir gestern Morgen beim Frühstücksfernsehen auf Sat.1 die Augen und Ohren gerieben. Da saß der Psychologe Ahmad Mansour und stellte sein aktuelles Buch „Haltung ohne Hass“ vor. Er sprach über ein Phänomen, wonach immer mehr Menschen es schlicht nicht aushalten, wenn jemand eine abweichende Meinung vertritt. Dieser Beoachtung schließe ich mich an: Sobald das eigene, mühsam zusammengezimmerte Narrativ infrage gestellt wird, schlägt die Stimmung rasend schnell um – in Aggression, Abwertung und verordnete Denkverbote.

Man sieht das besonders gut, wenn man die aktuellen weltpolitischen Schlagzeilen beobachtet. Im Nahen Osten brennt die Hütte, die Eskalation rund um den Iran und die Region hält die Welt in Atem. Doch was macht der mediale Mainstream daraus? Entweder verfällt man in staatsmännische Inszenierungen, oder die Berichterstattung schrumpft ganz schnell auf die eine, existenziellste aller deutschen Fragen zusammen: Was macht das eigentlich mit unseren Spritpreisen an der Tankstelle?

Man könnte fast darüber schmunzeln, wenn es nicht so traurig wäre. Was bei dieser meisterhaften Nabelschau nämlich fast immer auf der Strecke bleibt, sind die Menschen vor Ort – die Zivilisten, die am Ende doppelt leiden: unter den Luftschlägen auf der einen Seite und unter der Unterdrückung durch das Mullah-Regime auf der anderen.

Aber anstatt differenziert hinzuschauen und das Leid aller Betroffenen wahrzunehmen, bekommen wir oft ein fertiges, emotionales Skript serviert. Uns wird vorgekaut, wann wir Mitgefühl empfinden sollen und wann Distanz angesagt ist. Man hat fast den Eindruck, dass eine echte, vielschichtige Meinungsbildung gar nicht mehr erwünscht ist, sondern dass man gefälligst eine vorgefertigte Haltung zu übernehmen hat.

Der berühmte jüdisch-amerikanische Linguist, Philosoph und Kognitionswissenschaftler Noam Chomsky brachte dieses Mechanismus einst treffend auf den Punkt:

Doch schaut man sich unsere heutige Empörungskultur an, möchte man Chomsky fast korrigieren: Selbst die Debatte innerhalb des abgesteckten Korridors ist kaum noch lebhaft – sie ist oft nur noch laut, hochgradig gereizt und erstickt jeden echten Austausch im Keim.

Wie tief dieser Zwang zur Konformität sitzt und wie schnell eine verordnete Haltung in blinde Aggression umkippt, durfte ich schon am eigenen Leib erfahren. Ich saß am Frühstückstisch mit einem Bekannten – einem gebildeten, studierten Politologen, der berufsbedingt eigentlich prädestiniert dafür sein sollte, Konflikte sachlich und aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Doch beim Thema Ukraine war bei ihm jegliche akademische Distanz verflogen.

Ich sah die Situation – ganz unaufgeregt und anfangs tiefenentspannt – aus einer rein christlich-humanistischen Perspektive. Ich bin weder Russin noch Ukrainerin. Mein einziges Anliegen war und ist, dass das Sterben aufhört. Aus meiner Sicht ist dieser Konflikt ein zutiefst tragischer Bruderkrieg zweier Völker, deren Kultur, Geschichte und Familien seit Jahrhunderten untrennbar miteinander verwoben sind. Und ich vertrete die ganz pragmatische Haltung: Staatsgrenzen waren im Laufe der Geschichte immer in Bewegung – aber kein Stück Land dieser Erde ist es wert, dafür unzählige Menschenleben zu opfern.

Man kann das Vorgehen der russischen Regierung zwar verurteilen, aber wenn man schon den Begriff des Angriffskriegs verwendet, dann war es vor allem eines: ein provoziertes Handeln. Als ich versuchte, diese geopolitische Vielschichtigkeit anzusprechen – etwa die mündlichen Sicherheitsgarantien des Westens im Zuge der 2+4-Verhandlungen 1990 –, wischte er das völlig plump vom Tisch. Die Ukraine sei autonom und könne tun und lassen, was sie wolle. Punkt. Internationales Recht oder geopolitische Realitäten? Spielten für ihn keine Rolle mehr.

Als ich ihm vorsichtig zu bedenken gab, dass solche komplexen rechtshistorischen Fragen vielleicht von klügeren Köpfen beurteilt werden sollten, die tiefer in der Materie stecken als wir beide, reagierte er zutiefst gekränkt und ließ dies nicht gelten. Sein akademischer Stolz duldete schlicht keinen Raum für intellektuelle Demut. Und als ich das historische Beispiel anführte, dass auch Griechenland lernen musste zu akzeptieren, dass Grenzen sich im Laufe der Zeit verschieben und heute beispielweise leider auch niemand mehr in Frage stellt, dass Konstantinopel den Türken gehört, schoss er nur noch völlig trotzig und ohne sich des Eigentors bewusst zu sein zurück: „Istanbul gehört der Türkei. Punkt!“

Und dann kippte es vollends ins Absurde: Ausgerechnet er, der millimetergenau das vorgekaute Narrativ von den ausnahmslos „guten Ukrainern“ und den „bösen Russen“ nachplapperte, warf mir allen Ernstes vor, ich würde die Mainstream-Meinung vertreten und sei der Propaganda zum Opfer gefallen. Verblüfft über seinen zunehmend aggressiven Tonfall mir gegenüber, aber auch weil sich meine Leidenschaft für das konkrete Thema eher in Grenzen hielt, versuchte ich die Sutuation zu deeskalieren, ohne jedoch meinen Standpunkt aufzugeben. Also erklärte ich ihm, dass es doch nicht schlimm sei, wenn wir zu diesem Thema abweichende Meinungen vertreten und auf keinen gemeinsamen Nenner kommen. Aber meine diplomatische Haltung machte ihn nur noch wütender.

Anstatt mit Argumenten zu kontern, war sein moralisches Kartenhaus zusammengebrochen. Er verließ schlagartig die Küche, lief in der Wohnung umher, schäumte vor blinder Wut und wurde einfach nur noch frech. Ich habe die Zeichen nicht erkennt, drohte er mir. Dies stimmte nicht. Die Zeichen und die aufkeimende Bedrohungslage für mich hatte ich durchaus mit Sorge zur Kenntnis genommen, aber deshalb knicke ich in meinen Werten nicht ein.

Er warf mich schließlich aus seiner Wohnung. Auf meine Abschiedsfrage, was der Russland-Ukraine-Konflikt eigentlich ganz konkret mit ihm oder mir zu tun habe, wusste er keine Antwort mehr. Es war der endgültige Schlussstrich unter dieser Bekanntschaft – wie nach einer Tanda im Tango, nach der sich bedankt, loslässt und fortan getrennte Wege geht.

Reibung bringt Bildung

Ich erzähle das nicht, um jemandem meine Sichtweise aufzuzwingen. Aber ich bin zutiefst davon überzeugt: Wir wachsen und entwickeln uns als Bürger nicht weiter, wenn wir uns nur noch in Wohlfühlblasen mit Gleichgesinnten umgeben und uns gegenseitig die eigene Meinung bestätigen. Echte Bildung und geistige Reife entstehen erst durch Reibung – dadurch, dass man sich mit anderen Auffassungen auseinandersetzt, zuhört und auch mal aushält, dass jemand die Welt anders sieht.

Ich halte andere Meinungen ganz hervorragend aus. Und ich finde, wir sollten uns alle wieder mehr darauf besinnen, genau das zu lernen. Ich lasse mir meine emotionale und intellektuelle Unabhängigkeit nicht nehmen und mir nicht vorkauen, was ich zu fühlen oder zu denken habe.

Vielleicht wird es Zeit, dass wir den Mut aufbringen, den Radikalen und Empörten aller Seiten nicht das Feld zu überlassen. Ein echter, mündiger Diskurs hält abweichende Sichtweisen aus – ohne sein Gegenüber einzuschüchtern, zu entwerten oder wütend aus dem Raum zu rennen.

Aufgrund meiner Erfahrungen sowie der zunehmenden Radikalisierung in Deutschland möchte ich noch besser verstehen, welche psychologischen Mechanismen Menschen in politischen Debatten so schnell verhärten und radikalisieren lassen. Daher werde ich das Buch von Ahmad Mansour definitiv lesen.

Funkenflug zum Mars

​Man konnte es in den letzten Tagen kaum übersehen: Die Bildschirme flimmerten, und schließlich läutete sie, die historische Börsenglocke an der NASDAQ zum SpaceX-Börsengang. Ein Moment voller Euphorie und Pioniergeist. Doch in den Fernsehstudios bot sich schnell das gewohnte Kontrastprogramm: Analysten und Finanzexperten im maßgeschneiderten Anzug, die mit einem fast schon mitleidigen, arroganten Schmunzeln von oben herab über die Aktie urteilten.

Der mediale Wirbel

Schon in den Tagen vor dem Ereignis war in den Medien eine greifbare Euphorie zu spüren; die Nachrichtensprecher moderierten das historische Event voller Faszination an und ließen sich von der Vision und dem monumentalen Schubdruck des Projekts mitreißen – doch auf jede Welle dieser Begeisterung folgte im Interview verlässlich das selbstgefällige „Aber“ eines geladenen Finanzexperten. Da wurde dann in steriler Atmosphäre über die Minuszahlen des ersten Quartals doziert, als ob rote Zahlen in einer massiven Expansionsphase zwangsläufig Rückschlüsse auf den langfristigen Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens zulassen würden. Besonders heuchlerisch wird es dann, wenn dieselben Kritiker, die eben noch lautstark gewarnt haben, beiläufig einräumen, trotzdem privat ein paar Anteile im Portfolio zu halten. Man bremst die Begeisterung der Allgemeinheit aus, will aber insgeheim mitschröpfen, falls die Vision doch abhebt. Es ist ein kalkuliertes Gatekeeping: Mit Informationsasymmetrie wird die lästige Konkurrenz der Kleinanleger verunsichert, um sich selbst die Filetstücke am Markt zu sichern. Und die wenigen aufrichtigen Mahner unter den Finanzexperten übersehen durch den ablenkenden Blick in ihr Zahlen-Kaleidoskop das Wesentliche: die faszinierende Triebkraft hinter diesem Projekt.

​Der Macher und seine Grenzenlosigkeit

​Man muss kein bedingungsloser „Fan“ von Elon Musk sein, um anzuerkennen, dass er eine der herausragenden Persönlichkeiten unserer Zeit ist. Natürlich eckt er an. Seine politischen Ausflüge ins Weiße Haus oder so manche exzentrische Verrücktheit auf der Weltbühne lassen einen den Kopf schütteln. Und ganz unter uns: Seine rhythmischen Gehversuche bei diversen öffentlichen Auftritten sind – nun ja – gewöhnungsbedürftig. Zugegeben, seine Moves sind immer noch um Lichtjahre besser als die seines Ex-Kumpels. Aber als leidenschaftliche Tänzerin juckt es mich dennoch jedes Mal in den Fingern. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass er diese Zeilen liest, sei ihm hiermit ein Angebot unterbreitet: ein paar exklusive und kostenlose Trainingsstunden im argentinischen Tango. Ein bisschen Musikalität, Zentrierung, Dissoziation und klare Struktur würden seinem Genie sicherlich nicht schaden. Es könnte ihm genau den geerdeten Halt geben, den man braucht, während der Kopf getrost in den Sternen hängt.

Aber Spaß beiseite: wer große Dinge bewegen will, bewegt sich in der Regel nicht in den Bahnen der gängigen Konventionen. Kurz vor dem Läuten der Börsenglocke zeigte Elon Musk übrigens eine fast schon rührende Ehrfurcht, als er sinngemäß einräumte, dass er selbst vor ein paar Jahren niemals gedacht hätte, heute an diesem historischen Punkt zu stehen. Was ihn auszeichnet, ist die pure, grenzenlose Vorstellungskraft eines echten Machers. Während die Analysten noch das Risiko kalkulieren, baut er an seiner Vision einer strukturierten Zukunft der menschlichen Raumfahrt. Wo andere Mauern sehen, sieht er eine Startrampe.

​Das Fundament trägt die Sterne

​Doch woher kommen die Minuszahlen, über die in den Nachrichten so herablassend gesprochen wurde? Sie sind kein Zeichen von Schwäche, sondern das Ergebnis gigantischer Investitionen. Es sind Ausgaben für echten Stahl, tonnenschweren Treibstoff, hochkomplexe Triebwerke und den Aufbau von realen Fabriken. Und hier kommen wir zum eigentlichen Trugschluss der Finanz-Elite: Geld allein baut keine Raketen.

​Als jemand, der aus einer Arbeiterfamilie stammt, weiß ich: Die wahren Säulen unserer Gesellschaft sind die Menschen, die jeden Tag aufstehen und reale Werte schaffen. Es sind die Schweißer, die Ingenieure, die Mechaniker und Logistiker, die den Traum vom All physisch und ganz und gar real zusammensetzen. Ein System, in dem die Verwalter des Geldes auf die Erbauer der Realität herabschauen, hat seinen inneren Kompass verloren. Ohne die ehrliche Arbeit am Boden würde kein einziger Traum jemals abheben!

In der Wirtschaftssoziologie spricht man längst von einer fortschreitenden Finanzialisierung, bei der die reine Wertextraktion die tatsächliche Wertschöpfung verdrängt. Es ist eine tief sitzende, fast schon systemische Wahrnehmungsstörung: Wer heute durch ein paar Klicks und Wischbewegungen auf dem Smartphone Renditen erzielt, erliegt oft der kognitiven Dissonanz, diese sterile Zahlenjonglage für eine echte gesellschaftliche Leistung zu halten. Doch kein Algorithmus und kein Spekulationsgewinn stellt ein reales Essen auf den Teller, baut ein Auto oder deckt ein Dach.

Während der produktive Investor – der sein Erspartes klug vor dem Wertverlust schützt – an den langfristigen Nutzen einer Vision glaubt, agiert die Finanz-Elite rein extraktiv. Es ist ein beinahe parasitäres Verhalten: Man vermehrt nicht den Wohlstand, sondern schneidet sich nur ein größeres Stück von einer Torte ab, die Schweißer, Ingenieure und Programmierer mit physischer und mentaler Kraft überhaupt erst gebacken haben. Dabei erliegen diese Akteure der Illusion eigener Selbstwirksamkeit, indem sie zufällige Marktgewinne als persönliches Talent verbuchen – obwohl ihr vermeintlicher Erfolg in Wahrheit überwiegend auf purem Glück und günstigen Wellenbewegungen beruht. Wo aber der Zufall regiert, verblasst die Arroganz: Insofern wäre deutlich mehr Demut vor der monumentalen Pionierrolle angezeigt, mit der ein Unternehmen wie SpaceX echte, unumstößliche Maßstäbe setzt.

​Ein Stück Unendlichkeit

​Am Ende geht es bei diesem Projekt um so viel mehr als um ein Tickersymbol an einer Anzeigetafel oder die prozentuale Gewichtung in einem anonymen Portfolio. Es geht um eine der ältesten Sehnsüchte der Menschheit. Seit wir als Spezies nachts an den Lagerfeuern saßen und zu den Sternen aufblickten, träumen wir davon, zu erfahren, was hinter dem Horizont liegt.

​Die risikoscheuen Verwalter der Gegenwart werden die Welt niemals verändern und auch keine Geschichte schreiben. Es sind die Mutigen, die Träumer und die Macher, die uns voranbringen. SpaceX fasziniert uns nicht, weil es eine Aktie ist, sondern weil es uns daran erinnert, wozu wir fähig sind, wenn wir das Hamsterrad für einen Moment vergessen und den Blick nach oben richten. Es ist der romantische Glaube daran, dass unsere Reise als Menschheit nicht am Boden endet, sondern dass wir ein winziges Stück Unendlichkeit mitgestalten dürfen. Denn der wahre Wert des Aufbruchs zu den Sternen liegt weit jenseits der Spalten und Zeilen einer nüchternen Bilanz.

(Video: Eigene Aufnahme der vorbeiziehenden Satellitenflotte „Starlink“ über Süddeutschland aus dem Jahr 2022)

Der Nächste, bitte!

Der Nächste, bitte! – Plädoyer für die Abschaffung der festen Tanzpartnerschaft als zwingendes Erfordernis zur Teilnahme am Gruppen-Unterricht von Tanzschulen für Tango Argentino:

Zugegeben, der Betreff ist hochtrabend, trocken und formell formuliert. Überhaupt nicht tangolike. Wer sich an Formalitäten grundsätzlich stört, möge sich aber ebenso gut gerne einmal mit der fragwürdigen Formalität eines festen Tanzpartners auseinandersetzen. Gleichermaßen hochtrabend, trocken und formell finde ich nämlich Hinweise auf Webseiten von Tangoschulen wie etwa:

„Anmeldung bitte nur paarweise“.

Oder auch „Es werden nur Anmeldungen mit Partner akzeptiert“.

Oft liest man auch: „Wenn du keinen Tanzpartner hast, helfen wir dir gerne, einen zu finden.“

Bla bla bla… Ein echt stattlicher bürokratischer Bremsklotz für alle Solo-Lernenden und ein regelrechter Killer für jede motivierte Tangoseele!

Mein folgender Appell richtet sich primär an kompetente Tangolehrerinnen und -lehrer von Format. Sie sind diejenigen, die den Takt für die Unterrichtskultur im Tango angeben.

Aber viele Tangueros und vor allem Tangueras kennen die Problematik selbst nur zu gut: die Suche nach einem passenden Tanzpartner.

Es ist schwer bis unmöglich jemanden zu finden, der körperlich und menschlich zu einem passt. Viele Tanzpartnerschaften gehen mit der Zeit in die Brüche, oft früher als erwartet. Viele, vor allem Frauen, lassen sich erniedrigen oder erniedrigen sich mangels Selbstachtung selbst, um einen guten Tanzpartner zu finden oder zu halten. Durch den Führendenmangel, der vielerorts herrscht, werden die Herren – meist führen sie in der Rollenverteilung – fast automatisch in eine Machtposition erhoben, welche manche von ihnen schamlos ausnutzen. Ein großer Missstand in der Tangoszene übrigens, der zwar bekannt ist, aber leider kaum Beachtung findet.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, das alles muss nicht sein. Denn es geht auch anders. Seit einiger Zeit besuche ich mit großer Begeisterung eine Tangoschule in meiner anderen Heimat, Griechenland. Genauer gesagt in Korinthos auf der Halbinsel Peloponnes. An dieser gibt es das Problem mit der Tanzpartnersuche gar nicht. Denn mit einem festen Tanzpartner erscheint dort nämlich niemand im Unterricht. Man ist Individuum und nicht Paket.

Es wird dort munter rotiert, wobei der Lehrer meist entscheidet, wann es Zeit ist zu wechseln oder wer als nächstes mit wem tanzt. Natürlich gibt es auch dort eine zahlenmäßige Geschlechterdiskrepanz unter den Kursteilnehmern, aber jeder Herr übt im Laufe der Stunde mal mit jeder Dame die vorgegebene Figur/Kombination.

Der Herrenmangel ist insofern kein spürbares Problem. Die freien Damen machen eine kurze Pause, trinken einen Schluck oder üben für sich ein bisschen an der Stange. Letzteres macht nicht nur Spaß, sondern räumt das Gehirn auf, wenn es mit dem Unterrichtsthema nicht auf Anhieb klappt. Da entstehen bis zum nächsten Partner meist keine langen Wartezeiten, die es zu überbrücken gilt.

Natürlich sollte kein allzu extremes Ungleichgewicht zwischen Führenden und Folgenden herrschen. Wie hoch dieses maximal sein darf, damit das funktioniert können Statistiker gerne berechnen. Da will ich keine Empfehlungen aussprechen.

Die Unterrichtsatmosphäre wirkt durch die regelmäßige Rotation nicht nur entspannter, sondern sie ist auch definitiv entspannter und auch persönlicher, aber keineswegs chaotisch, wie man vielleicht meinen könnte.

Selbst wenn mal Frust beim Lernen einsetzt, weil etwas nicht so recht klappen will, kann man bald wieder zu jemandem wechseln, mit dem diese Figur vielleicht besser funktioniert. Durch den steten Partnerwechsel weht ständig ein frischer Wind. Dennoch ist der Unterricht ganz klar konzipiert und strukturiert.

Es geht mir ums grundsätzliche Prinzip. Bis dato hatte sich nämlich der Irrglaube in mein Gehirn eingebrannt: „Ich muss einen Tanzpartner finden. Ich muss einen Tanzpartner finden.…“

Aber warum überhaupt? Ok, bei Tango Escenario z.B. macht es natürlich Sinn, anlässlich eines Showauftritts zielorientiert mit einem bestimmten Partner zu trainieren. Aber in den meisten Schulen in Deutschland wird Tango de Salón unterrichtet, was als ein Einstieg auch sinnvoll ist. Da werden die Schüler, allenfalls auf die Besuche von Milongas vorbereitet, wo die meisten Gäste mehrmals den Tanzpartner wechseln.

Warum bitteschön herrscht dann im Tanzkurs Monogamie, wenn man – als eines der Lernziele – mit verschiedenen Partnern tanzen können soll? Das erscheint mir unlogisch.

Ich bin der Überzeugung, dass mit der Aufhebung des Tanzpartnerzwangs 1. man unabhängig von anderen ist, 2. die grundsätzlichen Schwierigkeiten bei der Suche nach dem passenden Partner komplett entfallen, 3. man die dadurch eingesparte Energie und Zeit in den Lernprozess investieren kann, 4. der Machtmissbrauch gekappt wird, da gleiche Bedingungen für beide Lager (Führende und Folgende) und somit alle Lernenden herrschen, 5. man insgesamt schneller lernt, weil man neue Elemente, Figuren und Bewegungsabläufe gleich mit verschiedenen Partnern anwendet und 6. im Nebeneffekt der Gruppenzusammenhalt nicht nur gestärkt wird, sondern dieser überhaupt erst entsteht, denn im Unterricht der meisten Schulen gibt es faktisch kein echtes Zusammengehörigkeitsgefühl, da jedes Paar mit Scheuklappen sein eigenes Ding durchzieht.

Wer wiederum wirklich nur exklusiv mit seinem eigenen Lebenspartner lernen und diesen nicht mit anderen „teilen“ will, hat entweder die Möglichkeit, seine Scheu oder Eifersucht zu überwinden und es trotzdem mal zu versuchen, was im Tango generell sinnvoll ist, oder es bleibt die Möglichkeit, gemeinsam Privatstunden zu nehmen. Nach ihnen allein sollte sich die Unterrichtsstruktur im Kurs, aber auch die Unterrichtskultur keinesfalls richten. Das würde durch die Bank weg sämtliche Solo-Lernende diskriminieren.

Als solche fühle ich mich, um das mal ganz deutlich zu sagen, nämlich massiv zurückgestellt durch das Erfordernis der festen Tanzpartnerschaft.

Hätte ich nicht die Initiative ergriffen und Schulen mit anderen Unterrichtsmethoden eine Chance gegeben, würde ich noch heute – ohne den Hauch einer kontinuierlichen Unterrichtsmöglichkeit – meine wertvolle Zeit und Energie mit der Partnersuche vergeuden und vertrauensselig sowie vergeblich auf zweifelhaften Wartelisten mit intransparenten Vergabekriterien für einen passenden Tanzpartner stehen und zwar bis ich alt und grau bin….

Stattdessen übe ich in großzügigen 90 –  120-minütigen Kursstunden endlich neue Sachen, lerne z.B. Planeos, Volcadas oder die korrekte Beinführung bei Barridas. Ok, für viele fortgeschrittene Tänzer ist das nichts Besonderes, aber an deutschen Tangoschulen war ich lange Zeit vom Unterricht ausgeschlossen und stagnierte in meiner Entwicklung, sodass ich fast vom Glauben abgefallen wäre.

Ich habe nun endlich einen riiiesen Spaß am Lernen und wünschte, es gäbe in meinem Umfeld in Deutschland wenigstens eine einzige Tangoschule, in der man das auch so handhaben würde, sodass ich dieselbe Freude in meiner anderen Heimat erleben könnte.

Liebe Maestras und Maestros, ich möchte Tango lernen! Bei euch und mit euch! Hört also bitte auf, mich durch unzeitgemäße Konzepte vom Unterricht auszuschließen!

Tag der Entscheidung

Meine Tangofreunde möchte ich gleich zu Beginn vertrösten. Sorry ihr Lieben, aber auch dieser Beitrag dreht sich nicht um unsere Leidenschaft, sondern wieder einmal um Politik. Nichts gegen einen angenehmen und gepflegten Partner, mit dem man zu Di Sarli und Co. schwelgen kann, aber manchmal gibt es einfach Wichtigeres im Leben. Den Kopf in fremde Fittiche zu vergraben, ändert jedenfalls rein gar nichts an den Problemen unserer Gesellschaft. Wobei….vielleicht wären manche Menschen weniger frustriert oder aggressiv, wenn sie Tango tanzen würden…. Aber lassen wir das jetzt, vielleicht greife diesen Gedanken ein anderes Mal auf.

Ja, Politik ist wichtig und heute ganz besonders, denn es ist Bundestagswahl. Heute entscheiden die Deutschen nicht nur, wer ins Parlament einzieht und das Land die nächsten vier Jahre regiert, sondern auch – das ist leider vielen nicht ganz bewusst – wie sie in Zukunft leben möchten. Das Damoklesschwert, das über uns schwebt, dürfte jedem halbwegs Informierten inzwischen bekannt sein. Insofern bin ich heute gar nicht in Stimmung, es erneut zu benennen und zu beschreiben. Dafür bin ich auch ehrlich gesagt viel zu gut gelaunt, denn das Wetter in meinem Wahlkreis ist einfach traumhaft schön.

Insofern habe ich es kein bisschen bereut, am heutigen Sonntag mal etwas früher aus den Federn gekrabbelt zu sein. Gewählt habe ich auch schon und zwar vor der ‚Rush Hour‘. Es hat bei mir Tradition zu Fuß ins Wahllokal zu gehen. Der demokratische Akt fühlt sich für mich ehrlich gesagt so auch etwas ‚realer‘ an und weniger abstrakt als ihn mit dem Auto zu erledigen. Dieses durfte heute gerne in der Garage bleiben. Außerdem liebe ich es einfach, die Leute an Wahlsonntagen zu beobachten. Heute war besonders viel Spaziervolk unterwegs: Fremde, Nachbarn, Junge, Alte, Paare, Familien, Kleingruppen, Singles…..alles dabei. Ich hoffe, das schlägt sich in der Wahlbeteiligung entsprechend positiv nieder.

Leider ist die Tragweite der Entscheidung immer noch nicht jedem bewusst. Deshalb mein erneuter Appell: jede einzelne Stimme zählt und zwar exakt gleich. Die Stimme des Mächtigen oder Reichen ist nicht gewichtiger als die des einfachen Bürgers. Wann und wo kann man das in unserer Gesellschaft sonst noch bitteschön behaupten? Also, lasst nicht Andere über euer Schicksal entscheiden, sondern bewegt eure Hintern und geht bitte zu eurem Wahllokal. Bis 18 Uhr ist Zeit.

Die Hochrechnungen spare ich mir übrigens. Ich habe bessere Pläne für heute Abend als am Fernseher zu kleben. Mich interessieren vielmehr endgülte Ergebnisse und die erfährt man früh genug. Aber allen, die jetzt schon eifrig kalkulieren, spekulieren und sondieren, noch bevor alle Stimmen abgegeben und ausgezählt sind, möchte ich mitteilen: wenn es nach mir ginge, lieber

Grogu statt Groko!

:–P

Bildquelle: Disney Plus

Nun, die Wahlergebnisse stehen inzwischen fest, ob es uns gefällt oder nicht….. Und da Grogu leider nicht zur Verfügung steht, um mithilfe der Macht Deutschland zu retten, möchte ich meinen obigen Appell wie folgt ergänzen: allemal lieber GroKo* als Kenia-Koalition**!!

* Koalition CDU/CSU + SPD

** Koalition CDU/CSU + SPD + Bündnis 90/Die Grünen

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