Die Osterfeiertage waren vorbei. Ein strahlend heller Tag, eigentlich. Wir kamen gerade aus dem Flugzeug aus Griechenland, meine Mutter, meine beiden Schwestern und ich. Vier Frauen, müde, voller Mitbringsel, die Koffer schwer auf den Rollen. Und dann stand da Simon.
Obwohl es Alternativen gab, hatte ich nachgegeben. Aus Mitleid. Aus diesem verdammten, antrainierten Impuls heraus, niemanden vor den Kopf stoßen zu wollen. Er hatte gebettelt, hatte sich aufgedrängt, wollte unbedingt den Fahrdienst spielen – angeblich aus freundschaftlicher Verbundenheit. Er war mit dem neuen Auto seines Vaters gekommen. Ein großes, leistungsstarkes Auto.
Simon wartete pünktlich am Terminal. Wir packten das Gepäck in den Kofferraum, stiegen ein. Meine Mutter und meine Schwestern nach hinten, ich auf den Beifahrersitz.
Wir fuhren auf die A5 Richtung Süden. Zuerst war alles normal. Wir machten Smalltalk. Doch dann veränderte sich die Atmosphäre im Wagen. Nicht schleichend, sondern schlagartig.
Ich sah zur Seite. Simons Hände krallten sich in das Lenkrad, bis die Knöchel weiß hervortraten. Seine Augen starrten starr auf die Fahrbahn, und plötzlich sah ich eine Träne über seine Wangen laufen. Keine Tränen der Rührung. Es war die pure, blanke, unberechenbare Verzweiflung.
Der Tacho zeigte immer höhere Zahlen. Der Motor dröhnte. Er gab Gas. Immer weiter. 160, 180, 200… Der Straßenbelag flog unter uns durch, die Leitplanken wurden zu einem verschwommenen Grau.
In diesem Moment traf es mich wie ein Eisklotz in der Magengegend. Es war keine Vermutung. Es war kein Zweifel. Es war eine glasklare, eiskalte Gewissheit: Er tut es. Er zieht es durch. Er fährt uns alle tot.
Er wollte nicht mehr leben, und er wollte mich nicht gehen lassen. Nicht nach der Trennung, nicht nach all den Jahren. Es war der reine, absolute Wunsch nach Vernichtung – akribisch geplant bis ins letzte Detail. Deshalb hatte er sich aufgedrängt, deshalb stand er am Terminal. Wenn er mich nicht besitzen konnte, sollte es mich nicht mehr geben. Er wollte nicht nur mich töten, sondern meine gesamte Existenz auslöschen: alles, was ich war, alles, was ich liebte. Meine Familie auf der Rückbank war kein Kollateralschaden. Sie waren mein Herzstück – und er wollte mein gesamtes Universum einreißen.
Mir lief es eiskalt den Rücken herunter. Mein Herz schlug nicht mehr schneller – es schien einfach aufzuhören. Die Zeit verlangsamte sich. Ich dachte an die Betonsockel der Brückenpfeiler. Ich dachte an den LKW vor uns. An das Metall, das gleich zerquetschen würde. Werden wir leiden oder geht alles ganz schnell und schmerzlos?
Eines wusste ich sicher: Wenn ich jetzt hysterisch schreie, wenn ich ihm ins Lenkrad greife, würde er uns ungebremst und ohne zu zögern durch die nächste Leitplanke oder gegen den nächsten Brückenpfeiler brettern.
Also erstickte ich das Entsetzen in meiner Kehle und ging in mich. Wenn ich sterben sollte, dann mit den dreien, die ich liebte – aber nicht so. Er hatte kein Recht dazu, über unsere Leben zu entscheiden. Nicht über meines und nicht über ihres.
Ich hatte nichts zu verlieren, also drehte ich mich langsam zu ihm, streckte meine Hand aus und legte sie ganz ruhig auf seine zitternde, verkrampfte Hand auf dem Ganghebel. Ich sah ihn an. Ich bettelte nicht. Ich weinte nicht. Ich versuchte nicht einmal zu verhandeln. Weder mit Augen, noch mit Worten. Ich sah ihn einfach nur an – mit einer Ruhe und einer nackten Menschlichkeit, die mich selbst erschreckte. Ich war einfach da. Für den Fall, dass dies die letzten Sekunden meines Lebens waren.
Sekunden wurden zu Ewigkeiten. Der Motor heulte.
Und dann – spürte ich, wie der Druck auf das Gaspedal ein wenig nachließ. Das dröhnende Geräusch wurde leiser. Der Wagen verlor an Fahrt. Er schluckte. Er blinkte. Er fuhr von der Autobahn ab.
Am Haus meiner Mutter hielt er an, zitternd vor Wut. Er schnauzte uns an, er warf die Zigarettenstange, die meine Mutter ihm als Dankeschön für die Heimfahrt geben wollte, voller Verachtung vor ihre Füße auf den Asphalt. Er schmiss uns raus wie Dreck. Wütend auf uns oder vielleicht auch wütend darüber, dass er keine Macht mehr über mich hatte.
Wir standen da, mit unseren Koffern. Meine Familie verstand die Welt nicht mehr. Sie dachten, er sei einfach nur unfassbar unhöflich und emotional labil gewesen. Dass der Tod mitfuhr, war ihnen nicht bewusst.
Ich sagte kein Wort. Kein Vorwurf, keine Drohung. Ich wusste, dass jede weitere Reaktion ihn nur nähren würde. Ich wollte keine Vergeltung, keinen Streit – ich wollte nur, dass dieser Mensch für immer aus meinem Leben verschwindet. Also stand ich einfach nur da, mitten im Sturm, das Adrenalin wie Gift in meinen Adern, und wusste: Wir haben überlebt. Um Haaresbreite.
Hast du dich in letzter Zeit auch mal gefragt, ob unsere gesellschaftliche Toleranz eigentlich nur noch so lange hält, wie alle absolut derselben Meinung sind?
Ich habe mir gestern Morgen beim Frühstücksfernsehen auf Sat.1 die Augen und Ohren gerieben. Da saß der Psychologe Ahmad Mansour und stellte sein aktuelles Buch „Haltung ohne Hass“vor. Er sprach über ein Phänomen, wonach immer mehr Menschen es schlicht nicht aushalten, wenn jemand eine abweichende Meinung vertritt. Dieser Beoachtung schließe ich mich an: Sobald das eigene, mühsam zusammengezimmerte Narrativ infrage gestellt wird, schlägt die Stimmung rasend schnell um – in Aggression, Abwertung und verordnete Denkverbote.
Man sieht das besonders gut, wenn man die aktuellen weltpolitischen Schlagzeilen beobachtet. Im Nahen Osten brennt die Hütte, die Eskalation rund um den Iran und die Region hält die Welt in Atem. Doch was macht der mediale Mainstream daraus? Entweder verfällt man in staatsmännische Inszenierungen, oder die Berichterstattung schrumpft ganz schnell auf die eine, existenziellste aller deutschen Fragen zusammen: Was macht das eigentlich mit unseren Spritpreisen an der Tankstelle?
Man könnte fast darüber schmunzeln, wenn es nicht so traurig wäre. Was bei dieser meisterhaften Nabelschau nämlich fast immer auf der Strecke bleibt, sind die Menschen vor Ort – die Zivilisten, die am Ende doppelt leiden: unter den Luftschlägen auf der einen Seite und unter der Unterdrückung durch das Mullah-Regime auf der anderen.
Aber anstatt differenziert hinzuschauen und das Leid aller Betroffenen wahrzunehmen, bekommen wir oft ein fertiges, emotionales Skript serviert. Uns wird vorgekaut, wann wir Mitgefühl empfinden sollen und wann Distanz angesagt ist. Man hat fast den Eindruck, dass eine echte, vielschichtige Meinungsbildung gar nicht mehr erwünscht ist, sondern dass man gefälligst eine vorgefertigte Haltung zu übernehmen hat.
Der berühmte jüdisch-amerikanische Linguist, Philosoph und Kognitionswissenschaftler Noam Chomsky brachte dieses Mechanismus einst treffend auf den Punkt:
„Der wirkungsvollste Weg, Menschen passiv und gehorsam zu halten, besteht darin, das Spektrum akzeptabler Meinungen strikt zu beschränken, aber eine sehr lebhafte Debatte innerhalb dieses Spektrums zu erlauben.“ („The smart way to keep people passive and obedient is to strictly limit the spectrum of acceptable opinion, but allow very lively debate within that spectrum…“).
Doch schaut man sich unsere heutige Empörungskultur an, möchte man Chomsky fast korrigieren: Selbst die Debatte innerhalb des abgesteckten Korridors ist kaum noch lebhaft – sie ist oft nur noch laut, hochgradig gereizt und erstickt jeden echten Austausch im Keim.
Wenn der Diskurs am Frühstückstisch kippt
Wie tief dieser Zwang zur Konformität sitzt und wie schnell eine verordnete Haltung in blinde Aggression umkippt, durfte ich schon am eigenen Leib erfahren. Ich saß am Frühstückstisch mit einem Bekannten – einem gebildeten, studierten Politologen, der berufsbedingt eigentlich prädestiniert dafür sein sollte, Konflikte sachlich und aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Doch beim Thema Ukraine war bei ihm jegliche akademische Distanz verflogen.
Ich sah die Situation – ganz unaufgeregt und anfangs tiefenentspannt – aus einer rein christlich-humanistischen Perspektive. Ich bin weder Russin noch Ukrainerin. Mein einziges Anliegen war und ist, dass das Sterben aufhört. Aus meiner Sicht ist dieser Konflikt ein zutiefst tragischer Bruderkrieg zweier Völker, deren Kultur, Geschichte und Familien seit Jahrhunderten untrennbar miteinander verwoben sind. Und ich vertrete die ganz pragmatische Haltung: Staatsgrenzen waren im Laufe der Geschichte immer in Bewegung – aber kein Stück Land dieser Erde ist es wert, dafür unzählige Menschenleben zu opfern.
Man kann das Vorgehen der russischen Regierung zwar verurteilen, aber wenn man schon den Begriff des Angriffskriegs verwendet, dann war es vor allem eines: ein provoziertes Handeln. Als ich versuchte, diese geopolitische Vielschichtigkeit anzusprechen – etwa die mündlichen Sicherheitsgarantien des Westens im Zuge der 2+4-Verhandlungen 1990 –, wischte er das völlig plump vom Tisch. Die Ukraine sei autonom und könne tun und lassen, was sie wolle. Punkt. Internationales Recht oder geopolitische Realitäten? Spielten für ihn keine Rolle mehr.
Als ich ihm vorsichtig zu bedenken gab, dass solche komplexen rechtshistorischen Fragen vielleicht von klügeren Köpfen beurteilt werden sollten, die tiefer in der Materie stecken als wir beide, reagierte er zutiefst gekränkt und ließ dies nicht gelten. Sein akademischer Stolz duldete schlicht keinen Raum für intellektuelle Demut. Und als ich das historische Beispiel anführte, dass auch Griechenland lernen musste zu akzeptieren, dass Grenzen sich im Laufe der Zeit verschieben und heute beispielweise leider auch niemand mehr in Frage stellt, dass Konstantinopel den Türken gehört, schoss er nur noch völlig trotzig und ohne sich des Eigentors bewusst zu sein zurück: „Istanbul gehört der Türkei. Punkt!“
Und dann kippte es vollends ins Absurde: Ausgerechnet er, der millimetergenau das vorgekaute Narrativ von den ausnahmslos „guten Ukrainern“ und den „bösen Russen“ nachplapperte, warf mir allen Ernstes vor, ich würde die Mainstream-Meinung vertreten und sei der Propaganda zum Opfer gefallen. Verblüfft über seinen zunehmend aggressiven Tonfall mir gegenüber, aber auch weil sich meine Leidenschaft für das konkrete Thema eher in Grenzen hielt, versuchte ich die Sutuation zu deeskalieren, ohne jedoch meinen Standpunkt aufzugeben. Also erklärte ich ihm, dass es doch nicht schlimm sei, wenn wir zu diesem Thema abweichende Meinungen vertreten und auf keinen gemeinsamen Nenner kommen. Aber meine diplomatische Haltung machte ihn nur noch wütender.
Anstatt mit Argumenten zu kontern, war sein moralisches Kartenhaus zusammengebrochen. Er verließ schlagartig die Küche, lief in der Wohnung umher, schäumte vor blinder Wut und wurde einfach nur noch frech. Ich habe die Zeichen nicht erkennt, drohte er mir. Dies stimmte nicht. Die Zeichen und die aufkeimende Bedrohungslage für mich hatte ich durchaus mit Sorge zur Kenntnis genommen, aber deshalb knicke ich in meinen Werten nicht ein.
Er warf mich schließlich aus seiner Wohnung. Auf meine Abschiedsfrage, was der Russland-Ukraine-Konflikt eigentlich ganz konkret mit ihm oder mir zu tun habe, wusste er keine Antwort mehr. Es war der endgültige Schlussstrich unter dieser Bekanntschaft – wie nach einer Tanda im Tango, nach der sich bedankt, loslässt und fortan getrennte Wege geht.
Reibung bringt Bildung
Ich erzähle das nicht, um jemandem meine Sichtweise aufzuzwingen. Aber ich bin zutiefst davon überzeugt: Wir wachsen und entwickeln uns als Bürger nicht weiter, wenn wir uns nur noch in Wohlfühlblasen mit Gleichgesinnten umgeben und uns gegenseitig die eigene Meinung bestätigen. Echte Bildung und geistige Reife entstehen erst durch Reibung – dadurch, dass man sich mit anderen Auffassungen auseinandersetzt, zuhört und auch mal aushält, dass jemand die Welt anders sieht.
Ich halte andere Meinungen ganz hervorragend aus. Und ich finde, wir sollten uns alle wieder mehr darauf besinnen, genau das zu lernen. Ich lasse mir meine emotionale und intellektuelle Unabhängigkeit nicht nehmen und mir nicht vorkauen, was ich zu fühlen oder zu denken habe.
Vielleicht wird es Zeit, dass wir den Mut aufbringen, den Radikalen und Empörten aller Seiten nicht das Feld zu überlassen. Ein echter, mündiger Diskurs hält abweichende Sichtweisen aus – ohne sein Gegenüber einzuschüchtern, zu entwerten oder wütend aus dem Raum zu rennen.
Aufgrund meiner Erfahrungen sowie der zunehmenden Radikalisierung in Deutschland möchte ich noch besser verstehen, welche psychologischen Mechanismen Menschen in politischen Debatten so schnell verhärten und radikalisieren lassen. Daher werde ich das Buch von Ahmad Mansour definitiv lesen.
Vielleicht kennst Du das: Deine großen Neujahrsvorsätze sind längst im Alltag verpufft, und nun steckst Du mitten in der Fastenzeit und ringst erneut mit Dir selbst. Du versuchst mühsam, die Scherben Deiner Disziplin zusammenzukehren. Es ist ein ständiges Aufbäumen gegen alte Geister, ein kräftezehrendes Ringen um Veränderung, das oft mehr nach Kampf als nach Befreiung schmeckt. Doch was, wenn Dein eigentliches Problem gar nicht der mangelnde Wille ist, sondern die Angst vor dem, was bleibt, wenn Du wirklich ernst machst?
Dein Griff um das Erschöpfende
Es ist die wohl größte Ironie unseres Lebens: Wir klammern uns oft am festesten an jene Dinge, die uns am meisten Kraft kosten. Dabei geht es nicht nur um ungesunde Laster, die wir ablegen wollen. Es könnten auch andere Dinge oder Menschen sein, die uns nicht guttun. Nicht selten halten wir uns etwa an Verbindungen fest, die sich eindeutig falsch anfühlen oder an Gewohnheiten, die unseren Geist trüben – nicht etwa, weil sie uns noch nähren, sondern weil wir die Stille fürchten, die eintreten würde, wenn sie fort wären.
Die Angst als falscher Wegweiser
Dinge oder Menschen loszulassen, für die Du noch Gefühle hast, fühlt sich paradox an. Es ist ein kleiner Tod. Du verabschiedest Dich dabei nicht nur von einem Gegenüber, einer Substanz oder einer schlechten Angewohnheit, sondern damit auch von einem Teil Deiner eigenen Geschichte. Genau genommen lässt Du das Bild sterben, welches Du in dieser Verbindung von Dir selbst hattest – die Rolle des Hoffenden, des Duldenden, des Genießers oder desjenigen, der sich ohne seinen speziellen Anker – egal welcher – nicht vollständig fühlt.
Wir fürchten diesen Moment, in dem das Alte stirbt und nichts mehr da ist, was uns ablenkt oder definiert. Doch in Wahrheit ist dieser „kleine Tod“ die absolute Voraussetzung für jede echte Neuentstehung. Ein Gefäß ist nur nützlich, wenn es leer ist. Ein Raum kann nur neu gestaltet werden, wenn er nicht mit altem Gerümpel vollgestopft ist.
Mut zur radikalen Entscheidung
Wenn Du radikale Grenzen ziehst – sei es gegenüber einem Menschen, der Dich nicht respektiert will oder gegenüber Stoffen und Substanzen, die Dich knechten oder vielleicht sogar gegenüber Dir selbst und Dein krampfhaftes Begehren bestimmter Dinge, Personen oder Zielsetzungen –, dann erschaffst Du diesen leeren Raum ganz bewusst. Denn wer nichts mehr festhält, dem kann auch nichts mehr genommen werden. In dem Moment, in dem Du den „Griff“ lockerst, hört der ständige Energieverlust nach außen auf. Die Kraft, die Du bis dato aufgewendet hast, um eine schwierige Situation – vermeintlich ‚tapfer‘ – auszuhalten und das notwendige Loslassen hinauszuzögern, kehrt plötzlich Stück für Stück zu Dir zurück.
Die Vorahnung von festem Boden
Der schwierigste Moment ist das „Dazwischen“. Dein alter Halt ist weg, der neue noch nicht sichtbar. Du fühlst Dich innerlich aufgewühlt, unsicher und fragil. In dieser Phase ist es noch keine Sicherheit, die Dich trägt, sondern lediglich eine Vorahnung.
Diese Vorahnung ist die erste leise Wahrnehmung Deiner eigenen, ungebundenen Stärke. Zum ersten Mal fließt Deine Energie nicht mehr weg. Vielmehr beginnt sie, sich zu setzen und ganz langsam ein Fundament zu bilden, welches nicht mehr von äußeren Bestätigungen oder kurzfristigen Belohnungen abhängig ist. Es ist kein fester Boden, den Du findest, sondern einer, der in der Stille langsam und zunächst kaum spürbar unter Deinen eigenen Füßen wächst.
Fazit
Wahre Stärke zeigt sich meist nicht dort, wo wir kämpfen, um etwas zu halten oder zu erlangen. Sie zeigt sich dort, wo wir den Mut und die Überwindung aufbringen, loszulassen und damit die „Energielecks'“ zu schließen. Indem wir bewusst den Raum leeren, geben wir uns selbst die Chance sowie auch die Ermächtigung, wieder hörbar zu werden.
Kurz gesagt: Wenn Du das, was Dir nicht guttut, weggibst, gewinnst Du vielleicht im ersten Moment nichts Sichtbares hinzu, aber Du findest etwas Entscheidendes wieder: Die Integrität, in Deiner eigenen Mitte zu stehen – unbeeindruckt von der Verlustangst. Es ist wie ein Investment, das sich oft erst später auszahlt. Wovon auch immer Du Dich gerade befreien willst, Du musst da nicht zwangsläufig alleine durch, sondern kannst Dir kompetente Unterstützung für Dein Vorhaben suchen.
Wie ich euch bereits erzählt hatte, habe ich mir vor einiger Zeit die Hand verletzt. Seither begleiten zahlreiche Physiotermine, Gymnastik und Sorgen meinen Alltag. Ich investiere viel Zeit, Energie und Gedanken in die Wiederherstellung von Beweglichkeit, Kraft und Koordination. Vieles, was mir bis dato wichtig und lieb war, kann ich – zumindest bis auf weiteres – nicht mehr tun. Die gewohnten Fertigkeiten, über die man sich als Gesunder fast nie Gedanken macht, erobere ich nur sehr langsam und in kleinen Portionen wieder zurück. Dies ist eine meiner bisher größten Prüfungen in puncto Geduld.
Der Krisenfall
Als die erste (Teil-)Diagnose kurz nach dem Unfall gestellt war, dachte ich damals optimistisch „Ok, nochmal Glück im Unglück gehabt. In ca. 6 Wochen ist das Ganze verheilt plus vielleicht ein paar wenige Wochen Reha. Dann müsste alles wieder ok sein.“ Pustekuchen! Abgesehen davon, dass das genaue Ausmaß meiner Verletzung, also auch die Begleitschäden noch nicht absehbar waren, hatte ich nicht auf dem Schirm, was es genau bedeutet, den Alltag nur mit einer Hand zu bewältigen. Kurz gefasst, sie fehlt weit mehr als gedacht. Autofahren, Tango tanzen, Gitarre spielen und diverse Kontaktsportarten. Alles, was für meine Zufriedenheit und Balance von Bedeutung war, brach schlagartig weg. Darunter litt ich mehr als unter den physischen Schmerzen und teilweise noch immer. Von den gewohnten Handlungen im alltäglichen Leben ganz zu schweigen.
Dieser Beitrag soll jedoch kein Klagelied werden. Denn Selbstmitleid hilft mir nicht weiter – die tatkräftige Unterstützung meines Umfeldes sowie meiner Therapeuten hingegen schon. Lieber möchte ich euch erzählen, wie ich meine Situation bewältige und mich mental über Wasser halte. Wer jetzt aber ein ausgeklügeltes Konzept zur Krisenbewältigung erwartet, den muss ich gleich enttäuschen. Es gibt keins. Ich improvisiere.
Reiseabenteuer
Den Pausenknopf zu drücken und monatelang meiner Genesung entgegenzusehen, erschein mir als trostlose Zeitverschwendung. Also entschied ich mich, einfach weiterzuleben und zu unternehmen, was meine Stimmung heben könnte und wozu ich mich zumindest halbwegs imstande sah. Anstatt zu betrauern, was ich nicht mehr kann, konzentriere ich mich auf die Dinge, die ich kann und lote meine Grenzen aus. Das gibt mir Zuversicht und Kraft.
So bin ich etwa kurz nach der OP, wie ursprünglich geplant, mit der Familie nach Griechenland gereist. Sehr kurz danach, genauer gesagt. Es war nicht leicht, unter postoperativen Schmerzen und ärztlich angeordneter Hochlagerung des Armes schadlos durch die Menschenmengen an den Terminals und Gates zu manövrieren. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Zum Glück hatte ich unterwegs tatkräftige Hilfe mit dem Gepäck bzw. Unterstützung. Ein Spaziergang war die Anreise dennoch nicht.
Für den diesjährigen Sommerurlaub hatte ich einen mehrtägigen Trip in Mittel- und Nordgriechenland organisiert. Ein weiterer Kraftakt für mich, aber nicht unmöglich. Nach einer Woche ging es auch schon mit dem Mietwagen vom Hauptquartier in Peloponnes nach Lefkada, einer traumhaft schönen Insel im Ionischen Meer. Mit Gefrierbeutel überm Arm (die halten schön dicht) und Haushaltsgummis bin ich im türkisblauen Meer baden gegangen. Um die Hand vor Überwärmung zu schützen, habe ich ein feuchten Coolingtuch aus Mikrofaser darüber drapiert und mit Wäscheklammen befestigt. Das funktionierte prima. Komplett einzutauchen und richtig zu schwimmen ist natürlich schöner, aber so ging es auch. Kein Grund, am Strand zu verweilen und auf die Abkühlung zu verzichten. Man muss sich einfach zu helfen wissen. Mit meiner Konstruktion fühlte ich mich jedenfalls wie McGyver. B–)
Aber nur am Strand zu faulenzen ist auf Dauer nichts für mich. Also erkundeten wir eine ehemalige NATO-Radarstation aus dem Kalten Krieg. Ein wahrer Lost Place, der über Seperntinen und ungesicherte Haarnadelkurven nicht leicht zu erreichen war. Dort erkundeten wir die marode, aber eindrucksvolle Anlage. Ich stieg sogar einige Leitersprossen an einer der vier Riesenschüsseln hinauf und balancierte später auf einem Betonbalken des Fundaments. Ja, alles behutsam und einhändig – mit Handschiene. Ich war einfach begeistert von diesem Ort und wollte die positive Energie nutzen, um meinen Körper daran zu erinnern, dass er trotz der Einschränkung noch ein bisschen was draufhat.
Zurück auf dem Festland besichtigten wir auf dem Weg nach Ioannina, das Nekromanteion in Acheron. Dort stieg ich in den Hades hinab, indem ich eine schmale steile Metalltreppen einhändig überwand. Richtig gelesen, wieder mal war ich im Hades, aber diesmal war es ein anderer Zugang. Es gibt mehrere verstreut in Griechenland. :–) Die Höhle war etwas unheimlich, aber auch schön kühl unter tage bei Außentemperaturen von rund 35°C.
Noch am selben Tag trafen wir in Ioannina ein. Mein erster Besuch dieser wunderschönen Stadt, aber sicher nicht mein letzter! Dank der Bemühungen eines Freundes haben wir viele Sehenswürdigkeiten in dieser geschichtsträchtigen Stadt besichtigt. Zwei Tage und zwei Nächte waren meinerseits ein bisschen knapp kalkuliert.
Auf der Rückreise zu unserem Hauptquartier auf Peloponnes besuchten wir noch die Tropfsteinhöhle von Perama, was wegen der vielen Stufen ziemlich anstrengend war. Ich musste mich mit der gesunden Hand sehr gut festhalten, weil ich keinen Sturz auf die operierte riskieren durfte. Aber trotzdem waren die Naturgebilde wunderschön sowie faszinierend und die Strapazen insofern lohnenswert.
Im direkten Anschluss machten wir noch einen kurzen Abstecher im Antike Theater von Dodoni, einem erstaunlich gut erhaltenen Amphitheater.
Apropos Theater. Auch unseren alljährlichen Besuch im Epidauros-Theater haben wir nicht ausgelassen. Die Tickets Andromache von Eurypides waren längst gebucht. Eine ziemlich coole und moderne Inszenierung. Tolle Choreos in dramatischer Beleuchtung.
Balance
Zurück in Deutschland ging es dann auch schon los mit der Physio. Parallel hierzu bekam ich Unterstützung aus der Traditionellen Chinesischen Medizin. Ich hatte und habe Glück mit meinen Therapeuten. Trotz der Therapien und meiner Anstrengungen um die Gesundheit meiner Hand, musste ich achtgeben, nicht zu sehr in diesen gewissen Krank-Modus zu verfallen. Bei den vielen Terminen passiert das schneller als einem lieb ist.
Das Praktizieren und weitergehende Erlernen von Tai Chi hilft mir dabei in vielerlei Hinsicht. Zum Glück konnte ich das Training einige Wochen nach der OP schrittweise wiederaufnehmen. Es ist aktuell die einzige regelmäßige Aktivität, die mir neben der Krankengymnastik möglich ist und somit mein Rettungsanker, wenn mich die gesundheitlichen Sorgen rund um meine Hand einholen. Daneben verhilft mir das Praktizieren auch zu einem guten Körpergefühl.
Völlig losgelöst
Das diesjähriges Sommerfest des örtlichen Luftsportvereins wollte ich eigentlich entspannt bei gutem Essen und Trinken auf festem Boden verbringen und einfach nur die Stimmung und die Flugshows genießen. Zumindest war ich fest entschlossen. Als ich dann aber die vielen Flugzeuge starten und landen sah, konnte ich es mir nicht verkneifen und stieg in einen antiken Doppeldecker (Tiger Moth), um an einem Rundflug teilzunehmen. Wieso ich auch nicht?, dachte ich mir. Schließlich brauche ich als reiner Passagier meine Hände kaum und muss nur beim Ein- und Aussteigen etwas auf mich achtgeben. Der Flug war im offenen Cockpit ein ganz besonderes Erlebnis und mein zweiter Rundflug dieser Art insgesamt. Insofern wusste ich halbwegs, was mich erwartete. Alles klappte prima und im unwahrscheinlichen Fall eines Absturzes wäre meine Hand ja nun wirklich mein geringstes Problem gewesen….
Think bigger…
Möchte man sich in eine andere, d.h. bessere Stimmung versetzen, sollte man nicht passiv darauf warten, sondern selbst aktiv werden. So lautete inzwischen mein unausgesprochenes Motto. Also folgte ich, ohne groß zu überlegen oder besondere Erwartungen, einem Aufruf eines Bekannten, setzte mich mit dem Europäischen Raumflugkontrollzentrum (kurz ESOC) in Verbindung und schon wenig später wurde ich nach Darmstadt eingeladen, um zusammen mit anderen SF-Cosplayern die Gäste während des Feierlichkeiten zum Tag der Offenen Tür anlässlich des 50-jährigen Bestehens des ESA zu unterhalten. Nach der Zusage war ich zugegeben doch etwas aufgeregt. :–D
Zwar waren die Vorbereitungen sehr anstrengend, zumal ich die operierte Hand weiterhin schonen musste, aber es war positiver Stress. Wann sonst bitte hat man schon die Gelegenheit, einen Tag lang als Volunteer für die ESA zu arbeiten und dabei weitere kleine Brücken zwischen der europäischen Raumfahrt und der Welt der Science-Fiction zu schlagen?
Ein Rückzieher kam gar nicht in Frage. Und das erwies sich auch als genau das Richtige. Am 12. September war es dann auch so weit und gemeinsam mit den anderen Cosplayer-Kollegen hielten wir die Besucher und die Mitarbeiter bei Laune als hätten wir nie etwas anderes getan. Belohnt wurde diese Tätigkeit mit wunderbaren Erinnerungen, neuen Freundschaften, spannenden Unterhaltungen, vielen lächelnden Gesichtern, großartigen Fotos und einem exklusiven Goodybag, in dem viele tolle Sachen waren. Wir waren stolze Mitglieder der ESA-Open-Days-Crew. Übrigens, der Dino auf dem Gruppenbild war kein Cosplayer, sondern ein sehr sympathischer ESA-Ingenieur, der uns kompetent durch die Kontrollräume führte.
Cosplayer-Gruppe des Open Day, ESOC Hauptkontrollraum, DarmstadtESOC Außengelände mit XXXL-Astronaut :–)
Während der gesamten Vorbeitungen und der Veransaltung hatte ich kaum Gelegenheit, über meine verletzte Hand nachzudenken, denn ich hatte selten so viel Spaß…. Für diese einzigartige Erfahrung bin ich sehr dankbar.
Man muss gewisse Muster im eigenen Gehirn erkennen und, falls notwendig, bewusst überschreiben. Einfach raus aus der (vermeintlichen) Wohlfühlzone!
…aaand action!
Ausnahmen bestätigen jedoch die Regel… Drei Wochen nach meinem Besuch bei der ESOC nahm ich, als persönliche Herzensangelegenheit, an einem mehrstündigen Seminar in Schauspiel und Bühnenkampf teil. Das geschah unter gründlicher Abwägung von Risiko und Nutzen. Dafür hatte ich mich schon im Frühjahr, also lange vor dem Unfall angemeldet. Da ich mich sehr darauf freute, kam eine Stornierung nicht in Frage. Die Organisatoren und Teilnehmer nahmen Rücksicht auf meine Situation. So galt es, Stöß gegen sowie Stürze auf meine Hand unbedingt zu vermeiden. Insofern war ich 200% konzentriert und darauf bedacht, keinen Mist zu bauen. Entweder hielt ich meine Hand komplett aus der Übung raus und schützte sie hinter meinem Rücken oder ich baute sie sinnvoll ein, indem ich eine verletzt Spielende agierte – was eine gewisse Ironie hat!
Fazit
Zusammenfassend könnte man sagen, dass eine gesunde Mischung aus Abenteuerlust und Übermut meine medizinische Therapie gut ergänzt. Für mich funktioniert das, neben meiner Arbeit, die mich auf Trab hält, bisher ganz gut. Aber man sollte seine Fähigkeit und Grenzen jederzeit kennen. Von meinem Umfeld ernte ich für meine Aktivitäten und Resizilienz überwiegend Bewunderung, was mich wiederum verwundert, denn im Grunde möchte ich einfach nur leben, meine Tage sinnvoll, d.h. mit angenehmen Menschen und schönen Unternehmungen, verbringen. Nicht mehr und nicht weniger. Nur weil ich eingeschränkt bin, ändert das nicht mein Wesen. Meine Neugier und Abenteuerlust sind ungebrochen. Mir fiel auch erst vor kurzem auf, dass ich mir viel zugemutet habe. Insofern dient dieser Beitrag nicht nur der Berichterstattung und eurer Unterhaltung, sondern auch meiner persönlichen Aufarbeitung. Ich werde in den kommenden Wochen vielleicht trotzdem mal einen Gang runterschalten. Mit meinen Entscheidungen bin ich jedoch im Reinen und nur das zählt letztendlich. Jedenfalls bin froh, wieder vieles machen zu können und z.B. wieder beidhändig schreiben zu können, wenn auch langsamer als zuvor. Mit diesem etwas lang geratenen Post dürfte ich das unter Beweis gestellt haben. :–D