Meeting Cristian Cerezo

Ein englisches Sprichwort lautet „Never meet you idol.“ (auf Deutsch: „Triff niemals dein Idol.“) Es rät dazu, die Kunst oder das Werk einer Person zu schätzen, ohne das Risiko einzugehen, die menschliche Seite kennenzulernen und möglicherweise enttäuscht zu werden.

Es gibt Tage im Leben einer Tänzerin, die bleiben für immer im Gedächtnis. Der 10. Mai 2026 war für mich so ein Tag. Seit Jahren verfolge ich die Entwicklung des kolumbianischen Tangomaestros Cristian Cerezo Uribe, schaute mir viele Video seiner Tänze mit verschiedenen Partnern an und bewunderte mit größter Faszination seine Bewegungen, seine Zentrierung, seine unnachahmliche Eleganz und Genialität. Er ist ein sehr angesehener Künstler auf Weltspitzenniveau und für mich persönlich einer der besten Tangotänzer überhaupt. Ihn einmal zu treffen und leibhaftig zu erleben, war insofern ein absolutes Highlight, und hat meine Erwartungen auf eine ganz wunderbare, sehr menschliche Weise übertroffen. Die Karlsruher Tangoschule „Siempre Tango“ hat dies möglich gemacht und damit einen großen Traum wahr werden lassen. Ich hatte zuvor mit dem Gedanken gespielt, Tangoevents in Finnland oder Portugal aufzusuchen, um einmal von ihm zu lernen. Es wäre nicht meine erste Tangoreise. Aber wegen des Aufwandes und weil ich nicht alleine reisen wollte, nahm ich beide Male Abstand von der Idee und bewahrte Geduld. Und diese Geduld und Zuversicht bewies sich als beste Strategie und wurde schließlich belohnt. Dass „Siempre Tango“ Cristian zusammen mit Tanzpartner Valentin Arias für eine Workshopreihe begeistern konnten, kam für mich völlig überrraschend und hat meine zuletzt abflauende Begeisterung für den Tango neu entflammt.

Die Anmeldung war reine Formsache und die Teilnahmegebühr empfand ich als angemessen. Mein Vorhaben, mal wieder Unterricht zu nehmen, fühlte sich für mich nach so langer Zeit schon etwas ungewohnt an, denn zuletzt war ich im Tango in rein lehrender sowie praktizierender Funktion aktiv. Aber bei einigen wenigen Künstlern bin ich nach wie vor gerne bereit, alles bislang Erlernte kurz zu vergessen, um wieder ganz bewusst sowie dankbar in die Rolle der Schülerin zu schlüpfen. Und Cerenzo gehört da zu den wenigen Wetlklassetänzern, die meinen vollsten Vertrauensvorschuss haben.

Erste Begegnung auf engstem Raum

Die Reise begann an einem überraschend banalen Ort: dem Fahrstuhl einer Kindertagesstätte, in welcher der Mittags-Workshop stattfanden. Dort stand ich plötzlich auf engstem Raum mit Schulleiterin und Organisatorin Brigitte, einer charmanten Mitschülerin und Cristian selbst. Mit einem schüchternen „Hi Cristian, nice to meet you!“ versuchte ich das Eis zu brechen – oder genau genommen mein eigenes, denn ich war etwas aufgeregt. Und ab diesem Moment zeigte sich, was diesen Meister neben seiner Kunst auszeichnet: eine immense positive Energie sowie tiefe Entspanntheit.

Der anstehende Frauentechnik-Workshop im lichtdurchfluteten Dackgeschossraum der Kita war intensiv und sehr fordernd – hier wurde nicht auf Anfängerniveau geübt, sondern echtes, tiefes Handwerk vermittelt. Cristian bewies dabei einen messerscharfen Blick fürs Detail, ließ keine Fehler durchgehen und nahm sich die Zeit und alles gründlich zu erklären. Die Lehrinhalte des Workshops vermittelte er anhand einer Art choreographischer Sequenz, welche mein Kurzzeitgedächtnis an seine Grenzen trieb. Sein Perfektionismus war hochansteckend und so bemühten sich alle Schülerinnen, die Techniken perfekt auszuführen. Gegen Ende des Workshops – und diese Herangehensweise verblüffte mich sehr – kündigte er an, die Sequenz mit jeder einzelnen Schülerin einmal durchzutanzen und wir waren nicht wenige. Das ist auf diesem Niveau alles andere als selbstverständlich und zeigt, dass er Wert darauf legt, dass jede Schülerin mit einem echten Mehrwert und verbesserter Technik aus seinem Unterricht hervorgeht. Dies ist es, was einen wahrhaft passionierten Lehrer auszeichnet. Während Cristian sich eine Schülerin nach der anderen vorknöpfte, tanzten alle anderen unermüdlich solo die Sequenz mit. Die vielen Wiederholungen wurden mit der Zeit ziemlich anstrengend, aber effektiv! Mit Cristian zu tanzen ist, auch wenn nur ein paar Takte sind, einfach nur großartig. Da war überhaupt ein Raum für Fehler oder Sorge, es zu vermasseln. Kein Wie, kein Warum, sondern nur die glasklare Klarheit der Verbindung.

Wie viel Freude er selbst am Unterrichten hatte, zeigte sich auch nach dem Workshop: Cristian ließ sich nach dem Gruppenfoto erschöpft auf den Rücken fallen, lag wie ein Käfer auf dem Parkett, ruderte hilflos mit Armen und Beinen und ließ sich schließlich augenzwinkernd von seinen Schülerinnen wieder auf die Beine helfen. Er scherzte mit uns und genoss sichtlich die gemeinsame Zeit, denn er ist nicht nur ein begnadeter Athlet und Lehrer, sondern auch ein exzellenter Entertainer und dabei zu jeder Zeit mitreißend charismatisch und authentisch.

Strukturarbeit im Partner-Workshop

Nachmittags zog die Schüler-Karawane weiter in den Veranstaltungsraum des griechischen Restaurants Acropolis Ziegler. Das Thema im Partner-Workshop war technisch hochkarätig: Spiralbewegungen und Sacadas in der geteilten Achse. Da mein ursprünglicher Partner Kostas voll in die Veranstaltungsorganisation eingebunden war, sprang ein junger Mann ein, der extra aus Straßburg angereist war.

Hier glänzte vor allem Cristians Partner Valentin Arias mit unermüdlicher Geduld. Er erklärte Vieles, tanzte mit uns allen und unterstützte meinen unerfahrenen Partner dabei, die komplexe Dynamik des Führens zu verstehen. In der weltweiten Szene werden Cristian und er genau dafür geschätzt: Sie brechen die klassischen Rollen des Führens und Folgens nämlich auf und treten damit erfolgreich den Beweis an, dass es im Tango nicht um Klischees, sondern um die absolute, kraftvolle Architektur der Bewegung geht.

Eine Milonga mit echtem Gastgeber-Gefühl

Der Abend im Ziegler-Saal bot ein ganz besonderes Ambiente. Ein optisches Highlight war eine von Kostas handgefertigte Kunstinstallation: ein großer, leuchtender Stern, in dessen Mitte die Bilder der Maestros prangten. Ein wirklich schönes Zeichen der Wertschätzung.

Die Veranstaltung war gar nicht so überlaufen, was der Atmosphäre aber absolut gut getan hat. Die Community von Siempre Tango habe ich als ist eine gewachsene, traditionsreiche und offene Gemeinschaft kennengelernt. Brigittes Partner Carlos war ein Tango-Gastgeber der alten Schule. Im eleganten hellblauen Anzug ging er aufmerksam durch die Reihen, kam an meinen Tisch, gab mir die Hand und stellte sich vor. So etwas kenne ich sonst gar nicht. In diesem Moment war man nicht einfach nur ein austauschbarer, zahlender Kunde, sondern fühlte sich als Gast wirklich wahrgenommen und gewertschätzt – ein echtes, authentisches Wohlgefühl, das man heute leider selten findet.

Beflügelt von dieser Stimmung habe ich nach langer Zeit selbst wieder wunderbare Tangos getanzt. Als krönenden Abschluss durfte ich dann die Show von Cristian und Valentin bewundern. Mehrere Tänze lang brachten sie den Saal zum Beben. Diese Dynamik, die ich jahrelang nur pixelig auf dem Bildschirm bestaunt und analysiert hatte, nun aus nächster Nähe live zu beobachten, war atemberaubend.

Für mich war kurz nach dem Showakt jedoch klar: Ich bin hundemüde und mache mich auf den Heimweg, solange es am schönsten ist. Noch vor dem Ende der Milonga verabschiedete und bedanke ich mich bei den Gastgebern, Kostas und den beiden Maestros.

Was das eingehende Sprichwort anbelangt, behindert die Angst oft nur, seinen Weg sowohl zu erkennen als auch zu beschreiten. In meinem Fall wurde ich nicht nur nicht enttäuscht, sondern mit neuer Inspiration belohnt. Dieser Tag leuchtet seither hell in meinen Erinnerungen und nimmt in meinem Tangoherzen einen ganz festen, besonderen Platz ein.

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