Höllenfahrt (Kurzgeschichte)

Die Osterfeiertage waren vorbei. Ein strahlend heller Tag, eigentlich. Wir kamen gerade aus dem Flugzeug aus Griechenland, meine Mutter, meine beiden Schwestern und ich. Vier Frauen, müde, voller Mitbringsel, die Koffer schwer auf den Rollen. Und dann stand da Simon.

Obwohl es Alternativen gab, hatte ich nachgegeben. Aus Mitleid. Aus diesem verdammten, antrainierten Impuls heraus, niemanden vor den Kopf stoßen zu wollen. Er hatte gebettelt, hatte sich aufgedrängt, wollte unbedingt den Fahrdienst spielen – angeblich aus freundschaftlicher Verbundenheit. Er war mit dem neuen Auto seines Vaters gekommen. Ein großes, leistungsstarkes Auto.

Simon wartete pünktlich am Terminal. Wir packten das Gepäck in den Kofferraum, stiegen ein. Meine Mutter und meine Schwestern nach hinten, ich auf den Beifahrersitz.

Wir fuhren auf die A5 Richtung Süden. Zuerst war alles normal. Wir machten Smalltalk. Doch dann veränderte sich die Atmosphäre im Wagen. Nicht schleichend, sondern schlagartig.

Ich sah zur Seite. Simons Hände krallten sich in das Lenkrad, bis die Knöchel weiß hervortraten. Seine Augen starrten starr auf die Fahrbahn, und plötzlich sah ich eine Träne über seine Wangen laufen. Keine Tränen der Rührung. Es war die pure, blanke, unberechenbare Verzweiflung.

Der Tacho zeigte immer höhere Zahlen. Der Motor dröhnte. Er gab Gas. Immer weiter. 160, 180, 200… Der Straßenbelag flog unter uns durch, die Leitplanken wurden zu einem verschwommenen Grau.

In diesem Moment traf es mich wie ein Eisklotz in der Magengegend. Es war keine Vermutung. Es war kein Zweifel. Es war eine glasklare, eiskalte Gewissheit: Er tut es. Er zieht es durch. Er fährt uns alle tot.

Er wollte nicht mehr leben, und er wollte mich nicht gehen lassen. Nicht nach der Trennung, nicht nach all den Jahren. Es war der reine, absolute Wunsch nach Vernichtung – akribisch geplant bis ins letzte Detail. Deshalb hatte er sich aufgedrängt, deshalb stand er am Terminal. Wenn er mich nicht besitzen konnte, sollte es mich nicht mehr geben. Er wollte nicht nur mich töten, sondern meine gesamte Existenz auslöschen: alles, was ich war, alles, was ich liebte. Meine Familie auf der Rückbank war kein Kollateralschaden. Sie waren mein Herzstück – und er wollte mein gesamtes Universum einreißen.

Mir lief es eiskalt den Rücken herunter. Mein Herz schlug nicht mehr schneller – es schien einfach aufzuhören. Die Zeit verlangsamte sich. Ich dachte an die Betonsockel der Brückenpfeiler. Ich dachte an den LKW vor uns. An das Metall, das gleich zerquetschen würde. Werden wir leiden oder geht alles ganz schnell und schmerzlos?

Eines wusste ich sicher: Wenn ich jetzt hysterisch schreie, wenn ich ihm ins Lenkrad greife, würde er uns ungebremst und ohne zu zögern durch die nächste Leitplanke oder gegen den nächsten Brückenpfeiler brettern.

Also erstickte ich das Entsetzen in meiner Kehle und ging in mich. Wenn ich sterben sollte, dann mit den dreien, die ich liebte – aber nicht so. Er hatte kein Recht dazu, über unsere Leben zu entscheiden. Nicht über meines und nicht über ihres.

Ich hatte nichts zu verlieren, also drehte ich mich langsam zu ihm, streckte meine Hand aus und legte sie ganz ruhig auf seine zitternde, verkrampfte Hand auf dem Ganghebel. Ich sah ihn an. Ich bettelte nicht. Ich weinte nicht. Ich versuchte nicht einmal zu verhandeln. Weder mit Augen, noch mit Worten. Ich sah ihn einfach nur an – mit einer Ruhe und einer nackten Menschlichkeit, die mich selbst erschreckte. Ich war einfach da. Für den Fall, dass dies die letzten Sekunden meines Lebens waren.

Sekunden wurden zu Ewigkeiten. Der Motor heulte.

Und dann – spürte ich, wie der Druck auf das Gaspedal ein wenig nachließ. Das dröhnende Geräusch wurde leiser. Der Wagen verlor an Fahrt. Er schluckte. Er blinkte. Er fuhr von der Autobahn ab.

Am Haus meiner Mutter hielt er an, zitternd vor Wut. Er schnauzte uns an, er warf die Zigarettenstange, die meine Mutter ihm als Dankeschön für die Heimfahrt geben wollte, voller Verachtung vor ihre Füße auf den Asphalt. Er schmiss uns raus wie Dreck. Wütend auf uns oder vielleicht auch wütend darüber, dass er keine Macht mehr über mich hatte.

Wir standen da, mit unseren Koffern. Meine Familie verstand die Welt nicht mehr. Sie dachten, er sei einfach nur unfassbar unhöflich und emotional labil gewesen. Dass der Tod mitfuhr, war ihnen nicht bewusst.

Ich sagte kein Wort. Kein Vorwurf, keine Drohung. Ich wusste, dass jede weitere Reaktion ihn nur nähren würde. Ich wollte keine Vergeltung, keinen Streit – ich wollte nur, dass dieser Mensch für immer aus meinem Leben verschwindet. Also stand ich einfach nur da, mitten im Sturm, das Adrenalin wie Gift in meinen Adern, und wusste: Wir haben überlebt. Um Haaresbreite.

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Toleranz auf dem Prüfstand

Hast du dich in letzter Zeit auch mal gefragt, ob unsere gesellschaftliche Toleranz eigentlich nur noch so lange hält, wie alle absolut derselben Meinung sind?

Ich habe mir gestern Morgen beim Frühstücksfernsehen auf Sat.1 die Augen und Ohren gerieben. Da saß der Psychologe Ahmad Mansour und stellte sein aktuelles Buch „Haltung ohne Hass“ vor. Er sprach über ein Phänomen, wonach immer mehr Menschen es schlicht nicht aushalten, wenn jemand eine abweichende Meinung vertritt. Dieser Beoachtung schließe ich mich an: Sobald das eigene, mühsam zusammengezimmerte Narrativ infrage gestellt wird, schlägt die Stimmung rasend schnell um – in Aggression, Abwertung und verordnete Denkverbote.

Man sieht das besonders gut, wenn man die aktuellen weltpolitischen Schlagzeilen beobachtet. Im Nahen Osten brennt die Hütte, die Eskalation rund um den Iran und die Region hält die Welt in Atem. Doch was macht der mediale Mainstream daraus? Entweder verfällt man in staatsmännische Inszenierungen, oder die Berichterstattung schrumpft ganz schnell auf die eine, existenziellste aller deutschen Fragen zusammen: Was macht das eigentlich mit unseren Spritpreisen an der Tankstelle?

Man könnte fast darüber schmunzeln, wenn es nicht so traurig wäre. Was bei dieser meisterhaften Nabelschau nämlich fast immer auf der Strecke bleibt, sind die Menschen vor Ort – die Zivilisten, die am Ende doppelt leiden: unter den Luftschlägen auf der einen Seite und unter der Unterdrückung durch das Mullah-Regime auf der anderen.

Aber anstatt differenziert hinzuschauen und das Leid aller Betroffenen wahrzunehmen, bekommen wir oft ein fertiges, emotionales Skript serviert. Uns wird vorgekaut, wann wir Mitgefühl empfinden sollen und wann Distanz angesagt ist. Man hat fast den Eindruck, dass eine echte, vielschichtige Meinungsbildung gar nicht mehr erwünscht ist, sondern dass man gefälligst eine vorgefertigte Haltung zu übernehmen hat.

Der berühmte jüdisch-amerikanische Linguist, Philosoph und Kognitionswissenschaftler Noam Chomsky brachte dieses Mechanismus einst treffend auf den Punkt:

Doch schaut man sich unsere heutige Empörungskultur an, möchte man Chomsky fast korrigieren: Selbst die Debatte innerhalb des abgesteckten Korridors ist kaum noch lebhaft – sie ist oft nur noch laut, hochgradig gereizt und erstickt jeden echten Austausch im Keim.

Wie tief dieser Zwang zur Konformität sitzt und wie schnell eine verordnete Haltung in blinde Aggression umkippt, durfte ich schon am eigenen Leib erfahren. Ich saß am Frühstückstisch mit einem Bekannten – einem gebildeten, studierten Politologen, der berufsbedingt eigentlich prädestiniert dafür sein sollte, Konflikte sachlich und aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Doch beim Thema Ukraine war bei ihm jegliche akademische Distanz verflogen.

Ich sah die Situation – ganz unaufgeregt und anfangs tiefenentspannt – aus einer rein christlich-humanistischen Perspektive. Ich bin weder Russin noch Ukrainerin. Mein einziges Anliegen war und ist, dass das Sterben aufhört. Aus meiner Sicht ist dieser Konflikt ein zutiefst tragischer Bruderkrieg zweier Völker, deren Kultur, Geschichte und Familien seit Jahrhunderten untrennbar miteinander verwoben sind. Und ich vertrete die ganz pragmatische Haltung: Staatsgrenzen waren im Laufe der Geschichte immer in Bewegung – aber kein Stück Land dieser Erde ist es wert, dafür unzählige Menschenleben zu opfern.

Man kann das Vorgehen der russischen Regierung zwar verurteilen, aber wenn man schon den Begriff des Angriffskriegs verwendet, dann war es vor allem eines: ein provoziertes Handeln. Als ich versuchte, diese geopolitische Vielschichtigkeit anzusprechen – etwa die mündlichen Sicherheitsgarantien des Westens im Zuge der 2+4-Verhandlungen 1990 –, wischte er das völlig plump vom Tisch. Die Ukraine sei autonom und könne tun und lassen, was sie wolle. Punkt. Internationales Recht oder geopolitische Realitäten? Spielten für ihn keine Rolle mehr.

Als ich ihm vorsichtig zu bedenken gab, dass solche komplexen rechtshistorischen Fragen vielleicht von klügeren Köpfen beurteilt werden sollten, die tiefer in der Materie stecken als wir beide, reagierte er zutiefst gekränkt und ließ dies nicht gelten. Sein akademischer Stolz duldete schlicht keinen Raum für intellektuelle Demut. Und als ich das historische Beispiel anführte, dass auch Griechenland lernen musste zu akzeptieren, dass Grenzen sich im Laufe der Zeit verschieben und heute beispielweise leider auch niemand mehr in Frage stellt, dass Konstantinopel den Türken gehört, schoss er nur noch völlig trotzig und ohne sich des Eigentors bewusst zu sein zurück: „Istanbul gehört der Türkei. Punkt!“

Und dann kippte es vollends ins Absurde: Ausgerechnet er, der millimetergenau das vorgekaute Narrativ von den ausnahmslos „guten Ukrainern“ und den „bösen Russen“ nachplapperte, warf mir allen Ernstes vor, ich würde die Mainstream-Meinung vertreten und sei der Propaganda zum Opfer gefallen. Verblüfft über seinen zunehmend aggressiven Tonfall mir gegenüber, aber auch weil sich meine Leidenschaft für das konkrete Thema eher in Grenzen hielt, versuchte ich die Sutuation zu deeskalieren, ohne jedoch meinen Standpunkt aufzugeben. Also erklärte ich ihm, dass es doch nicht schlimm sei, wenn wir zu diesem Thema abweichende Meinungen vertreten und auf keinen gemeinsamen Nenner kommen. Aber meine diplomatische Haltung machte ihn nur noch wütender.

Anstatt mit Argumenten zu kontern, war sein moralisches Kartenhaus zusammengebrochen. Er verließ schlagartig die Küche, lief in der Wohnung umher, schäumte vor blinder Wut und wurde einfach nur noch frech. Ich habe die Zeichen nicht erkennt, drohte er mir. Dies stimmte nicht. Die Zeichen und die aufkeimende Bedrohungslage für mich hatte ich durchaus mit Sorge zur Kenntnis genommen, aber deshalb knicke ich in meinen Werten nicht ein.

Er warf mich schließlich aus seiner Wohnung. Auf meine Abschiedsfrage, was der Russland-Ukraine-Konflikt eigentlich ganz konkret mit ihm oder mir zu tun habe, wusste er keine Antwort mehr. Es war der endgültige Schlussstrich unter dieser Bekanntschaft – wie nach einer Tanda im Tango, nach der sich bedankt, loslässt und fortan getrennte Wege geht.

Reibung bringt Bildung

Ich erzähle das nicht, um jemandem meine Sichtweise aufzuzwingen. Aber ich bin zutiefst davon überzeugt: Wir wachsen und entwickeln uns als Bürger nicht weiter, wenn wir uns nur noch in Wohlfühlblasen mit Gleichgesinnten umgeben und uns gegenseitig die eigene Meinung bestätigen. Echte Bildung und geistige Reife entstehen erst durch Reibung – dadurch, dass man sich mit anderen Auffassungen auseinandersetzt, zuhört und auch mal aushält, dass jemand die Welt anders sieht.

Ich halte andere Meinungen ganz hervorragend aus. Und ich finde, wir sollten uns alle wieder mehr darauf besinnen, genau das zu lernen. Ich lasse mir meine emotionale und intellektuelle Unabhängigkeit nicht nehmen und mir nicht vorkauen, was ich zu fühlen oder zu denken habe.

Vielleicht wird es Zeit, dass wir den Mut aufbringen, den Radikalen und Empörten aller Seiten nicht das Feld zu überlassen. Ein echter, mündiger Diskurs hält abweichende Sichtweisen aus – ohne sein Gegenüber einzuschüchtern, zu entwerten oder wütend aus dem Raum zu rennen.

Aufgrund meiner Erfahrungen sowie der zunehmenden Radikalisierung in Deutschland möchte ich noch besser verstehen, welche psychologischen Mechanismen Menschen in politischen Debatten so schnell verhärten und radikalisieren lassen. Daher werde ich das Buch von Ahmad Mansour definitiv lesen.

Meeting Cristian Cerezo

Ein englisches Sprichwort lautet „Never meet you idol.“ (auf Deutsch: „Triff niemals dein Idol.“) Es rät dazu, die Kunst oder das Werk einer Person zu schätzen, ohne das Risiko einzugehen, die menschliche Seite kennenzulernen und möglicherweise enttäuscht zu werden.

Es gibt Tage im Leben einer Tänzerin, die bleiben für immer im Gedächtnis. Der 10. Mai 2026 war für mich so ein Tag. Seit Jahren verfolge ich die Entwicklung des kolumbianischen Tangomaestros Cristian Cerezo Uribe, schaute mir viele Video seiner Tänze mit verschiedenen Partnern an und bewunderte mit größter Faszination seine Bewegungen, seine Zentrierung, seine unnachahmliche Eleganz und Genialität. Er ist ein sehr angesehener Künstler auf Weltspitzenniveau und für mich persönlich einer der besten Tangotänzer überhaupt. Ihn einmal zu treffen und leibhaftig zu erleben, war insofern ein absolutes Highlight, und hat meine Erwartungen auf eine ganz wunderbare, sehr menschliche Weise übertroffen. Die Karlsruher Tangoschule „Siempre Tango“ hat dies möglich gemacht und damit einen großen Traum wahr werden lassen. Ich hatte zuvor mit dem Gedanken gespielt, Tangoevents in Finnland oder Portugal aufzusuchen, um einmal von ihm zu lernen. Es wäre nicht meine erste Tangoreise. Aber wegen des Aufwandes und weil ich nicht alleine reisen wollte, nahm ich beide Male Abstand von der Idee und bewahrte Geduld. Und diese Geduld und Zuversicht bewies sich als beste Strategie und wurde schließlich belohnt. Dass „Siempre Tango“ Cristian zusammen mit Tanzpartner Valentin Arias für eine Workshopreihe begeistern konnten, kam für mich völlig überrraschend und hat meine zuletzt abflauende Begeisterung für den Tango neu entflammt.

Die Anmeldung war reine Formsache und die Teilnahmegebühr empfand ich als angemessen. Mein Vorhaben, mal wieder Unterricht zu nehmen, fühlte sich für mich nach so langer Zeit schon etwas ungewohnt an, denn zuletzt war ich im Tango in rein lehrender sowie praktizierender Funktion aktiv. Aber bei einigen wenigen Künstlern bin ich nach wie vor gerne bereit, alles bislang Erlernte kurz zu vergessen, um wieder ganz bewusst sowie dankbar in die Rolle der Schülerin zu schlüpfen. Und Cerenzo gehört da zu den wenigen Wetlklassetänzern, die meinen vollsten Vertrauensvorschuss haben.

Erste Begegnung auf engstem Raum

Die Reise begann an einem überraschend banalen Ort: dem Fahrstuhl einer Kindertagesstätte, in welcher der Mittags-Workshop stattfanden. Dort stand ich plötzlich auf engstem Raum mit Schulleiterin und Organisatorin Brigitte, einer charmanten Mitschülerin und Cristian selbst. Mit einem schüchternen „Hi Cristian, nice to meet you!“ versuchte ich das Eis zu brechen – oder genau genommen mein eigenes, denn ich war etwas aufgeregt. Und ab diesem Moment zeigte sich, was diesen Meister neben seiner Kunst auszeichnet: eine immense positive Energie sowie tiefe Entspanntheit.

Der anstehende Frauentechnik-Workshop im lichtdurchfluteten Dackgeschossraum der Kita war intensiv und sehr fordernd – hier wurde nicht auf Anfängerniveau geübt, sondern echtes, tiefes Handwerk vermittelt. Cristian bewies dabei einen messerscharfen Blick fürs Detail, ließ keine Fehler durchgehen und nahm sich die Zeit und alles gründlich zu erklären. Die Lehrinhalte des Workshops vermittelte er anhand einer Art choreographischer Sequenz, welche mein Kurzzeitgedächtnis an seine Grenzen trieb. Sein Perfektionismus war hochansteckend und so bemühten sich alle Schülerinnen, die Techniken perfekt auszuführen. Gegen Ende des Workshops – und diese Herangehensweise verblüffte mich sehr – kündigte er an, die Sequenz mit jeder einzelnen Schülerin einmal durchzutanzen und wir waren nicht wenige. Das ist auf diesem Niveau alles andere als selbstverständlich und zeigt, dass er Wert darauf legt, dass jede Schülerin mit einem echten Mehrwert und verbesserter Technik aus seinem Unterricht hervorgeht. Dies ist es, was einen wahrhaft passionierten Lehrer auszeichnet. Während Cristian sich eine Schülerin nach der anderen vorknöpfte, tanzten alle anderen unermüdlich solo die Sequenz mit. Die vielen Wiederholungen wurden mit der Zeit ziemlich anstrengend, aber effektiv! Mit Cristian zu tanzen ist, auch wenn nur ein paar Takte sind, einfach nur großartig. Da war überhaupt ein Raum für Fehler oder Sorge, es zu vermasseln. Kein Wie, kein Warum, sondern nur die glasklare Klarheit der Verbindung.

Wie viel Freude er selbst am Unterrichten hatte, zeigte sich auch nach dem Workshop: Cristian ließ sich nach dem Gruppenfoto erschöpft auf den Rücken fallen, lag wie ein Käfer auf dem Parkett, ruderte hilflos mit Armen und Beinen und ließ sich schließlich augenzwinkernd von seinen Schülerinnen wieder auf die Beine helfen. Er scherzte mit uns und genoss sichtlich die gemeinsame Zeit, denn er ist nicht nur ein begnadeter Athlet und Lehrer, sondern auch ein exzellenter Entertainer und dabei zu jeder Zeit mitreißend charismatisch und authentisch.

Strukturarbeit im Partner-Workshop

Nachmittags zog die Schüler-Karawane weiter in den Veranstaltungsraum des griechischen Restaurants Acropolis Ziegler. Das Thema im Partner-Workshop war technisch hochkarätig: Spiralbewegungen und Sacadas in der geteilten Achse. Da mein ursprünglicher Partner Kostas voll in die Veranstaltungsorganisation eingebunden war, sprang ein junger Mann ein, der extra aus Straßburg angereist war.

Hier glänzte vor allem Cristians Partner Valentin Arias mit unermüdlicher Geduld. Er erklärte Vieles, tanzte mit uns allen und unterstützte meinen unerfahrenen Partner dabei, die komplexe Dynamik des Führens zu verstehen. In der weltweiten Szene werden Cristian und er genau dafür geschätzt: Sie brechen die klassischen Rollen des Führens und Folgens nämlich auf und treten damit erfolgreich den Beweis an, dass es im Tango nicht um Klischees, sondern um die absolute, kraftvolle Architektur der Bewegung geht.

Eine Milonga mit echtem Gastgeber-Gefühl

Der Abend im Ziegler-Saal bot ein ganz besonderes Ambiente. Ein optisches Highlight war eine von Kostas handgefertigte Kunstinstallation: ein großer, leuchtender Stern, in dessen Mitte die Bilder der Maestros prangten. Ein wirklich schönes Zeichen der Wertschätzung.

Die Veranstaltung war gar nicht so überlaufen, was der Atmosphäre aber absolut gut getan hat. Die Community von Siempre Tango habe ich als ist eine gewachsene, traditionsreiche und offene Gemeinschaft kennengelernt. Brigittes Partner Carlos war ein Tango-Gastgeber der alten Schule. Im eleganten hellblauen Anzug ging er aufmerksam durch die Reihen, kam an meinen Tisch, gab mir die Hand und stellte sich vor. So etwas kenne ich sonst gar nicht. In diesem Moment war man nicht einfach nur ein austauschbarer, zahlender Kunde, sondern fühlte sich als Gast wirklich wahrgenommen und gewertschätzt – ein echtes, authentisches Wohlgefühl, das man heute leider selten findet.

Beflügelt von dieser Stimmung habe ich nach langer Zeit selbst wieder wunderbare Tangos getanzt. Als krönenden Abschluss durfte ich dann die Show von Cristian und Valentin bewundern. Mehrere Tänze lang brachten sie den Saal zum Beben. Diese Dynamik, die ich jahrelang nur pixelig auf dem Bildschirm bestaunt und analysiert hatte, nun aus nächster Nähe live zu beobachten, war atemberaubend.

Für mich war kurz nach dem Showakt jedoch klar: Ich bin hundemüde und mache mich auf den Heimweg, solange es am schönsten ist. Noch vor dem Ende der Milonga verabschiedete und bedanke ich mich bei den Gastgebern, Kostas und den beiden Maestros.

Was das eingehende Sprichwort anbelangt, behindert die Angst oft nur, seinen Weg sowohl zu erkennen als auch zu beschreiten. In meinem Fall wurde ich nicht nur nicht enttäuscht, sondern mit neuer Inspiration belohnt. Dieser Tag leuchtet seither hell in meinen Erinnerungen und nimmt in meinem Tangoherzen einen ganz festen, besonderen Platz ein.

Funkenflug zum Mars

​Man konnte es in den letzten Tagen kaum übersehen: Die Bildschirme flimmerten, und schließlich läutete sie, die historische Börsenglocke an der NASDAQ zum SpaceX-Börsengang. Ein Moment voller Euphorie und Pioniergeist. Doch in den Fernsehstudios bot sich schnell das gewohnte Kontrastprogramm: Analysten und Finanzexperten im maßgeschneiderten Anzug, die mit einem fast schon mitleidigen, arroganten Schmunzeln von oben herab über die Aktie urteilten.

Der mediale Wirbel

Schon in den Tagen vor dem Ereignis war in den Medien eine greifbare Euphorie zu spüren; die Nachrichtensprecher moderierten das historische Event voller Faszination an und ließen sich von der Vision und dem monumentalen Schubdruck des Projekts mitreißen – doch auf jede Welle dieser Begeisterung folgte im Interview verlässlich das selbstgefällige „Aber“ eines geladenen Finanzexperten. Da wurde dann in steriler Atmosphäre über die Minuszahlen des ersten Quartals doziert, als ob rote Zahlen in einer massiven Expansionsphase zwangsläufig Rückschlüsse auf den langfristigen Erfolg oder Misserfolg eines Unternehmens zulassen würden. Besonders heuchlerisch wird es dann, wenn dieselben Kritiker, die eben noch lautstark gewarnt haben, beiläufig einräumen, trotzdem privat ein paar Anteile im Portfolio zu halten. Man bremst die Begeisterung der Allgemeinheit aus, will aber insgeheim mitschröpfen, falls die Vision doch abhebt. Es ist ein kalkuliertes Gatekeeping: Mit Informationsasymmetrie wird die lästige Konkurrenz der Kleinanleger verunsichert, um sich selbst die Filetstücke am Markt zu sichern. Und die wenigen aufrichtigen Mahner unter den Finanzexperten übersehen durch den ablenkenden Blick in ihr Zahlen-Kaleidoskop das Wesentliche: die faszinierende Triebkraft hinter diesem Projekt.

​Der Macher und seine Grenzenlosigkeit

​Man muss kein bedingungsloser „Fan“ von Elon Musk sein, um anzuerkennen, dass er eine der herausragenden Persönlichkeiten unserer Zeit ist. Natürlich eckt er an. Seine politischen Ausflüge ins Weiße Haus oder so manche exzentrische Verrücktheit auf der Weltbühne lassen einen den Kopf schütteln. Und ganz unter uns: Seine rhythmischen Gehversuche bei diversen öffentlichen Auftritten sind – nun ja – gewöhnungsbedürftig. Zugegeben, seine Moves sind immer noch um Lichtjahre besser als die seines Ex-Kumpels. Aber als leidenschaftliche Tänzerin juckt es mich dennoch jedes Mal in den Fingern. Für den unwahrscheinlichen Fall, dass er diese Zeilen liest, sei ihm hiermit ein Angebot unterbreitet: ein paar exklusive und kostenlose Trainingsstunden im argentinischen Tango. Ein bisschen Musikalität, Zentrierung, Dissoziation und klare Struktur würden seinem Genie sicherlich nicht schaden. Es könnte ihm genau den geerdeten Halt geben, den man braucht, während der Kopf getrost in den Sternen hängt.

Aber Spaß beiseite: wer große Dinge bewegen will, bewegt sich in der Regel nicht in den Bahnen der gängigen Konventionen. Kurz vor dem Läuten der Börsenglocke zeigte Elon Musk übrigens eine fast schon rührende Ehrfurcht, als er sinngemäß einräumte, dass er selbst vor ein paar Jahren niemals gedacht hätte, heute an diesem historischen Punkt zu stehen. Was ihn auszeichnet, ist die pure, grenzenlose Vorstellungskraft eines echten Machers. Während die Analysten noch das Risiko kalkulieren, baut er an seiner Vision einer strukturierten Zukunft der menschlichen Raumfahrt. Wo andere Mauern sehen, sieht er eine Startrampe.

​Das Fundament trägt die Sterne

​Doch woher kommen die Minuszahlen, über die in den Nachrichten so herablassend gesprochen wurde? Sie sind kein Zeichen von Schwäche, sondern das Ergebnis gigantischer Investitionen. Es sind Ausgaben für echten Stahl, tonnenschweren Treibstoff, hochkomplexe Triebwerke und den Aufbau von realen Fabriken. Und hier kommen wir zum eigentlichen Trugschluss der Finanz-Elite: Geld allein baut keine Raketen.

​Als jemand, der aus einer Arbeiterfamilie stammt, weiß ich: Die wahren Säulen unserer Gesellschaft sind die Menschen, die jeden Tag aufstehen und reale Werte schaffen. Es sind die Schweißer, die Ingenieure, die Mechaniker und Logistiker, die den Traum vom All physisch und ganz und gar real zusammensetzen. Ein System, in dem die Verwalter des Geldes auf die Erbauer der Realität herabschauen, hat seinen inneren Kompass verloren. Ohne die ehrliche Arbeit am Boden würde kein einziger Traum jemals abheben!

In der Wirtschaftssoziologie spricht man längst von einer fortschreitenden Finanzialisierung, bei der die reine Wertextraktion die tatsächliche Wertschöpfung verdrängt. Es ist eine tief sitzende, fast schon systemische Wahrnehmungsstörung: Wer heute durch ein paar Klicks und Wischbewegungen auf dem Smartphone Renditen erzielt, erliegt oft der kognitiven Dissonanz, diese sterile Zahlenjonglage für eine echte gesellschaftliche Leistung zu halten. Doch kein Algorithmus und kein Spekulationsgewinn stellt ein reales Essen auf den Teller, baut ein Auto oder deckt ein Dach.

Während der produktive Investor – der sein Erspartes klug vor dem Wertverlust schützt – an den langfristigen Nutzen einer Vision glaubt, agiert die Finanz-Elite rein extraktiv. Es ist ein beinahe parasitäres Verhalten: Man vermehrt nicht den Wohlstand, sondern schneidet sich nur ein größeres Stück von einer Torte ab, die Schweißer, Ingenieure und Programmierer mit physischer und mentaler Kraft überhaupt erst gebacken haben. Dabei erliegen diese Akteure der Illusion eigener Selbstwirksamkeit, indem sie zufällige Marktgewinne als persönliches Talent verbuchen – obwohl ihr vermeintlicher Erfolg in Wahrheit überwiegend auf purem Glück und günstigen Wellenbewegungen beruht. Wo aber der Zufall regiert, verblasst die Arroganz: Insofern wäre deutlich mehr Demut vor der monumentalen Pionierrolle angezeigt, mit der ein Unternehmen wie SpaceX echte, unumstößliche Maßstäbe setzt.

​Ein Stück Unendlichkeit

​Am Ende geht es bei diesem Projekt um so viel mehr als um ein Tickersymbol an einer Anzeigetafel oder die prozentuale Gewichtung in einem anonymen Portfolio. Es geht um eine der ältesten Sehnsüchte der Menschheit. Seit wir als Spezies nachts an den Lagerfeuern saßen und zu den Sternen aufblickten, träumen wir davon, zu erfahren, was hinter dem Horizont liegt.

​Die risikoscheuen Verwalter der Gegenwart werden die Welt niemals verändern und auch keine Geschichte schreiben. Es sind die Mutigen, die Träumer und die Macher, die uns voranbringen. SpaceX fasziniert uns nicht, weil es eine Aktie ist, sondern weil es uns daran erinnert, wozu wir fähig sind, wenn wir das Hamsterrad für einen Moment vergessen und den Blick nach oben richten. Es ist der romantische Glaube daran, dass unsere Reise als Menschheit nicht am Boden endet, sondern dass wir ein winziges Stück Unendlichkeit mitgestalten dürfen. Denn der wahre Wert des Aufbruchs zu den Sternen liegt weit jenseits der Spalten und Zeilen einer nüchternen Bilanz.

(Video: Eigene Aufnahme der vorbeiziehenden Satellitenflotte „Starlink“ über Süddeutschland aus dem Jahr 2022)

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