Höllenfahrt (Kurzgeschichte)

Die Osterfeiertage waren vorbei. Ein strahlend heller Tag, eigentlich. Wir kamen gerade aus dem Flugzeug aus Griechenland, meine Mutter, meine beiden Schwestern und ich. Vier Frauen, müde, voller Mitbringsel, die Koffer schwer auf den Rollen. Und dann stand da Simon.

Obwohl es Alternativen gab, hatte ich nachgegeben. Aus Mitleid. Aus diesem verdammten, antrainierten Impuls heraus, niemanden vor den Kopf stoßen zu wollen. Er hatte gebettelt, hatte sich aufgedrängt, wollte unbedingt den Fahrdienst spielen – angeblich aus freundschaftlicher Verbundenheit. Er war mit dem neuen Auto seines Vaters gekommen. Ein großes, leistungsstarkes Auto.

Simon wartete pünktlich am Terminal. Wir packten das Gepäck in den Kofferraum, stiegen ein. Meine Mutter und meine Schwestern nach hinten, ich auf den Beifahrersitz.

Wir fuhren auf die A5 Richtung Süden. Zuerst war alles normal. Wir machten Smalltalk. Doch dann veränderte sich die Atmosphäre im Wagen. Nicht schleichend, sondern schlagartig.

Ich sah zur Seite. Simons Hände krallten sich in das Lenkrad, bis die Knöchel weiß hervortraten. Seine Augen starrten starr auf die Fahrbahn, und plötzlich sah ich eine Träne über seine Wangen laufen. Keine Tränen der Rührung. Es war die pure, blanke, unberechenbare Verzweiflung.

Der Tacho zeigte immer höhere Zahlen. Der Motor dröhnte. Er gab Gas. Immer weiter. 160, 180, 200… Der Straßenbelag flog unter uns durch, die Leitplanken wurden zu einem verschwommenen Grau.

In diesem Moment traf es mich wie ein Eisklotz in der Magengegend. Es war keine Vermutung. Es war kein Zweifel. Es war eine glasklare, eiskalte Gewissheit: Er tut es. Er zieht es durch. Er fährt uns alle tot.

Er wollte nicht mehr leben, und er wollte mich nicht gehen lassen. Nicht nach der Trennung, nicht nach all den Jahren. Es war der reine, absolute Wunsch nach Vernichtung – akribisch geplant bis ins letzte Detail. Deshalb hatte er sich aufgedrängt, deshalb stand er am Terminal. Wenn er mich nicht besitzen konnte, sollte es mich nicht mehr geben. Er wollte nicht nur mich töten, sondern meine gesamte Existenz auslöschen: alles, was ich war, alles, was ich liebte. Meine Familie auf der Rückbank war kein Kollateralschaden. Sie waren mein Herzstück – und er wollte mein gesamtes Universum einreißen.

Mir lief es eiskalt den Rücken herunter. Mein Herz schlug nicht mehr schneller – es schien einfach aufzuhören. Die Zeit verlangsamte sich. Ich dachte an die Betonsockel der Brückenpfeiler. Ich dachte an den LKW vor uns. An das Metall, das gleich zerquetschen würde. Werden wir leiden oder geht alles ganz schnell und schmerzlos?

Eines wusste ich sicher: Wenn ich jetzt hysterisch schreie, wenn ich ihm ins Lenkrad greife, würde er uns ungebremst und ohne zu zögern durch die nächste Leitplanke oder gegen den nächsten Brückenpfeiler brettern.

Also erstickte ich das Entsetzen in meiner Kehle und ging in mich. Wenn ich sterben sollte, dann mit den dreien, die ich liebte – aber nicht so. Er hatte kein Recht dazu, über unsere Leben zu entscheiden. Nicht über meines und nicht über ihres.

Ich hatte nichts zu verlieren, also drehte ich mich langsam zu ihm, streckte meine Hand aus und legte sie ganz ruhig auf seine zitternde, verkrampfte Hand auf dem Ganghebel. Ich sah ihn an. Ich bettelte nicht. Ich weinte nicht. Ich versuchte nicht einmal zu verhandeln. Weder mit Augen, noch mit Worten. Ich sah ihn einfach nur an – mit einer Ruhe und einer nackten Menschlichkeit, die mich selbst erschreckte. Ich war einfach da. Für den Fall, dass dies die letzten Sekunden meines Lebens waren.

Sekunden wurden zu Ewigkeiten. Der Motor heulte.

Und dann – spürte ich, wie der Druck auf das Gaspedal ein wenig nachließ. Das dröhnende Geräusch wurde leiser. Der Wagen verlor an Fahrt. Er schluckte. Er blinkte. Er fuhr von der Autobahn ab.

Am Haus meiner Mutter hielt er an, zitternd vor Wut. Er schnauzte uns an, er warf die Zigarettenstange, die meine Mutter ihm als Dankeschön für die Heimfahrt geben wollte, voller Verachtung vor ihre Füße auf den Asphalt. Er schmiss uns raus wie Dreck. Wütend auf uns oder vielleicht auch wütend darüber, dass er keine Macht mehr über mich hatte.

Wir standen da, mit unseren Koffern. Meine Familie verstand die Welt nicht mehr. Sie dachten, er sei einfach nur unfassbar unhöflich und emotional labil gewesen. Dass der Tod mitfuhr, war ihnen nicht bewusst.

Ich sagte kein Wort. Kein Vorwurf, keine Drohung. Ich wusste, dass jede weitere Reaktion ihn nur nähren würde. Ich wollte keine Vergeltung, keinen Streit – ich wollte nur, dass dieser Mensch für immer aus meinem Leben verschwindet. Also stand ich einfach nur da, mitten im Sturm, das Adrenalin wie Gift in meinen Adern, und wusste: Wir haben überlebt. Um Haaresbreite.

​

Toleranz auf dem Prüfstand

Hast du dich in letzter Zeit auch mal gefragt, ob unsere gesellschaftliche Toleranz eigentlich nur noch so lange hält, wie alle absolut derselben Meinung sind?

Ich habe mir gestern Morgen beim Frühstücksfernsehen auf Sat.1 die Augen und Ohren gerieben. Da saß der Psychologe Ahmad Mansour und stellte sein aktuelles Buch „Haltung ohne Hass“ vor. Er sprach über ein Phänomen, wonach immer mehr Menschen es schlicht nicht aushalten, wenn jemand eine abweichende Meinung vertritt. Dieser Beoachtung schließe ich mich an: Sobald das eigene, mühsam zusammengezimmerte Narrativ infrage gestellt wird, schlägt die Stimmung rasend schnell um – in Aggression, Abwertung und verordnete Denkverbote.

Man sieht das besonders gut, wenn man die aktuellen weltpolitischen Schlagzeilen beobachtet. Im Nahen Osten brennt die Hütte, die Eskalation rund um den Iran und die Region hält die Welt in Atem. Doch was macht der mediale Mainstream daraus? Entweder verfällt man in staatsmännische Inszenierungen, oder die Berichterstattung schrumpft ganz schnell auf die eine, existenziellste aller deutschen Fragen zusammen: Was macht das eigentlich mit unseren Spritpreisen an der Tankstelle?

Man könnte fast darüber schmunzeln, wenn es nicht so traurig wäre. Was bei dieser meisterhaften Nabelschau nämlich fast immer auf der Strecke bleibt, sind die Menschen vor Ort – die Zivilisten, die am Ende doppelt leiden: unter den Luftschlägen auf der einen Seite und unter der Unterdrückung durch das Mullah-Regime auf der anderen.

Aber anstatt differenziert hinzuschauen und das Leid aller Betroffenen wahrzunehmen, bekommen wir oft ein fertiges, emotionales Skript serviert. Uns wird vorgekaut, wann wir Mitgefühl empfinden sollen und wann Distanz angesagt ist. Man hat fast den Eindruck, dass eine echte, vielschichtige Meinungsbildung gar nicht mehr erwünscht ist, sondern dass man gefälligst eine vorgefertigte Haltung zu übernehmen hat.

Der berühmte jüdisch-amerikanische Linguist, Philosoph und Kognitionswissenschaftler Noam Chomsky brachte dieses Mechanismus einst treffend auf den Punkt:

Doch schaut man sich unsere heutige Empörungskultur an, möchte man Chomsky fast korrigieren: Selbst die Debatte innerhalb des abgesteckten Korridors ist kaum noch lebhaft – sie ist oft nur noch laut, hochgradig gereizt und erstickt jeden echten Austausch im Keim.

Wie tief dieser Zwang zur Konformität sitzt und wie schnell eine verordnete Haltung in blinde Aggression umkippt, durfte ich schon am eigenen Leib erfahren. Ich saß am Frühstückstisch mit einem Bekannten – einem gebildeten, studierten Politologen, der berufsbedingt eigentlich prädestiniert dafür sein sollte, Konflikte sachlich und aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Doch beim Thema Ukraine war bei ihm jegliche akademische Distanz verflogen.

Ich sah die Situation – ganz unaufgeregt und anfangs tiefenentspannt – aus einer rein christlich-humanistischen Perspektive. Ich bin weder Russin noch Ukrainerin. Mein einziges Anliegen war und ist, dass das Sterben aufhört. Aus meiner Sicht ist dieser Konflikt ein zutiefst tragischer Bruderkrieg zweier Völker, deren Kultur, Geschichte und Familien seit Jahrhunderten untrennbar miteinander verwoben sind. Und ich vertrete die ganz pragmatische Haltung: Staatsgrenzen waren im Laufe der Geschichte immer in Bewegung – aber kein Stück Land dieser Erde ist es wert, dafür unzählige Menschenleben zu opfern.

Man kann das Vorgehen der russischen Regierung zwar verurteilen, aber wenn man schon den Begriff des Angriffskriegs verwendet, dann war es vor allem eines: ein provoziertes Handeln. Als ich versuchte, diese geopolitische Vielschichtigkeit anzusprechen – etwa die mündlichen Sicherheitsgarantien des Westens im Zuge der 2+4-Verhandlungen 1990 –, wischte er das völlig plump vom Tisch. Die Ukraine sei autonom und könne tun und lassen, was sie wolle. Punkt. Internationales Recht oder geopolitische Realitäten? Spielten für ihn keine Rolle mehr.

Als ich ihm vorsichtig zu bedenken gab, dass solche komplexen rechtshistorischen Fragen vielleicht von klügeren Köpfen beurteilt werden sollten, die tiefer in der Materie stecken als wir beide, reagierte er zutiefst gekränkt und ließ dies nicht gelten. Sein akademischer Stolz duldete schlicht keinen Raum für intellektuelle Demut. Und als ich das historische Beispiel anführte, dass auch Griechenland lernen musste zu akzeptieren, dass Grenzen sich im Laufe der Zeit verschieben und heute beispielweise leider auch niemand mehr in Frage stellt, dass Konstantinopel den Türken gehört, schoss er nur noch völlig trotzig und ohne sich des Eigentors bewusst zu sein zurück: „Istanbul gehört der Türkei. Punkt!“

Und dann kippte es vollends ins Absurde: Ausgerechnet er, der millimetergenau das vorgekaute Narrativ von den ausnahmslos „guten Ukrainern“ und den „bösen Russen“ nachplapperte, warf mir allen Ernstes vor, ich würde die Mainstream-Meinung vertreten und sei der Propaganda zum Opfer gefallen. Verblüfft über seinen zunehmend aggressiven Tonfall mir gegenüber, aber auch weil sich meine Leidenschaft für das konkrete Thema eher in Grenzen hielt, versuchte ich die Sutuation zu deeskalieren, ohne jedoch meinen Standpunkt aufzugeben. Also erklärte ich ihm, dass es doch nicht schlimm sei, wenn wir zu diesem Thema abweichende Meinungen vertreten und auf keinen gemeinsamen Nenner kommen. Aber meine diplomatische Haltung machte ihn nur noch wütender.

Anstatt mit Argumenten zu kontern, war sein moralisches Kartenhaus zusammengebrochen. Er verließ schlagartig die Küche, lief in der Wohnung umher, schäumte vor blinder Wut und wurde einfach nur noch frech. Ich habe die Zeichen nicht erkennt, drohte er mir. Dies stimmte nicht. Die Zeichen und die aufkeimende Bedrohungslage für mich hatte ich durchaus mit Sorge zur Kenntnis genommen, aber deshalb knicke ich in meinen Werten nicht ein.

Er warf mich schließlich aus seiner Wohnung. Auf meine Abschiedsfrage, was der Russland-Ukraine-Konflikt eigentlich ganz konkret mit ihm oder mir zu tun habe, wusste er keine Antwort mehr. Es war der endgültige Schlussstrich unter dieser Bekanntschaft – wie nach einer Tanda im Tango, nach der sich bedankt, loslässt und fortan getrennte Wege geht.

Reibung bringt Bildung

Ich erzähle das nicht, um jemandem meine Sichtweise aufzuzwingen. Aber ich bin zutiefst davon überzeugt: Wir wachsen und entwickeln uns als Bürger nicht weiter, wenn wir uns nur noch in Wohlfühlblasen mit Gleichgesinnten umgeben und uns gegenseitig die eigene Meinung bestätigen. Echte Bildung und geistige Reife entstehen erst durch Reibung – dadurch, dass man sich mit anderen Auffassungen auseinandersetzt, zuhört und auch mal aushält, dass jemand die Welt anders sieht.

Ich halte andere Meinungen ganz hervorragend aus. Und ich finde, wir sollten uns alle wieder mehr darauf besinnen, genau das zu lernen. Ich lasse mir meine emotionale und intellektuelle Unabhängigkeit nicht nehmen und mir nicht vorkauen, was ich zu fühlen oder zu denken habe.

Vielleicht wird es Zeit, dass wir den Mut aufbringen, den Radikalen und Empörten aller Seiten nicht das Feld zu überlassen. Ein echter, mündiger Diskurs hält abweichende Sichtweisen aus – ohne sein Gegenüber einzuschüchtern, zu entwerten oder wütend aus dem Raum zu rennen.

Aufgrund meiner Erfahrungen sowie der zunehmenden Radikalisierung in Deutschland möchte ich noch besser verstehen, welche psychologischen Mechanismen Menschen in politischen Debatten so schnell verhärten und radikalisieren lassen. Daher werde ich das Buch von Ahmad Mansour definitiv lesen.

DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner