(überarbeitet)
Vielleicht kennst Du das: Deine großen Neujahrsvorsätze sind längst im Alltag verpufft, und nun steckst Du mitten in der Fastenzeit und ringst erneut mit Dir selbst. Du versuchst mühsam, die Scherben Deiner Disziplin zusammenzukehren. Es ist ein ständiges Aufbäumen gegen alte Geister, ein kräftezehrendes Ringen um Veränderung, das oft mehr nach Kampf als nach Befreiung schmeckt. Doch was, wenn Dein eigentliches Problem gar nicht der mangelnde Wille ist, sondern die Angst vor dem, was bleibt, wenn Du wirklich ernst machst?
Dein Griff um das Erschöpfende
Es ist die wohl größte Ironie unseres Lebens: Wir klammern uns oft am festesten an jene Dinge, die uns am meisten Kraft kosten. Dabei geht es nicht nur um ungesunde Laster, die wir ablegen wollen. Es könnten auch andere Dinge oder Menschen sein, die uns nicht guttun. Nicht selten halten wir uns etwa an Verbindungen fest, die sich eindeutig falsch anfühlen oder an Gewohnheiten, die unseren Geist trüben – nicht etwa, weil sie uns noch nähren, sondern weil wir die Stille fürchten, die eintreten würde, wenn sie fort wären.
Die Angst als falscher Wegweiser
Dinge oder Menschen loszulassen, für die Du noch Gefühle hast, fühlt sich paradox an. Es ist ein kleiner Tod. Du verabschiedest Dich dabei nicht nur von einem Gegenüber, einer Substanz oder einer schlechten Angewohnheit, sondern damit auch von einem Teil Deiner eigenen Geschichte. Genau genommen lässt Du das Bild sterben, welches Du in dieser Verbindung von Dir selbst hattest – die Rolle des Hoffenden, des Duldenden, des Genießers oder desjenigen, der sich ohne seinen speziellen Anker – egal welcher – nicht vollständig fühlt.
Wir fürchten diesen Moment, in dem das Alte stirbt und nichts mehr da ist, was uns ablenkt oder definiert. Doch in Wahrheit ist dieser „kleine Tod“ die absolute Voraussetzung für jede echte Neuentstehung. Ein Gefäß ist nur nützlich, wenn es leer ist. Ein Raum kann nur neu gestaltet werden, wenn er nicht mit altem Gerümpel vollgestopft ist.
Mut zur radikalen Entscheidung
Wenn Du radikale Grenzen ziehst – sei es gegenüber einem Menschen, der Dich nicht respektiert will oder gegenüber Stoffen und Substanzen, die Dich knechten oder vielleicht sogar gegenüber Dir selbst und Dein krampfhaftes Begehren bestimmter Dinge, Personen oder Zielsetzungen –, dann erschaffst Du diesen leeren Raum ganz bewusst. Denn wer nichts mehr festhält, dem kann auch nichts mehr genommen werden. In dem Moment, in dem Du den „Griff“ lockerst, hört der ständige Energieverlust nach außen auf. Die Kraft, die Du bis dato aufgewendet hast, um eine schwierige Situation – vermeintlich ‚tapfer‘ – auszuhalten und das notwendige Loslassen hinauszuzögern, kehrt plötzlich Stück für Stück zu Dir zurück.
Die Vorahnung von festem Boden
Der schwierigste Moment ist das „Dazwischen“. Dein alter Halt ist weg, der neue noch nicht sichtbar. Du fühlst Dich innerlich aufgewühlt, unsicher und fragil. In dieser Phase ist es noch keine Sicherheit, die Dich trägt, sondern lediglich eine Vorahnung.
Diese Vorahnung ist die erste leise Wahrnehmung Deiner eigenen, ungebundenen Stärke. Zum ersten Mal fließt Deine Energie nicht mehr weg. Vielmehr beginnt sie, sich zu setzen und ganz langsam ein Fundament zu bilden, welches nicht mehr von äußeren Bestätigungen oder kurzfristigen Belohnungen abhängig ist. Es ist kein fester Boden, den Du findest, sondern einer, der in der Stille langsam und zunächst kaum spürbar unter Deinen eigenen Füßen wächst.
Fazit
Wahre Stärke zeigt sich meist nicht dort, wo wir kämpfen, um etwas zu halten oder zu erlangen. Sie zeigt sich dort, wo wir den Mut und die Überwindung aufbringen, loszulassen und damit die „Energielecks'“ zu schließen. Indem wir bewusst den Raum leeren, geben wir uns selbst die Chance sowie auch die Ermächtigung, wieder hörbar zu werden.
Kurz gesagt: Wenn Du das, was Dir nicht guttut, weggibst, gewinnst Du vielleicht im ersten Moment nichts Sichtbares hinzu, aber Du findest etwas Entscheidendes wieder: Die Integrität, in Deiner eigenen Mitte zu stehen – unbeeindruckt von der Verlustangst. Es ist wie ein Investment, das sich oft erst später auszahlt. Wovon auch immer Du Dich gerade befreien willst, Du musst da nicht zwangsläufig alleine durch, sondern kannst Dir kompetente Unterstützung für Dein Vorhaben suchen.


