Die Lust an der Katastrophe

Das schwere Zugunglück, das sich am 28.02.2023 in Griechenland zwischen Thessaloniki und Athen ereignete, traf die griechische Nation unvermittelt mitten ins Herz. Ein Güterzug kollidierte frontal mit einem Personenzug. Mindestens zweiundvierzig Menschen starben nach derzeitigem Kenntnisstand. Darunter viele Schüler und Studenten, die am Wochenende zuvor Karneval gefeiert hatten. Unter den rund 350 Fahrgästen, die sich im Personenzug befanden, werden gegenwärtig noch viele Menschen vermisst.

Ein Bahnmitarbeiter wurde bereits festgenommen. Dieser steht unter Verdacht, die Gleisen falsch gestellt zu haben. Das elektronische Fahrleitsystem soll schon länger nicht korrekt funktioniert haben, weswegen die Gleisen in dem betreffenden Streckenabschnitt offenbar von Hand gestellt wurden. Die griechische Regierung verspricht umfassende Aufklärung. Der amtierende Verkehrsminister ist bereits zurückgetreten.

Viele Griechen schreien derzeit nach Vergeltung. So wie viele Katastrophen, droht auch diese zum Medienevent zu mutieren. Jeder möchte seine Meinung wie einen „Hut in den Ring werfen“ und promotet diese geradezu zwanghaft, als kämpfe er höchstpersönlich an der vordersten Front des Unglücks für die Wahrheit und Gerechtigkeit.

Aber wieso ist das so? Warum sind die Menschen bei Katastrophen apokalyptischen Ausmaßes geradezu euphorisch?

Katastrophen haben Menschen schon immer angezogen. Deshalb sprechen Psychologen von der sog. „Katastrophenlust“. Die Kenntnisnahme und die gedankliche Auseinandersetzen mit einem Unglücksfall erzeugt im Menschen in erster Linie Angst. Gleichzeitig werden Glückshormone, sog. Endorphine, ausgeschüttet. Dies erscheint auf den ersten Blick paradox, ist jedoch evolutionspsychologisch betrachtet überlebenswichtig, um selbst in auswegslosen Situationen die Handlungsfähigkeit aufrechtzuerhalten. Hinzu kommt der händeringende Wunsch nach Kontrolle einer außer Kontrolle geratenen Situation. Diese Gefühle entstehen unwillkürlich und dienen, vereinfacht dargestellt, dem eigenen Überleben. Weniger unwillkürlich ist indes der Umgang des Menschen mit seinen Gefühlen.

Durch die öffentliche Auseinandersetzung mit einem Unglücksfall entsteht ein gewisser sozialer Druck im Individuum. In der Konkurrenz- und Leistungsgesellschaft, die man insbesondere in hochentwickelten Zivilkulturen vorfindet, möchte niemand den Anschluss verlieren. Wer nicht zeitnah eine Meinung zu einem bestimmten Ereignis aus dem Ärmel schüttelt und Farbe bekennt, gilt schnell als uninformiert oder desinteressiert. Zu langes Nachdenken ist out. Daher fühlen sich viele Menschen gezwungen, zu einer schnellen Beurteilung zu gelangen, um sich erst gar nicht einem solchen Vorwurf auszusetzen.

Der Schuldige scheint beim vorliegenden Zugunglück für Viele schnell gefunden: der Staat ist schuld, der mit diesen oder jenen Maßnahmen, wie etwa der Privatisierung des Zugverkehrs, überhaupt den fatalen Weg bereitet hat, sodass das in einem wohlgemerkt moderenen technischen Zeitalter Unmögliche auf erschreckende Weise möglich wurde. Mit „dem Staat“ hält man sich bewusst wage. Hakt man in Dialogen nach, wer oder was konkret gemeint ist, ob etwa eine bestimmte Behörde, ein Amt, die gesamte Regierung, der Polizeiapparat oder das Parlament schuld ist, hält man sich mangels Kenntnis der Zusammenhänge oder mangels Mut, seine Überlegungen näher auszuführen, dann doch lieber bedeckt. Und wie genau „Schuld“ definiert wird und wer nach juristischen Maßstäben – ganz konkret – für die zahlreichen Toten und Verletzten verantwortlich ist, interessiert letztendlich fast schon nicht mehr. Durch das Bedürfnis nach Bestätigung konsumiert man im Nachfolgenden ohnehin meist nur noch die Informationen, die den eignenen Standpunkt stützen, welcher wiederum in den meisten Fällen jedoch nicht einmal aus einem eigenständig durchlaufenen und fundierten Meinungsbildungsprozess heraus geboren wurde, sondern oft nur unreflektiert nachgeplappert ist.

Es wird sich – überspitzt formuliert – munter im Rudel empört und gejammert. Während ein Teil der griechischen Öffentlichkeit durch den Unglücksfall tatsächlich emotional kompromittiert ist, schreien andere nur auf, um Teil eines besonderen größeren Ereignisses zu sein oder um das Unglück zugleich zur Kanalisation ihrer Unzufriedenheit zweckzuentfremden, welche ihren Ursprung meist gar nicht in dem Ereignis selbst hat, sondern aus anderen Ereignissen oder persönlichen Lebensumständen rührt. Das Ereignis wird somit zum reinen Aufhänger und zur Projektionsfläche für die eigenen Defizite und Frustration (z.B. durch Misserfolg im Beruf). Zwei Fliegen mit einer Klappe!

Wie viele von ihnen beißen keine 10 Minuten später, nachdem sie sich gekünstelt und lauthals empört haben, tiefenentspannt in die dampfende Tiropita und sind insgeheim froh darüber, dass weder sie selbst noch Nahestehende im Unglückszug saßen?

Wer tatsächlich innerlich erschüttert ist von den Meldungen und den Bildern des Zugunglücks, die um die Welt gehen, benötigt jedenfalls einige Zeit, um einen klaren Gedanken zu fassen und das Geschehene zu bewerten und anschließend zu betrauern.

Teilhabe mag ein verständiches und tief verankertes Bedürfnis des Menschen sein. Dies gilt gleichermaßen für erfreuliche Ereignisse wie z.B. der Fußball-WM wie auch für tragische Ereignisse wie z.B. die Covid19-Pandemie oder 9/11. Die Art der Berichterstattung ermutigt häufig zu dieser Art von Teilhabe, um sich auch künftig Auflagen oder Einschaltquoten zu sichern. Während seriöse Nachrichten-Dienste sachlich zu einem Ergebnis informieren und den Informationskonsumenten zu eigenen Recherchen und Überlegungen ermutigen, kauen andere Anbieter dem Adressaten neben der Information direkt schon vor, wie er etwas zu empfinden und zu beurteilen hat. Oft soll er zielgerichtet emotionalisiert werden. So wird er jedoch unbemerkt ein Stück weit entmündigt und hat kaum die Wahl, welche Themen ihn beschäftigen und wie er sie einordnet, ohne zugleich irgendwo anzustoßen und verbale Prügel zu riskieren. Insofern hat er kaum eine Wahl als sich mitreißen zu lassen und sich wie in einem Automatismus mitzuempören. Mit einem demokratischen Meinungsbildungsprozess hat das jedoch nicht viel zu tun – viemehr ist dieser ochlokratischer Natur.

Inmitten der Informationsschlachten, denen man als Mensch im Laufe seines Lebens pausenlos ausgesetzt wird, ist es umso wichtiger, diese Mechanismen zu erkennen und zu entschlüsseln. Wer mehr als nur „up-to-date“ sein möchte oder irgendwie mitreden will, sondern substantiiert, mündig und empathisch in den Meinungsaustausch treten will, der sollte in diesem und ähnlich gelagerten Fällen mit Respekt vor den Opfern, den traumatisieren Rettungskräften und den bangenden Angehörigen ein Stück hinter den von dem Unglück unmittelbar betroffenen und traumatisierten Personenkreis zurücktreten und die juristische Beurteilung des Unglücksfalls in erster Linie den Experten überlassen.

Im Falle des vorliegenden Zugunglücks sind die Ermittlungen faktisch gerade erst angelaufen. Aber auch Ermittler sind Menschen und spüren den Druck des Öffentlichkeit, welche meist schnell Köpfe rollen sehen will. Dies erhöht die Gefahr, dass Fehler Einzug in die Ermittlungsarbeit finden. Nicht zuletzt ist dies für die Suche nach der Wahrheit höchst hinderlich.

Ist man als Bürger mit den Lebensumständen, die einem von der Politik geboten werden, unzufrieden und hat das Vertrauen in das Funktionieren des Rechtsstaat verloren, so kann man seinem Unmut problemlos an der Wahlurne entsprechend Ausdruck verleihen. Sofern man natürlich den nötigen Mumm aufbringt… Nur sollte man dabei nicht die Toten instrumentalisieren.

I Tango ist…

….wenn man liebevoll seine Tanzschuhe pflegt!

Gute Schuhe sind das A und O im Tango und als unverzichtbares Werkzeug eine gewisse Investition wert, um einen sicheren und stabilen Stand zu haben. Ich persönlich trage am liebsten Tangosandaletten mit Stilettoabsatz, aber man sollte sich da keinem Gruppenzwang aussetzen. Jeder sollte zum Tanzen die Schuhe tragen, in denen er sich am wohlsten fühlt. Insofern können es theoretisch auch Springerstiefel sein, wobei es da schon schwierig wird, den Spann elegant zu strecken oder leichtfüßig Pivots zu drehen. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit groß, auf Milongas schmachvoll des Parketts verwiesen zu werden, da dunkle Gummisohlen bekanntlich einen sichtbaren Abrieb hinterlassen können.

Welches Fahrgestell man auch für die Ronda wählt, eine ordentliche Schuhpflege gehört in jedem Fall dazu. Das wurde mir neulich besonders vor Augen geführt:

Letzten Samstag hatte eine tollpatschige Dame bei einer Milonga in Rheinland-Pfalz zwei(!) volle Kelche Rotwein über mich ausgeschüttet. Meine aktuellen Lieblingsschuhe aus Veloursleder waren komplett durchtränkt. Als erste Notfallmaßnahme habe ich sie zusammen mit meinem Kleid unverzüglich auf der Toilette abgespült. Daheim folgte dann die eigentliche Reinigung: ich habe sie kurz (max. 2 min.) in lauwarmer Lauge aus Wollwaschmittel (rückfettend!) gewaschen und dabei massiert, dann gründlich abgespült und zwei Tage in Heizungsnähe trocknen lassen. Anschließend habe ich sie intensiv gepflegt und zwar mit flüssiger Velourslederpflege (außen) und Fett (innen + Sohle). Das Ganze habe ich dann über Nacht einziehen lassen, den Überschuss anschließend mit Tüchern abgerieben und die Schuhe mit Gummibürste schonend aufgeraut. Sie sind nun gerettet und sitzen wieder einwandfrei! Ich hatte Glück, denn dieses Paar war schwarz. Helle Velourslederschuhe wären sehr wahrscheinlich ruiniert gewesen.

Nur 1 Luftballon

Zwei Atommächte geraten derzeit schnurstacks an ihre diplomatischen Grenzen. Grund ist ein weißer Ballon, der am 4. Februar 2023 vor der Ostküste der USA auftauchte sowie dessen prompter Abschuss durch die amerikanische Luftwaffe. Die Amerikaner sind der festen Überzeugung, es handelte sich bei dem Objekt um einen chinesischen Spionageballon. China bestreitet dies und behauptet, es sei vielmehr ein Wetterballon gewesen, welcher unbeabsichtigt in den US-Luftraum gefolgen sei. Beide Lager sind seither angespannt und begegnen einander mit großem Argwohn.

Nun gab es erste Annäherungsversuche im Rahmen der Münchner Sicherheitskonferenz, was nebenbei bemerkt einen Tiefschlag für alle Kritiker dieser Veranstaltung bedeutet, denn womöglich wurde dort ja der 3. Weltkrieg verhindert! Wie dem auch sei, von einer Rückkehr zu einem normalen Umgang kann noch keine Rede sein.

Ob nun Wetter- oder Spionageballon, warum überhaupt das ganze Drama? Das Ding war nicht einmal bemannt. Kann man das Problemchen nicht – so wie sonst auch – einfach mit Geld lösen und die Freundschaft mit einem festen Händedruck (oder wegen Covid-19 wahlweise mit Gangsterfaust) besiegeln? Selbst Erdogan und Putin haben nach Abschuss des russischen Kampfjets 2016 die Kurve bekommen. Dem amerikanischen Steuerzahler dürfte das allemal lieber sein als den nächsten Luftschutzbunker zu stürmen.

Vielleicht könnten die Chinesen in Zukunft Verwechslungsgefahr vermeiden, wenn sie anstelle von unscheinbaren weißen Ballons vielleicht Wetter-Drachen steigen lassen würden. Lasst mich, es ist Rosenmontag. In diesem Sinne: helau! Oder meinetwegen auch: ni hao!

Nena hat es übrigens bereits 1983 prophezeit. Allerdings waren, anders als in ihrem Hit, nicht „99 Luftballons“ am Horizont, sondern bloß einer, wenn auch ein großer…

Der Karneval und seine Alter Egos

Heute ist Schmutziger Donnerstag. Schon immer habe ich Karneval geliebt und ging oft auf Faschingsparties. Als Teenager habe ich in der Wochen vor Karneval viel Zeit in Kostümläden und an der Nähmaschine verbracht, um mich darauf vorzubereiten. Ein paar Tage im Jahr durfte man sein wer man will. Das fand ich großartig! Menschen, die sich gerne kostümieren, sagt man ja gerne nach, sie seien getrieben von dem Bedürfnis, aus ihrem eignen Leben auszubrechen und in andere Rollen zu schlüpfen.

Da habe ich so meine Zweifel… Könnte es nicht ebenso gut sein, dass diese „Alter Egos“ nicht vielmehr umgekehrt in uns hineinschlüpfen und so ein Bedürfnis nach Transformation in uns auslösen? Vielleicht steht ja die Seele Verbindung zum Steuerungsraum und hat somit Zugriff zu anderen parallen Räumen. Dort bin ich vielleicht tatsächlich eine Bedienung in einem amerikanischeh Diner, eine Vulkanierin, eine Pilotin, eine Göttin oder Weltraumpiratin. Beweise mir doch einer mal das Gegenteil!

Das werde ich auf jeden Fall in einer ruhigen Minute mit den anderen Mädels erörtern… ^^

Bis dahin: Helau, ihr Narren!

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