Faszination Tango-Community – Teil 1

Stellt Dir vor, es ist Milonga und keiner geht hin. Keiner außer Dir und eine weitere Person, wie etwa Deine Begleitung oder vielleicht jemand Fremdes, den Du angenehm findest und mit dem Du grundsätzlich tanzen möchtest. Das Parkett glänzt, die Beleuchtung ist stimmungsvoll, der DJ sitzt artig am Pult und die Musik spielt. Alles ist perfekt. Nur die anderen Gäste fehlen. Würdest Du unter dieser Prämisse in der für Dich gewohnten Dauer dieser Milonga beiwohnen und auch die Anzahl von Tandas tanzen, die Deinem Durchschnitt entsprechen?

Nein? Warum nicht? Wie viele verschiedene Tanzpartner benötigst Du denn, damit die Milonga für Dich befriedigend ist? Oder anders gefragt: Ist der Genuss für Dich gemindert, wenn Du keine Aussicht darauf hast, schon bald in die Arme des nächsten Tanzpartners zu versinken? Wieviele Tänzer braucht man denn generell, um Tango zu tanzen? Und wieviele konkret, damit von einem sog. Social Tango die Rede sein kann? Wie viele Paare müssen auf der Piste sein, um eine Ronda bilden zu können? Gibt es da eine Mindestzahl? Wäre es denn überhaupt eine Milonga, wenn nur zwei Gäste anwesend wären? Was definiert die Milonga? Ist sie als soziale Begegnungsstätte für das Ausleben von Tango unabdingbar? Oder kann man den Tango nicht ebenso gut auch nur zu zweit leben? Und was ist eigentlich Zeit…?

Symbolbild „Two little dancers“ von John-Drysdale

Zugegeben, die letzte Frage hat hier nix verloren. :–P Ich wollte nur mal checken, ob Du noch da bist. Die Aufmerksamkeitspanne der Menschen scheint generell immer kürzer zu werden. Kein Wunder bei dem vielen Input.

Autonomie

Dieser Beitrag beabsichtigt nicht, all die oben aufgeworfenen Fragen detailliert und gesichert zu beantworten. Auch sollen sie keine Anklage darstellen. Ich möchte andere Tangotänzer lediglich dazu ermutigen, sich nicht von anderen wie etwa Profis, Lehrer oder Vorbildern der Szene vorkauen zu lassen, was genau Tango bedeutet und wie man ihm am besten fröhnt, sondern sich auf eine eigene, autonome Entdeckungsreise zu begeben. Besonders als Anfänger ist man sehr anfällig für Lehren, aber ebenso auch Irrlehren. Tango ist nicht per copy and paste zu erobern, auch wenn Nachahmung den Lehrer ehren mag, sondern eine sehr persönliche Sache, nämlich ein künstlerisches Sprachrohr der individuellen Persönlichkeit. Eure Idole können Euch also nur die Tür zeigen. Aber hindurchgehen müsst Ihr letztendlich alleine. ;–) Und genauso müsst Ihr alleine, also selbständig den Tango und seine mannigfaltigen Möglichkeiten erforschen, um eines Tages vielleicht ‚Erleuchtung‘ zu erlangen.

Dies bedeutet konkret, Strukturen, Definitionen und Begebenheiten, die uns als unerschütterlich serviert werden, zumindest hin und wieder auf den Prüfstand zu stellen und auf ihren Wahrheitsgehalt und ihre Allgemeingültigkeit hin zu hinterfragen. Denn nichts von dem, was wir im Tango gewohnheitsmäßig als Tradition verstehen, ist tatsächlich in Stein gemeißelt. Allenfalls gibt es eine Art Konsens unter Tangotänzern sowie Tangokulturschaffenden, den es zu respektieren gilt, d.h. wenn man diesen Personenkreisen angehören möchte. Aber realistisch betrachtet ist wohl kaum jemand unter diesen vermeintlichen Galionsfiguren Zeitzeuge der Geburtsstunde des Tango. Und selbst diejenigen, die die Geschichte des Tango eingehend studiert haben und diese als Experten weitertragen, formen sie selektiv nach ihrem eigenen ganz persönlichen Geschmack. Das geschieht unbewusst.

Kurzes Beispiel: die Ronda. Überall lernt man, sozial würde Tango ausschließlich gegen den Uhrzeigersinn in konzentrischen Bahnen getanzt werden. Demzufolge gilt die nicht einhalten als regelwidrig und unsozial. Aber nach meinen Recherchen entspringt diese Ordnung dem Wiener Walzer und wurde lediglich auf den Tango übertragen. Demnach wäre die Ronda ein österreichischer Einfluss. Dies lässt logisch den Schluss zu, dass die Paare in den frühen Anfängen entweder einer anderen Ordnung folgten, oder, was wahrscheinlicher erscheint, nach Belieben kreuz und quer durch den Raum tanzten. Bei gegenseitiger Rücksichtnahme ist dies durchaus praktikabel.

Mein Appell geht aber nun keineswegs dahin, sich bezüglich aller Riten und Gepflogenheiten grundsätzlich in Opposition zu stellen. Das Rad wurde bereits erfunden und es läuft soweit ganz gut! Würden wir ausnahmslos alle Riten, Begebenheiten, Definitionen und Regeln aushebeln, wäre der Tango irgendwann bis zur Unkenntlichkeit verwässert und hätte mit seinen argentinischen und uruguaischen Wurzeln nicht mehr viel gemein. Was genau Tradition ist, entschlüsselt man am besten im lebendigen Austausch miteinander.

Um ihn also besser zu begreifen, kommen wir nicht umhin, ein besonderes Augenmerk auf uns selbst werfen. Schließen sind wir es, die die Maßstäbe setzen.

Wir im Tango

Wir als Tangobegeisterte, also Tangotänzer, Musiker, Veranstalter, DJs, Lehrer etc. bilden soziale Sphären, in denen wir uns immer wieder begegnen. Aber was bedeutet dies konkret. Sind wir bloß Teil einer losen Menge? Oder vielleicht eine Art Gang? Sind wir strukturiert und geordnet? Hierarchisch organisiert oder vielmehr chaotischer Natur? Pack schlägt sich – Pack verträgt sich?

Oft ist ja die Rede von der „Tango-Community„, die hochgehalten wird und nach einhelliger Überzeugung möglichst breit aufgestellt florieren sollte. Keine Ahnung, warum wir überhaupt einhellig diesen Anglizimus verwenden. Ich beoachte da ein besorgniserregendes Sprachdefizit in der deutschen Tangoszene. Viele Tänzer in der Community, die bereits seit Jahren hier leben, beherrschen kein oder kaum Deutsch oder haben es nicht sehr eilig mit dem Lernen. Ich mag die englische Sprache ja auch und verwende auch oft Anglizismen, wo die Alternativen unpassend erscheinen, aber de facto ist sie hierzulande keine Amtssprache. Spanisch würde da definitiv mehr Sinn ergeben als Englisch, zumal dies die Fachsprache des Tango ist. Aber gut, bleiben wir ruhig dabei. In der Community werden munter Werte und Regeln postuliert, oft jedoch offenkundig nicht immer konsequent gelebt, d.h. aktiv mitgetragen. Wie zum Beispiel Integration. Würde sie ausnahmslos engagiert und wohlwollend praktiziert werden, würden uns nicht immer wieder Berichte erreichen von Tänzern, die sich einsam, nicht gewertschätzt, von der Gemeinschaft ausgeschlossen fühlen und im letzten Schritt ihr Leiden beenden, indem sie das Exil suchen.

Big family?

Diese Tango-Community ist unstreitig von einem mehr oder weniger starken Wir-Gefühl gekennzeichnet ist. Manche Mitglieder romantisieren die Gemeinschaft deshalb als Familie, insbesondere solche, deren sozial-familiäre Verhältnisse zerrüttet sind. Sie neigen naturgemäß dazu, im Tango eine Art Ersatzfamilie erblicken. Aber den Tatsachen entspricht dies meist nicht und nur selten sind Beziehungen dauerhaft oder annährend so tiefgreifend, wie es bei biologischen Verwandtschaftsverhältnissen gemeinhin zu beobachten ist.

Beispiel: Bekommt eine Tänzerin oder ein Tanzpaar ein Kind, so jubeln viele Mitglieder den Zuwachs, der dann nicht selten auf Milongas präsentiert wird. Aber beim Jubeln und gutgemeinten Bekundungen sowie großzügig anmutenden Hilfsangeboten bleibt es in den meisten Fällen dann auch. Denn in der Regel übernimmt die Gemeinschaft keine oder kaum relevante erzieherischen Verpflichtungen gegenüber diesem ’neuen Mitglied der Tangofamilie‘ oder sichern es gar wirtschaftlich ab. Insofern sind Statements, die ein familiäres Miteinander postulieren, meist nur Schall und Rauch. Mehr als ein paar Tipps und Theorie sollte man da als junge Mutter oder Vater insofern nicht erwarten. Viele Menschen, und das gilt gesamtgesellschaftlich und keineswegs nur für den Tango, möchten Wärme und Geborgenheit empfangen und sich getragen fühlen, sind aber gleichzeitig kaum bereit, andere ebenso aufzufangen und zu tragen. Man ist sehr darauf bedacht, schwarze Zahlen zu schreiben. Genommen wird insofern gerne und großzügig – das Geben beschränkt sich in der Realität auf die herzliche Umarmung und diese endet auch schon mit dem Einspielen der Cortina. Über Missstände auf Milongas, die im Grunde Missstände in der Community sind, habe ich hier bereits ein wenig berichtet.

Wahre Freunde

Wenn die Gemeinschaft also keine Familie ist, so könnte man in ihr auf den ersten Blick einen großen Freundeskreis erblicken. Natürlich bilden sich innerhalb der Tango-Community Freundschaften, aber die Communities sind groß und überschneiden sich mit anderen. Klare, scharf abgegrenzte Personenkreise gibt es insofern nicht. Folglich ist nicht jeder Tänzer, den man flüchtig oder womöglich noch gar nicht kennt, automatisch ein Freund. Lediglich das Potential ist vorhanden. Nicht mehr und nicht weniger. Gleichermaßen das Potential einer Feindschaft, wohlbemerkt. Sich etwa gegenseitig den Trainingspartner auszuspannen, gehört leider auch zum Tango. Konkurrenzdenken und daraus resultierende Intrigen sind keineswegs dort seltene Phänomene, sondern an der Tagesordnung. Viele Mitglieder offenbaren eine beachtliche kriminelle Energie, wenn es darum geht, selbst voran zu kommen oder andere zu übervorteilen. Das ist Teil der dunklen Seite des Tango.

Angeachtet dessen, benötigen Vertrauen und Liebe, die eine Freundschaft kennzeichnen, üblicherweise Zeit sowie Energie um überhaupt zu gedeihen. Viele Mitglieder investieren sie gar nicht ernst mühsam, sondern gehen direkt über in eine Art Instant-Freundschaft, in welcher man die Vorzüge einer intimen und vertrauensvoll anmutenden Verbindung zwar genießt und großzügig Umarmungen austauscht, aber bei genauerem Hinsehen meist nur an der Oberfläche verweilt. Denn öffnet man sich hingegen wirklich einem anderen Menschen, impliziert dies nicht nur die Offenlegung der Lebenerfolge, sondern auch der Misserfolge, was letztendlich verwundbar macht. Das Risiko gehen immer weniger Menschen leichtfertig ein. Lieber zeichnet man ein bestimmtes Bild von sich vor, ähnlich wie auf Social Media.

In der Tango Community ist das nicht wirklich anders. Die Leute gieren geradezu nach Glanz und Glamour, nicht nach unschönen Fakten oder stimmungskillenden Schicksalsschlägen. Davon will man nichts hören. Tango will schließlich gefeiert werden, nicht betrauert. Wir sind keine Trauergemeinde! Übrigens ist die Milonga ein prima Ort, um die Flucht zu ergreifen und in der Menge abzutauchen, wenn ein Gespräch unangenehm oder langweilig wird. Schließlich wollen die meisten Besucher ihre Energiereserven dort auffüllen und nicht entleert bekommen. Diese Möglichkeit hat man im eingehenden Szenario natürlich nicht. Da bleibt nur die vollständige räumliche Flucht.

Surrogates

Einige unter euch Tangotänzern denken sich nun vermutlich: „Moment mal, ich habe viele Freunde im Tango! Außerdem dreitausend Kontakte auf Facebook. Ich verabrede mich auch gerne mit meinen Leuten. Sie sind real.“ Klar sind es echte Menschen, mit denen wir da verkehren. Nicht etwa „Surrogates“ wie im Film mit Bruce Willis. Das stelle ich auch überhaupt nicht in Abrede. Aber wir sind auch nicht soooo weit von dieser Dystopie entfernt, wie wir glauben: Zwar schicken wir nicht unsere hochentwickelten Roboter, die mit uns verlinkt sind, hinaus in die Öffentlichkeit, aber wir tragen dennoch Masken im Umgang miteinander. Frag Dich doch einmal selbst: Wie viele Deiner Tangofreunde kennen Dich wirklich? Wieviele glaubst Du, umgekehrt genau zu kennen?

Bleiben wir bei den Fakten: Was die vermeintliche Freundschaftspflege anbelangt, drehen sich die meisten Verabredungen irgendwie ausschließlich um den Tango, als wäre er unsere einzige Existenzebene. Aber Tango ist, realistisch betrachtet, nur ein kleines Puzzelteil davon. Tänzer treffen selten einfach nur so auf einen Kaffee oder einen Restaurantbesuch, zumindest nicht ohne dass davor oder danach getanzt wird oder ohne dass der Tango zumindest thematisiert wird.

Ich selbst genieße es übrigens auch, mit kultivierten Leuten über Tango zu reden, aber genauso und vielleicht sogar etwas mehr genieße ich es, mit ihnen über alle möglichen anderen Themen zu philosophieren und bewusst einen großen Bogen um die gemeinsame Leidenschaft zu machen. Das finde ich irgendwie reizvoll. Solche Gespräche sind für mich die fruchtbarsten, denn damit tritt man gemeinsam mit dem Dialogpartner den Beweis an, dass man ein Leben neben, vor oder hinter dem Tango hat, das ein Gespräch wert ist. So fühlt man sich als ganzer Mensch wahrgenommen und gewertschätzt, nicht eben nicht nur als Tango-Surrogate.

Zwischenfazit

Aber für die meisten geht nunmal Kuscheln klar vor echtem und lebensnahem Austausch. Nach meiner persönlichen Erfahrung und Beobachtung sind die meisten freundschaftlichen Verbindungen bis auf ein paar Ausnahmen jedenfalls keine wahren Freundschaften, sondern vielmehr solide Bekanntschaften. Vielleicht vergleichbar mit geschätzten Klassenkameraden. Nicht zuletzt lernen wir ja auch gemeinsam.

Im Zwischenergebnis sind wir also weder ein Familienclan noch ein überdimensionierter Freundeskreis. Aber was sind wir dann?

Pech-Thread

Wenn das Brot immer nur auf die Butterseite fällt, ist man womöglich verflucht! Zurzeit plagt mich eine Pechsträhne, die irgendwie nicht abreißen will. Deshalb habe ich entschieden, den Titel dieses Beitrags abzuändern und werde ihn updaten, solange bis Ruhe einkehrt.

Pleite Nr. 1

Gestern, am 27.06.2024 kam von der Reederei eine Nachricht, dass die von mir gebuchte Überfahrt von Italien nach Griechenland für diesem Sommer nicht wie geplant in Patras endet, sondern schon früher in Igoumenitsa. Wer mich ein bisschen kennt weiß: das hat mich maximal genervt…..

Würde ich als Konsequenz auf einen anderen Termin ausweichen, müsste ich mit meiner Begleitung mit Luftmatratze und Schlafsack auf dem Gang schlafen, da um den Anreisezeitraum alle Kabinen ausgebucht sind. Früher als Jugendliche fand ich die Deckpassage abenteuerlich. Bei klarem Sternenhimmel und Wind um die Nase war ich sogar happy. Eine kleine Anekdote habe ich euch hier bereits erzählt. Meine letzte Überfahrt auf dieser Route liegt mittlerweile aber viele Jahre zurück. Deckpassage kommt für mich heute nicht mehr in Frage. Ich bin nicht mehr die Jüngste und meine Knochen stecken eine Übernachtung auf dem Boden nicht mehr so gut weg. Nach einer rund zehnstündigen Autofahrt über die Schweiz möchte ich anschließend doch lieber in ein Bett fallen. Frühzeitig hatte ich mir daher eine Außenkabine gesichert.

Und nun das. Ich wurde automatisch auf die geänderte Route umgebucht. Wahrscheinlich werde ich das so akzeptieren und mich um eine Teilerstattung bemühen. Das besonders Unerfreuliche an der Sache ist, dass ich nach der Ankunft in Igoumenitsa noch ca. 500 km bis zum Ziel fahren muss, was mindest 4 ½ Stunden Fahrt bedeutet. Zum Vergleich: ab Patras wären es nur 2 Stunden auf moderner Autobahn gewesen. Auf Google Maps sieht das für mich nach einer „romantische“ Strecke aus…. Im Klartext bedeutet das ewiges und zermürbendes Gegurke die Küste entlang. Ich bilde mir ein, bereits die schlimmsten Serpentinen in Griechenland gefahren zu sein und meistere zu meiner eigenen Verblüffung selbst ungesicherte Haarnadelkurven über steilen Klippen souverän mit Gottvertrauen, sinnvollem Fahr- und Bremsverhalten und ruhigem Puls. Insofern wäre das schon machbar, aber…

Pleite Nr. 2

Heute, am 28.06. folgte dann gleich die nächste Hiobsbotschaft auf den Fuß. Früh morgens habe ich das Auto, mit dem ich die Reise plane, in der Werkstatt zur Diagnose abgeben lassen, weil aus dem Motorraum seit einiger Zeit ein leises pfeiffendes Geräusch kommt, das angesichts der geplanten Reise nicht mehr ignoriert werden kann. Ergebnis: Der Turbolader ist scheinbar defekt. Der Kfz-Mechaniker aus der Vertragswerkstatt riet mir dringend davon, damit eine längere Reise anzutreten. Der Austausch kostet schätzungsweise zwischen 2000 und 2500 Euro. Da musste ich erstmal schlucken….

Eine Pechsträhne?

Dies sind nur die jüngsten bad news. Seit Frühjahr letzten Jahres läuft, selbst bei wohlwollender Betrachtung, nichts so wie es soll. Meine Wurzeln habe ich in Griechenland. Da glauben viele Leute noch an den „bösen Blick“ (κακό μάτι). Die Wissenschaftlerin in mir kann es sich jedoch nicht leisten, sich mit Parapsychologie aufzuhalten, auch wenn ich z.B. Geistergeschichten mag.

Die Probleme, die sich aber gerade im Diesseits kumulieren, sind jedenfalls nicht mit irgendwelchen Beschwörungsformeln effektiv abzuwenden, sondern aller Voraussicht nach nur mit Geld und extrastarken Nerven! Also werde ich mich zu dem Problem ins Internet, die Dringlichkeit eines Austauschen erwägen, über Alternativen wie Reparatur recherchieren, mir ggf. eine zweite Meinung einholen um zu klären, ob tatsächlich der Turblader selbst defekt ist oder womöglich andere Bauteile in seiner Umgebung die Störungen verursachen. Ich hoffe, dass ich das Thema aufschieben kann und falls nicht, den Schaden etwas preisgünstiger beheben lassen kann als veranschlagt.

Denn ich habe keine Lust, im Gotthardtunnel liegen zu bleiben oder am Korinthischen Golf bei 38°C. Wenn ich hier mit allem durch bin, bin ich vermutlich selbst eine Expertin für Turbolader. :–D Wenn — und das ist ein großen Wenn — alles klappt und ich die Reise antreten kann, möchte ich mich schlau machen, was es bei Igoumenitsa Interessantes zu erkunden gibt. So könnte ich aus dem Ärgernis wenigsten etwas Positives rausschlagen.

Bei all dem Pech rund um den Sommerurlaub bleibt mir nur eines übrig: herzhaft darüber lachen und guter Dinge bleiben.

***

Update vom 28.06. Pleite Nr. 3

Der Fahrstuhl war heute zudem außer Betrieb. Also echt jetzt….ich kann mich nicht daran erinnern, in letzter Zeit einen Spiegel zerbrochen zu haben.

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Update vom 30.06 Pleite Nr. 4:

Starkregen + beschlagene Frontscheibe + Stress + Bordsteinkante + Kurve verschätzt = geplatzter Reifen.

Das ist mir auch noch nicht passiert und hat meinem Herzen mindestens so wehgetan wie meinem armen Reifen, zumal der gesamte Satz Felgen vor erst einer Woche neu aufgezogen wurde und nicht billig war. Mangels Wagenheber musste der gelbe Engel ausrücken. Der schaute in Anbetracht des Risses im neuen Reifen genauso mitleidig aus der Wäsche wie ich und bekam ein Trinkgeld, weil er flott und höflich war und ich ihm angesichts dieses verregneten Sonntags meine Wertschätzung zukommen lassen wollte.

Tango Gedicht

Relief einer Lakonischen Palmette; hellenistische Periode
(Lichtbild digital überarbeitet)

Ein Leben lang

Arm in Arm

Takt um Takt

Schritt für Schritt

schweben wir wie eins durch die Musik,

tanzen und lachen,

während die Ewigkeit verfliegt.

In einer Hadesstille dann

hoffen wir auf ein weiteres Lied,

doch unsere Welt stürzt ein.

Ein letzter Blick, noch bin ich Dein,

noch eben haben wir den Tod besiegt.

Lebe wohl, Fremder!

Mir ist, als hätte ich Dich

ein Leben lang geliebt.

*****

Translation of the Tango poem in English (without lyrical adaptation):

A Whole Life

Arm in arm

Measure to measure

Step by step

we float as one through the music,

dance and laugh as eternity flies by.

Then, in a silence of Hades

we hope for another song,

but our world falls apart.

One last look, I am still yours.

We have just defeated death.

Farewell, stranger!

It feels like I have loved you

a whole life long.

Milongas? Nein danke.

Tango heißt Leben!

Die meisten aktiven Tangotänzer würden diese These wohl vorbehaltlos und ohne zu zögern unterschreiben. Tango ist zweifelsohne Lebensfreude pur! Im Umkehrschluss bedeutet dies leider aber auch: Tanzt du nicht, bist du tot. Genauer gesagt tot für die Tango-Community im metaphorischen Sinne. Mitmenschen, die mit Tango nix am Hut haben, sind per se nicht auf ihrem Radar. Gleiches gilt für ehemalige Milongabesucher: die gelten quasi als weg vom Fenster. Wie ich zu dieser Aussage komme? – Aus eigener Erfahrung.

Mein letzter Milongabesuch war Anfang Dezember 2023. Dass ich mich auf die Piste geschmissen habe, liegt also mittlerweile drei Monate zurück. Und jaaa, ich lebe noch! :–) Sogar sehr gut und überaus zufrieden.

Milonga-Detox

Es ist keine bewusste Entscheidung gewesen, mir eine Auszeit von der Ronda zu nehmen, auch kein Entzug oder Ähnliches. Im Gegenteil, sonderlich „süchtig“ war ich zuletzt gar nicht mal. Vielmehr überdrüssig. Man kommt, man tanzt, man unterhält sich, man geht, man stellt sich als namenloser Tänzer zur Verfügung und benutzt sein Gegenüber als selbigen. Das ständige Hin- und Her, die Marktgepflogenheiten, Miradas, Cabeceos, die Spielchen, seine Füße quälen und trotzdem dabei freundlich Lächeln…das alles fühlt sich mit der Zeit so an, als befände man sich in einer seltsamen Zeitschleife. Alles ist schon einmal in einer ähnlichen Form dagewesen, belangloser Smalltalk eingeschlossen. Zuletzt hatte ich im Grunde nur noch aus Gewohnheit regelmäßig Milongas besucht. Die Hochgefühle beim Tanzen wurden immer seltener und blieben schließlich immer öfter aus. Nach der letzten Milonga dann hatte ich schlicht keinen Grund mehr, eine weitere zu besuchen, ließ es einfach bleiben und stürzte mich wieder vermehrt in andere Lebensbereiche. Es gab ein wunderbares Leben vor dem Tango – insofern muss es theoretisch ein gutes Leben nach dem Tango geben.

Mehr Zeit für Anderes

Da Weihnachten jedenfalls vor der Tür stand und ich mich auf die Zeit mit meiner Familie freute, fiel mir meine Milonga-Abstinenz nicht schwer. Es mangelte mir noch nie an Kreativität bei der ausgewogenen und sinnvollen Ausgestaltung meiner Freizeit. Vor diesem Hintergrund konzentrierte ich mich auf das, was ich gewinnen würde und nicht auf das, was ich verloren hatte. Verloren war ohnehin nichts. Es ist schließlich keine endgültige Abkehr.

Nur, endlich habe ich seither mehr Zeit für andere Dinge, die mir wichtig sind. Deutlich mehr Raum für Familie und Freunde sowie mehr Zeit, um laufende Herzensprojekte zu verfolgen und entschiedener voran zu bringen. Mehr Zeit für andere Leidenschaften. Als ich anfing Tango zu praktizieren, nahm ich mir vor, mit einem Bein in meinem alten Leben zu bleiben. Dem Tango wollte ich nicht alles opfern. Wieso auch? Was schuldete ich ihm? Ich war eine Neugeborene in dieser Welt. Der Tango sollte sich mir erst einmal als nützlich erweisen, sich bewähren und mein Leben bereichern. Dann wird man sehen. Ich wollte ihn erfahren, aber deshalb nicht alles für ihn stehen und liegen lassen. Ältere Freundschaften wollte ich daher z.B. nicht zu sehr vernachlässigen. Darauf war ich sehr bedacht und bin es noch. Und andere Interessen verfolgte und pflegte ich bewusst weiter, um Sicherheitsnetze zu haben. Und auf meinen Weitblick bin ich heute besonders stolz.

Klar geht das alles auch neben Milongabesuchen, aber die Fahrten, die Kommunikation, das Stylen, Schuhpflege, gedankliche Aufarbeitung, Reflexion usw. nimmt nun einmal unleugbar Energie und Zeit in Anspruch, die an anderen Ecken und Ende dann logischerweise fehlt.

Weitere Beweggründe wurden mir jedoch erst mit zunehmender Distanz zu dieser Welt bewusst.

Monopol

Mich störte schon länger latent die Überhöhung der Milonga als fast schon monopolartige Begegnungsstätte für den Tango Argentino. Um Tango zu schätzen und auszuleben, muss man jedoch genau genommen keine einzige Milonga besuchen. Milongas haben natürlich zwar ihren Zweck, jedoch ist Tango viel mehr als das. Darauf komme ich gleich zu sprechen.

Cliquen-Bildung

In Milongas meiner Gegend gab es Cliquen, darunter meist elitär anmutende Gruppen. Diese waren relativ geschlossen. Fremden Besuchern sowie Anfängern erwiesen sie so gut wie nur selten die Ehre einer Tanda. Dagegen unternommen haben die Gastgeber meines Wissens nichts. Sie wollen dies in der Regel nicht erkennen oder fördern die Cliquenbildung gar oder wissen schlicht nicht, was sie dagegen unternehmen sollen. Für einen lebendigen und toleranten Tango ist das jedenfalls sehr kontraproduktiv.

Platzmangel

Gute Milongas sind überlaufen und auf schlechten zieht es einen nicht so recht auf die Tanzfläche. Kennt Ihr das auch?

Der soziale Aspekt von Milongas ist an sich eine nette Grundidee und man möchte ja den Tango auch gerne mit anderen teilen. Aber das Erfordernis, sich auf engsten Raum zu beschränken, pfercht meine Seele manchmal einfach ein. Es gibt sogar Workshops, bei denen man gezielt lernt, den geringen Raum auszuschöpfen. Manchmal möchte ich mich räumlich einfach so richtig entfalten. Da stoßen Milongas und der dahinterstehende Salonstil generell an ihre Grenzen.

Alternative Energiequellen

Um sich aus der Milonga-Szene zurückzuziehen, muss man über ausreichende andere Energiequellen verfügen, sonst leidet man unweigerlich unter dem Entzug. Bei der überwiegenden Mehrheit ist dies nicht der Fall. Tangotänzer sind nun einmal besonders besessen und dahingehend schlicht loco. Eine Tatsache. Das geht soweit, dass sie sich fast ausschließlich für Tango interessieren. Oft investieren sie ihre gesamte Freizeit in den Tango. Interessanterweise versäumen sie es, sich ab einem bestimmten Punkt dabei auch technisch weiter zu entwickeln und werden bequem. Viel Herumtreiberei. Viel Klüngelei. Viel Lechzen nach Umarmungen und Bestätigung. Wenig Disziplin.

Motiv: Oberflächlichkeit

Während damals bei meinem Einstieg die meisten Kursbesucher im Tangounterricht darauf aus waren, möglichst schnell fit für die Milonga zu werden, bevorzugte ich schon immer mehr Begegnungen mit etwas mehr Tiefgang. Insofern zog ich beispielsweise das Training in Practicás mit einem angenehmen Partner einer Milonga meist vor. Sicher, auch dort herrscht Rondastruktur, aber wenn man den Fluss kurz unterbricht, also mal stehen bleibt, um etwas auszuprobieren oder zu wiederholen, sind die anderen Trainierenden auf der Fläche meist tolerant und überholen einen mal eben. Und sind sie es nicht, sind sie am falschen Ort und wollen aus einer Practicá eine Milonga machen. Einfach in entspannter Atmosphäre ein bisschen experimentieren, ohne dieses überflüssige gekünstelte Getue und Aufblasen. Das genieße ich sehr.

Oft werde ich von Tänzern eingeladen, sie zu Milongas zu begleiten. Ihre Bereitschaft , dort ein oder zwei schöne Tandas mit mir zu verbringen, ist nett gemeint. Und an sich ehren mich solche Anfragen. Aber ich empfinde es als ein viel größeres Kompliment, wenn man(n) mit mir z.B. einen Workshop oder eine Practicá besuchen möchte. Das hat eine andere Qualität. Es bedeutet nämlich, dass derjenige sich eingehender mit mir beschäftigen möchte und die Zeit mit mir als Bereicherung empfindet.

Am Ende des Tages wünscht sich doch jeder echte Wertschätzung und nicht etwa schnellen Instantkaffee To Go. Wann haben wir – als Menschen – eigentlich angefangen, unsere Ansprüche an uns selbst und an unsere Mitmenschen herunterzuschrauben? Wann genau ist das passiert? Und warum? Es ist widersprüchlich: viele erhoffen sich echte Nähe, Freundschaft und Liebe vom Tango, wollen aber nicht stehen bleiben und in die Tiefe gehen. Auf den Aspekt Nähe möchte ich gleich nochmal zu sprechen kommen.

Blendung

Aufgrund eines Vakuums im eigenen Leben verklären viele Tänzer die Milonga. Oft wird die lokale Community zu einer Art Ersatzfamilie oder gar Therapiezentrum für die angeschlagene Seele. Die Milonga soll gewissermaßen richten, wo zuvor im Leben – also beruflich oder privat – etwas schiefgelaufen ist. Aber die Rechnung geht nicht auf. Genau genommen geht sie nie auf. Das Leben besteht nicht nur aus Tanz, und Tango heilt auch keine Wunden, sondern betäubt sie allenfalls temporär. Generell plädiere ich daher dafür, dem Tango nicht übermäßig viel aufzubürden, sonst droht spätenstens im nächsten Schritt Realitätsverlust.

Dieser Realitätsverlust ist jedoch nicht selten so gewollt und wird durch gezielte Einflussnahme von zentralen Figuren der Community gefördert. Insofern sind die Geblendeten nicht allein Schuld an ihrer Blindheit. Um Kundenbindung zu betreiben, wird von Milongaveranstaltern, welche oft gleichzeitig auch Lehrer sind, der Zusammenhalt der Community künstlich herbeigeredet. Eine Mär. Zum Beispiel war schon offen die Rede von „Kreisen“, also „äußere Kreise“ und „innerer Kreis“. Dies suggeriert, dass der Tanzschüler sich zum inneren Kreis hinarbeiten kann, wenn er sich genug anstrengt und sich in sonstiger Weise als würdig erweist. Und mit Anstrengung ist nicht schneller Lernfortschritt gemeint. Vielmehr soll der Tanzschüler dem Unternehmen (oder dem Lehrer ganz privat) von Nutzen sein.

Wer jedenfalls Kreise oder besser gesagt Studio-Communities absteckt, definiert damit automatisch ein Wir und die Anderen. Wozu soll das bitteschön gut sein? Ich finde eine liberale Tangoszene, in der alle mit offenen Armen willkommen geheißen werden, viel erstrebenswerter als Exklusivität und Pseudofamilien. Von diesem ganzen Illuminati-Quatsch sollte dringend Abstand genommen werden.

Der propagierte „Zusammenhalt“ ist eine Illusion, der negative Dinge wie Exklusion und Konkurrenz schürt und bereits deshalb schon zum Scheitern verurteilt ist, weil sich die meisten Tänzer de facto kaum für ihre Mitmenschen interessieren und wenn doch, dann nur flüchtig, in der Hoffnung seinen Kaffee am nächsten Morgen nicht wie sonst alleine trinken zu müssen. Womit sich der Kreis schließt und wir wieder beim Instantkaffe wären… :–D

Kinderspielplatz

Die Gespräche auf Milongas beschränken sich, wie oben bereits geschildert, oft auf oberflächlichen Smalltalk. Der Nächste wartet schon und seine Umarmung fühlt sich auch nicht schlechter an die des Vorgängers. Begegnungen werden oft nicht als etwas Besonderes identifiziert und geschätzt. Jeder gilt als ersetzbar. Die Leute meinen es in ihrer kurzen Angebundenheit und Oberflächlichkeit aber nicht unbedingt böse. Wie Kinder im Sandkasten sind viele von ihnen einfach nur ignorant, stark selbstbezogen und vergnügungssüchtig. Verlässt ein Kind, mit dem man eben noch rege gespielt hat, den Spielplatz, ist es aus den Augen und aus dem Sinn. Es ist schlicht nicht mehr verfügbar für das Spiel und insofern nicht mehr interessant. Kaum jemand interessiert, was es sonst so im Leben treibt.

Aktuell bemerke ich beispielsweise stark, dass sich viele Tangobekanntschaften desinteressiert abwenden, seitdem ich mich nicht mehr auf Milongas blicken lasse und nicht für die üblichen Spielereien verfügbar bin. Hätte ich kein solides soziales und familiäres Netz, von dem ich mich behütet und getragen fühle, wäre das ein echtes Problem. Aber, wie mein erfahrener Lehrer mir einmal zutreffend erklärte, stellt Tango für viele Tänzer die alleinige Grundlage ihres Sozialebens dar. Traurig, aber wahr, wie ich heute weiß.

Bei den meisten Tänzern gehen die Rollläden runter, sobald ein Gespräch länger als 10 Sekunden auf andere Lebensbereiche gelenkt wird. Und von den unzähligen anderen Bereichen und Aspekten des menschlichen Lebens wollen sie gar nicht wissen. Als befänden sie sich in einem tiefen Schlaf und würde einen wunderbaren Traum träumen, aus dem sie nicht geweckt werden wollen.

Erzähle ich bei Begegnungen mit anderen Tänzern davon, was ich außer Tango tue, mich umtreibt oder einnimmt, was ohnehin nur auf Nachfrage tue, lenken die meisten von ihnen den Dialog kurze Zeit später wieder zurück in ihre Wohlfühlzone: Tango. Klar macht es Spaß über ihn gemeinsam zu philosophieren, aber es gibt auch viele andere Themen, Ereignisse und Lebensbereiche, über die sich zwei Menschen austauschen können.

Viele reagieren dann leicht irritiert, wenn ich dann mal auf das Pferd nicht aufspringen möchte. Ich mag es nicht, auf Tango reduziert zu werden und genieße daher jedes Gespräch mit einem Tangotänzer, das sich um alles Mögliche dreht – nur nicht um Tango. Vereinzelt, jedoch eher selten, treffe ich Leute, die das ähnlich sehen wie ich. Sie sind positiv überrascht und freuen sich, wenn sie an jemanden geraten, bei dem sie von sich und ihrem Leben ein paar Takte frei erzählen können und ihnen vorurteilsfrei zugehört wird.

Realitätsverlust

Der Tango verführt auch leider sehr leicht. Man verliert sich sehr schnell. Plötzlich scheint alles möglich: Abgehalfterte und verlassene Frauen, die den Zenith ihrer Attraktivität lange hinter sich haben, sonst im Alltag niemand besonders beachtet oder als Sex- oder Lebenspartnerin in Erwägung gezogen hätte, fühlen sich plötzlich wieder jung und begehrt, wenn sie im geschlitzten Bleistiftrock und hübschen Sandaletten an ihren sehnigen Füßen, halbherzig geführte Voleos halbherzig ausführen, ohne dass dies auch nur ansatzweise erkennbarer Ausdruck ihrer eigenen Persönlichkeit oder echter Lebensfreude wäre. Aber auch beruflich erfolglose Männer, die teilweise weder eine Wohnung noch ansatzweise einen Plan für ihre Zukunft haben, werfen sich für die Milonga in Schale, baden geradezu in Eau de Toilette und bilden sich ein, sie genössen vielleicht doch einen gesellschaftlichen Status, wenn ihnen aufgrund des häufig vorherrschenden Damenüberschusses die Miradas nur so zufliegen und der Gastgeber ihnen wohlwollend zur Begrüßung auf die Schulter klopft. Vielleicht bietet dieser ihm ja mal einen Job an, als Tango-DJ oder Lehrer vielleicht. Die Leute fühlen sich dadurch gewertschätzt, aber tief im Inneren wissen sie, dass niemand sie wirklich sieht und zwar nicht nur weil die Anderen nicht hinsehen wollen, sondern auch weil sie nicht in Gegenleistung treten wollen, indem sie sich mit ihrem wahren Ich zu erkennen geben.

Wenn man sich das alles vor Augen führt, ist es nur verständlich, dass solche Phantasten sehr auf ihre imaginäre Arena namens Milonga bedacht sind und sich nicht einen Schritt von ihr entfernen möchten, nicht einmal theoretisch im reinen Dialog. Denn draußen in der realen Welt und dortigen Maßstäben, anhand derer man bemessen und bewertet wird, wären sie wieder mit ihren Defiziten, Unvermögen und Versagen konfrontiert und wären gezwungen, ihre Probleme anzupacken. Dazu haben die meisten nicht den Mumm und die Energie. Lieber bleiben sie dann doch Könige und Königinnen ihrer kleinen Scheinwelt und tanzen… Es ist wie in den Hip-Hop-Song von Stromae „Alors en Danse“ aus dem Jahr 2009. Da lautet eine Textzeile: Alors on sort pour oublier tous les problèmes. Alors on danse“ (übers.: „Also gehen wir raus, um alle Probleme zu vergessen. Dann tanzen wir“)

Für viele ist die Milonga leider nur bloße Betäubung und Selbstbetrug. Dabei könnte sie ein wirklich schöner Ort sein, an dem einfach nur der Tango und das Leben gefeiert wird. In anderen Ländern wie zum Beispiel in Spanien ist das so. Auf Milongas, die ich 2022 in Barcelona besucht, waren viele Tänzer offen und authentisch, sie waren wirklich interessiert, woher man kommt, öffneten sich, zeigten ihre verletzliche Seite und erzählten auch frei von sich. Eine meiner schönsten Tandas überhaupt hatte ich mit einem älteren Herren, der beim Tanzen nur so vor Lebensfreude strotzte und mir zum Abschied ein Küsschen auf die Wange gab. Eine andere Mentalität eben. In Deutschland sind viele Menschen leider sozial gehemmt und mischen im Tango mit, weil er irgendwie, sie wissen nicht genau wie, mit Begriffen wie Sinnlichkeit, Leidenschaft und Temperament assoziiert ist. Sie imitieren die Latinos und Südländer, sowohl im Verhalten und in puncto Mode, anstatt gemeinsam einen authentischen deutschen Tango zu kreieren und zu kultivieren. Das Verhalten mancher Tänzer hierzulande ist einfach nur zum Fremdschämen.

Kaum Individualität in der Ronda

Und wenn es dann auf der Tanzfläche zur Sache geht, rocken nur die wenigsten die Ronda mit echter Leidenschaft und Temperament. Meiner Mutter zeigte ich einmal einen kurzen Videoausschnitt aus einem Tango-Marathon bei Kassel. Die Location war prachtvoll und das Tanzniveau vergleichsweise gehoben. Meine Mutter, die zwar viele Tangos gehört und gesehen hatte, aber selbst nie getanzt hat, bemerkte nur verwundert: „Schöner Saal! Also, die Leute sind sehr elegant gekleidet, aber für mich tanzen irgendwie alle das Gleiche.“

Ich war zunächst buff wegen dieser Bemerkung, aber meine Mutter hatte völlig Recht und das lag nicht daran, sie vom Tangotanzen keine Ahnung hatte. Mir selbst fehlte zu diesem Zeitpunkt einfach nur die nötige Außenperspektive, um das zu hinterfragen und zu erkennen. Die Figuren und die Art wie die Tänzer sie ausführten, glichen sich stark. Ständig dieselben Muster. Und nicht nur auf dieser Veranstaltung. Sondern überall ist das so. Kaum jemand wagt etwas Ungewöhnliches und das nicht nur, um Verletzungen zu verhüten. Man kann auch einen individuellen Stil entwickeln, ohne ständig gefährliche Voleos zu schlagen, aber die meisten sind Imitatoren ihrer Lehrer und diese ihrer Lehrer zuvor. Eine endlose Kette der Einfallslosigkeit. Kaum Persönlichkeit und Individualität erkennbar. Und das Schlimmste: nur den Wenigsten siehst man beim Tanzen echte Freude an. Allenfalls Erleichterung, jemanden für die Tanda abgekommen zu haben, mit dem man sich präsentiert in der Hoffnung, irgendwann mit jemandem zu tanzen, den man wirklich will. Und das Ego hat neben dem Instantkaffee vielleicht noch einen Schub Bestätigung rausschlagen können. Hauptsache betanzt, egal wie gut oder wie schlecht oder von wem.

Dabei ist die Möglichkeit an statthaften Figuren, Kombinationen, Effekten, Adornos etc. mathematisch sehr vielfältig. Es ist auch nicht verboten, etwas Neues zu kreieren, wenn es zur Musik und zur Situation passt und den Partner nicht stört. Ich mache das oft, weil ich neben Tango auch elf weitere Tänze im Gepäck habe, aus denen ich mich manchmal bediene. Manchmal geht es auch daneben und ich bringe meinen Tanzpartner damit zu lachen…und dann wir lachen beide. Was gibt es Schöneres!

Ganz Mensch

Um nicht unter die Räder zu kommen, habe ich im Laufe meiner Entwicklung im Tango gelernt, mich lieber an Tänzer zu halten, die neben Tango auch andere Interessen und Talente haben, von denen sie erzählen möchten. Ich genieße es immer sehr, den Menschen hinter dem Tänzer kennenzulernen, selbst oder gerade wenn er Ecken und Kanten oder einen schwierigen Weg zu meistern hat. Es inspiriert mich für mein eigenes Leben und damit auch indirekt für die Charakteristik meines Tanzes.

Wenn man mit einem anderen Menschen Tango tanzt, tanzt man nämlich nicht nur mit dem Ergebnis seiner Tangokurse, Übungsstunden oder Workshops, sondern im Idealfall mit seinem ganzen Wesen und seinem hinter ihm liegenden Weg. Jeder Mensch verfügt über eine einzigartige Biographie und Persönlichkeit, deren Gesamtheit ihn kausal zu einem bestimmten Zeitpunkt an diesen konkreten Ort geführt hat. Man muss sich natürlich nicht über die gesamte Lebensgeschichte austauschen, nur weil man miteinander tanzt; auch ich möchte nicht mein Ohr abgekaut bekommen, wenn gerade ein schönes Lied läuft.

Aber wenn man die Heiligkeit dieser Begegnung nicht erkennt und anerkennt, per se null Interesse an dem Leben und der Persönlichkeit seines Gegenübers aufbringen möchte, jeden tiefergehenden Austausch mit ihm blockiert und diesen obendrein praktisch zum anonymen Tanzgerät degradiert, ist man zum Einen in höchstem Maße respektlos und zum Anderen erfährt man nie das gesamte Potential der Begegnung. Das erlebe und beobachte ich jedoch leider oft.

So nah und doch so fern

Man muss sich das vor Augen führen: Die Paare auf der Milonga tanzen intim umschlungen miteinander, praktisch Hand in Hand, Wange an Wange und Brust an Brust zu Liedtexten über tiefe Gefühle, über Schmerz, Einsamkeit, Liebe und Romantik. Und gleichzeitig sind sie im Herzen kalt. Das ist tragisch, paradox und irgendwie auch pervers.

Einfach mal mit Empathie beobachten, fragen wie es dem anderen geht und kurz zuhören. Und ein ehrliches Kompliment machen, Danke sagen und auch dem Tanzpartner mal einen Kaffee anbieten, bewirkt in vielen Fällen Wunder. Ein glücklicher Tänzer ist nämlich ein guter Tänzer. Win-win.

Keine Selbstverständlichkeit

Ich schreibe grundsätzlich über nichts, wovon ich nichts verstehe. Unzählige Milongas habe ich inzwischen besucht. Genau genommen habe ich meinen Tango hauptsächlich auf Milongas gelernt, da mir wegen dem häufig vorherrschenden Erfordernis der festen Tanzpartnerschaft der Zugang zum Unterricht oft verwehrt blieb. Gelernt habe ich in der Ronda unter großen Schmerzen, musste vielen Clownsspielchen standhalten, nur um ab und zu mal an einen kompetenten und wohlwollenden Tänzer zu geraten. Insofern steht es mir frei, wenn ich angesichts des Bestehens solcher Angebote keinen Kniefall mache. Früher habe ich Energie vergeudet und darüber nachgedacht, ob ich auf dieser oder jener Milonga willkommen bin. Heute ist es umgekehrt, d.h. ich überlege mir vorher, ob die Milonga mir genug anbieten kann, dass ich ihr meine Zeit, mein Geld und meine Energie widme. Von diesem Maß an Unabhängigkeit und Erfüllung habe ich in meinen Anfängen nicht zu träumen gewagt…

Ja, mir ist sehr wohl bewusst, dass das freie Praktizieren von Tango nicht selbstverständlich ist. Durch Pandemien, Krisen oder Kriege könnte dieser Luxus jederzeit unverhofft wieder verschwinden, aber das löst in mir seltsamerweise keine großen Ängste oder Verknappungspanik aus. Während des Lockdowns habe ich den Worstcase bereits schmerzlich erlebt und auch überlebt. Und Fakt ist: Tango findet immer seinen Weg. Notfalls auch in einem Betonbunker tief unter der Erde. Solange ihn ein paar Menschen beherrschen und mit Herz und klarem Verstand praktizieren wollen, mache ich mir um seinen Fortbestand null Sorgen.

Alternative

Nur weil ich also zeitweilig Milongas schmähe, schmähe ich den Tango keineswegs generell. Im Gegenteil. Nach wie vor spielt er eine große Rolle in meinem Denken und Fühlen. Ich höre etwa weiterhin Tangomusik, lese über Tangokultur und -geschichte, grüble über Tango, übe vereinzelt für mich allein auch mal ein bisschen Tangotechnik und arbeite meine Beobachtungen und Erlebnisse in der Tangowelt auf, so wie auch jetzt gerade, während ich schreibe. Letztes Wochenende etwa hatte ich außerdem die Gelegenheit, auf einer wunderbaren Tanzveranstaltung einen Tango vor anspruchsvollem Publikum auf einer kleinen Bühne zu performen. Ein authentischer spontaner Tango, so wie gerade entsteht. Das war mal etwas anderes für mich, etwas Neues.

Im Grunde ist doch Tango überall dort, wo zwei Menschen in der Umarmung miteinander gehen. Ebenso gut kann man ihn spontan auf der Straße tanzen. Oder in angenehmer Gesellschaft im warmen Meer. Letzteres ist ein besonders herausforderndes Erlebnis, wenngleich der Wasserwiderstand jeden Voleo stark ausbremst. Das soll keine Empfehlung sein. Nur Beispiele. Nicht, dass mir hier noch jemand in den Wellen ertrinkt. Besser im Pool ausprobieren. :–) Der langen Rede ein kurzer Sinn: Tango ist mehr als nur Milonga. Tango ist reich!

Fazit

Wie lange meine Milonga-Pause nun noch andauern soll, habe ich nicht festgelegt. Da höre ich auf mein Bauchgefühl. Vielleicht will ich morgen spontan eine Milonga besuchen, vielleicht nächsten Monat, vielleicht auch nie wieder. Zugegeben letzter Fall ist unwahrscheinlich. Meine „Kur“ bekommt mir bisher jedenfalls überraschend gut. Noch vermisse ich die Ronda also nicht, aber wenn es soweit ist, sollen möglichst viele meiner Begegnungen echt und tief sein.

Mich würde natürlich sehr interessieren, ob Du auch schon einmal freiwillig eine längere Milonga-Pause eingelegt hast? Wenn ja, was waren Deine Gründe und wie ist es Dir dabei ergangen? Hattest Du Entzugserscheinungen? Bist Du schließlich in die Ronda zurückgekehrt? Wenn ja, was genau hat Dich zurückbeordert? Über Deinen Kommentar würde ich mich freuen!

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