Wie bereits in meinem letzten Post kurz angedeutet, war ich am 2. März 2024 zu Gast auf einer orientalischen Tanzveranstaltung in Heidelberg, einer sogenannten Hafla. Gastgeberin war die renommierte Bauchtanzkünstlerin Laila Naima, welche neben zahlreichen anderen Engagements seit vielen Jahren im Tanzsportclub Couronne Heidelberg e.V. in Heidelberg mit großem Erfolg orientalischen Bauchtanz unterrichtet. Ihre Haflas, die sie regelmäßig privat neben ihrer Vereinstätigkeit organisiert, erfreuen sich stets großer Beliebtheit. So auch die letzte.
Neben zwei wunderbaren und lebendigen Gruppentänzen, die von Laila choreographiert wurden, hatte ich die besondere Ehre, eine Choreographie von Prof. Dr. Hassan Khalil zu einem Lied von Oum Kalthoum mitzutanzen. Er hatte diese im Rahmen seines Intensiv-Workshops im Oktober 2023 in Mannheim mit Laila, motivierten Teilnehmerinnen und mir geteilt, und Laila durfte sie nun mithilfe ihrer Schülerinnen auf der Hafla vorführen. Trainiert hatten wir hierfür gesondert während unserer Freizeit. Prof. Khalil gilt als lebende Legende und einer der Urväter der ägyptischen Folklore, der als Choreograf einst die absoluten Ikonen der Goldenen Ära des Bauchtanzes trainierte. Er wird nicht nur als berühmter Choreograph und Legende des ägyptischen Bauchtanzes gefeiert, sondern er ist auch ein Universalgelehrter in zahlreichen anderen Gebieten und Fachbereichen wie z. B. der ägyptischen Geschichte.
Da ich erst im Frühling 2023 angefangen hatte, von Null auf Bauchtanz zu lernen, kannte ich die Stars dieser Szene nicht. Ich freute mich einfach nur, mithilfe von Lailas kompetenter Anleitung eine neue Tanzrichtung zu erlernen, die meinen Horizont und mein Repertoire an Körpermechanik erweitern sowie mein Leben bereichern würde. Insofern kannte ich bis dato auch nicht den Professor und seine Bedeutung für die ägyptische Folklore, lernte ihn jedoch als sehr gebildete, wohlwollende, entspannte sowie humorvolle Persönlichkeit kennen – wenn auch leider nur kurz.
Neben den drei Bauchtänzen, an denen ich mitwirkte, hatte ich auf meinen Vorschlag hin die Gelegenheit, als eine Art Off-Topic-Tanz einen Tango Argentino vorzuführen. Der Schwerpunkt der Haflas liegt zwar naturgemäß auf dem orientalischen Tanz, jedoch bietet das Programm hin und wieder etwas Raum für Tänze aus anderen Kulturen. Diese Toleranz und Offenheit schätze ich sehr. Da sich die Idee des Bühnentangos relativ kurzfristig vor dem Veranstaltungstermin ergab, blieben meinem Tanzpartner Kostas – einem passionierten Hobbytänzer und aktiven Mitglied der deutschen und europäischen Tangoszene, den ich für den Showtanz gewinnen konnte – und mir keine Zeit, um eine Choreographie zu konzipieren bzw. einzuüben.
Da wir beide jedoch ohnehin schwerpunktmäßig Tango de Salón praktizieren, dieser bekanntlich auf Improvisation beruht und auf sozialen Veranstaltungen wie Milongas getanzt wird, entschieden wir uns, dem tanzbegeisterten und anspruchsvollen Publikum dieser Hafla einfach einen spontanen und authentischen Tango zu zeigen. Durch eine Improvisation entfällt zwar komplett die Sicherheit und Struktur, die eine Choreographie bietet, aber gleichzeitig ist man als Tänzer absolut frei, die Musik nach Belieben zu interpretieren. Während unseres Austausches rund um den Auftritt brachte Kostas unser Konzept mit folgender Aussage sehr schön und treffend auf den Punkt: «θα χορέψουμε εντελώς αυθόρμητα με την καρδιά μας.». Zu Deutsch: „Wir werden ganz spontan nach Herzenslust tanzen.“
Mit diesem Vorhaben beabsichtigte ich, meine Freude am Tango zu teilen, eine Art kleine Brücke zwischen den jeweiligen Tanzsparten zu schlagen, und beiläufig sollte mir dies auch als kleines persönliches Experiment dienen, mit dem ich folgende, für mich zentrale Fragestellungen klären wollte:
Woher wird der Tanz abgerufen, wenn wir uns in ihm bewegen? Ist er im Körper verankert oder in der Seele?
Seit mittlerweile drei Monaten besuchte ich keine Milonga mehr und auch keinen Unterricht oder eine Práctica; ich hatte insofern keinen einzigen Schritt Tango mit einer anderen Person getanzt, sondern allenfalls ein paar sporadische Technikübungen für mich allein daheim absolviert. Meine Praxis lag insofern seit einiger Zeit fast vollständig brach. Insofern war es für mich sehr spannend herauszufinden, ob es mir gelingen würde, trotz dieses Umstandes einen halbwegs ansehnlichen Tango hinzulegen.
Könnte ich überhaupt noch der Führung folgen? Hatte mich der Tango womöglich inzwischen verlassen? Reichte meine Technik noch aus? Würde ich vor Lampenfieber einen Blackout haben und womöglich erstarrt stehenbleiben? Falls nicht, wäre ich imstande, die Bewegungen und die Aufmerksamkeit der Gäste zu genießen? Oder würde ich vielmehr die Minuten und Sekunden zählen, bis die Musik endlich fertig ist?
Zwar schwirrten mir neben den komplexen Bauchtanzchoreographien, die ich mir merken musste, verschiedene Überlegungen und Sorgen um den geplanten Bühnentango in den Tagen vor der Hafla im Kopf herum, jedoch hatte ich aufgrund diverser Pflichten und Aufgaben im Alltag zum Glück nicht wirklich viel Zeit, um sie näher zu kultivieren, und verbannte sie schließlich in eine Art innere Schublade. Wenn doch mal kurz Sorgen aufkamen, hörte ich mir einfach das von mir ausgewählte Lied an: eine rockige Version von Carlos Gardels berühmtem Werk „Por Una Cabeza“. Das half gegen das Gedankenkarussell. Meine Liedwahl war übrigens eher atypisch, denn Ähnliches ist mir auf Milongas bisher nicht auf die Ohren gekommen, und zuvor hatte ich nur zu den klassischen Orchestern oder zu Neotangomusik getanzt. Aber Tango auf E-Gitarre zu tanzen, war etwas komplett Neues und stellte eine spannende Herausforderung für mich dar.
Anzumerken ist, dass Kostas und ich kein eingespieltes Tanzpaar sind. Seitdem wie uns kennen, hatten wir uns bis dato lediglich dreimal auf Milongas getroffen und jeweils eine Tanda getanzt. Mehr nicht. Als Social Dancers waren wir es zwar gewohnt, inmitten vieler Leute Tango zu tanzen, jedoch nicht allein vor einem Publikum. Das ist etwas völlig anderes. Insofern war der Showtanz in verschiedenen Hinsichten eine Premiere. Es macht mir einfach Spaß, hin und wieder ganz bewusst meine Komfortzone zu verlassen und mich selbst herauszufordern. Der Grad zur Überforderung ist da manchmal sehr schmal.
Unmittelbar vor dem Auftritt fühlte ich mich – wie bereits bei den Bauchtänzen zuvor – extrem aktiviert. Als unser Auftritt angekündigt wurde, war ich jedoch wild entschlossen, dieses Gefühl konstruktiv zu vertanzen. Ich schickte Kostas mit ein paar kleinen spontanen Empfehlungen im Gepäck voraus auf die Bühne und folgte ihm kurz darauf während des Intros. Die ersten Takte fühlten sich zwar etwas unentspannt an, aber im Laufe der Musik pendelten wir uns mit steigender Sicherheit ein. Wir tanzten schließlich und hatten einfach Spaß.
Mit dem Auftritt bin ich rückblickend insgesamt zufrieden. Vielleicht war unser Tango technisch nicht perfekt, aber dafür war er authentisch und nicht vorgefertigt. An diesem Abend sind wir definitiv über uns hinausgewachsen. In der Entwicklung eines Tänzers ist eine solche Darbietung vor Zuschauern ein Erfahrungswert, den man mit Gruppenkursen, Workshops oder Theorie nicht vergleichen oder ersetzen kann. Daher möchte ich jeden Tänzer – ganz egal welcher Tanzspate – dazu ermutigen, seine Freude am Tanz offen auszuleben und sich nicht mit einem Besen im Keller zu verstecken (hab ich während der Corona-Pandemie schon probiert^^) oder von seinen Selbstzweifeln unterkriegen zu lassen. Es ist kein Meister vom Himmel gefallen. Wie gut man tanzt, ist, anders als oft propagiert, nicht bloß eine Frage von Motivation oder Fleiß. Vieles hängt von Umständen und Faktoren ab, die man nicht oder nur bedingt beeinflussen kann, wie z.B. Gesundheit, Zeit, finanzielle Mittel (für Kurse und Einzelcoaching), individuelle Würde, sozialer und familiärer Rückhalt bei der Entwicklung, Gewährung besonderer Privilegien durch die Tanzschule, Wohlwollen des Lehrers u.V.m. Es gibt außerdem nach meiner tiefen Überzeugung kein schlechtes Tanzen, solange man sich selbst dabei treu bleibt und die eigene Persönlichkeit mittanzt. Insofern sollte man sich weder mit anderen vergleichen noch andere Personen imitieren, sondern einfach sein eigenes Ding machen.
Diese Hafla war ein actiongeladener, schillernder und lebensbejahender Abend mit tollen Menschen und viel positiver Energie, für den ich sehr dankbar bin und der mir immer in besonderer Erinnerung bleiben wird.
Ach übrigens, mein Rätsel konnte ich entschlüsseln: der Tanz sitzt in der Seele. Wo diese wiederum entspringt, ist ein anderes Thema….