Showtime!

Wie bereits in meinem letzten Post kurz angedeutet, war ich am 2. März 2024 zu Gast auf einer orientalischen Tanzveranstaltung in Heidelberg, einer sogenannten Hafla. Gastgeberin war die renommierte Bauchtanzkünstlerin Laila Naima, welche neben zahlreichen anderen Engagements seit vielen Jahren im TSC Couronne in Heidelberg mit großem Erfolg orientalischen Bauchtanz unterrichtet. Ihre Haflas, die sie regelmäßig privat neben ihrer Vereinstätigkeit organisiert, erfreuen sich stets großer Beliebtheit. So auch die letzte.

Neben zwei wunderbaren und lebendigen Gruppentänzen, die von Laila choreografiert wurden, hatte ich die besondere Ehre, eine Choreografie von Prof. Dr. Hassan Khalil zu einem Lied von Oum Kalthoum mitzutanzen. Er hatte diese im Rahmen seines Intensiv-Workshops im Oktober 2023 in Mannheim mit Laila, motivierten Teilnehmerinnen und mir geteilt, und Laila durfte sie nun mithilfe ihrer Schülerinnen auf der Hafla vorführen. Trainiert hatten wir hierfür gesondert während unserer Freizeit. Prof. Khalil wird nicht nur als berühmter Choreograf und Legende des ägyptischen Bauchtanzes gefeiert, sondern er ist auch ein Universalgelehrter in zahlreichen anderen Gebieten und Fachbereichen wie z. B. der ägyptischen Geschichte.

Da ich erst im Frühling 2023 angefangen hatte, von Null auf Bauchtanz zu lernen, kannte ich die VIPs dieser Szene naturgemäß nicht. Ich freute mich einfach nur, mithilfe von Lailas kompetenter Anleitung eine neue Tanzrichtung zu erlernen, die meinen Horizont und mein Repertoire erweitern sowie mein Leben bereichern sollte. Insofern kannte ich bis dato auch nicht den Professor und seine Bedeutung für die ägyptische Folklore, lernte ihn jedoch als sehr gebildete, einnehmende, wohlwollende sowie humorvolle Persönlichkeit kennen – wenn auch leider nur kurz.

Neben den drei Bauchtänzen, an denen ich mitwirkte, hatte ich auf meinen Vorschlag hin die Gelegenheit, als eine Art Off-Topic-Tanz einen Tango Argentino vorzuführen. Der Schwerpunkt der Haflas liegt zwar naturgemäß auf dem orientalischen Tanz, jedoch bietet das Programm hin und wieder etwas Raum für Tänze aus anderen Kulturen. Diese Toleranz und Offenheit schätze ich sehr. Da sich die Idee des Bühnentangos relativ kurzfristig vor dem Veranstaltungstermin ergab, blieben meinem Tanzpartner Konstantinos – einem passionierten Hobbytänzer und aktiven Mitglied der deutschen und europäischen Tangoszene, den ich für den Showtanz gewinnen konnte – und mir keine Zeit, um eine Choreografie zu konzipieren bzw. einzuüben.

Da wir beide jedoch ohnehin schwerpunktmäßig Tango de Salón praktizieren, dieser bekanntlich auf Improvisation beruht und auf sozialen Veranstaltungen wie Milongas getanzt wird, entschieden wir sich, dem tanzbegeisterten und anspruchsvollen Publikum dieser Hafla einfach einen spontanen und authentischen Tango zu zeigen. Durch eine Improvisation entfällt zwar komplett die Sicherheit und Struktur, die eine Choreografie bietet, aber gleichzeitig ist man als Tänzer absolut frei, die Musik nach Belieben zu interpretieren. Während unseres Austausches rund um den Auftritt brachte Konstantinos unser Konzept mit folgender Aussage sehr schön und treffend auf den Punkt: «θα χορέψουμε εντελώς αυθόρμητα με την καρδιά μας.». Zu Deutsch: „Wir werden ganz spontan nach Herzenslust tanzen.“

Mit diesem Vorhaben beabsichtigte ich, meine Freude am Tango zu teilen, eine Art kleine Brücke zwischen den jeweiligen Tanzsparten zu schlagen, und beiläufig sollte mir dies auch als kleines persönliches Experiment dienen, mit dem ich folgende, für mich zentrale Fragestellungen klären wollte: Woher wird der Tango abgerufen, wenn wir ihn tanzen? Ist er im Körper verankert oder in der Seele?

Seit mittlerweile drei Monaten besuchte ich keine Milonga mehr und auch keinen Unterricht oder eine Práctica; ich hatte insofern keinen einzigen Schritt Tango mit einer anderen Person getanzt, sondern allenfalls ein paar sporadische Technikübungen für mich allein daheim absolviert. Meine Praxis lag insofern seit einiger Zeit fast vollständig brach. Insofern war es für mich sehr spannend herauszufinden, ob es mir gelingen würde, trotz dieses Umstandes einen halbwegs ansehnlichen Tango hinzulegen.

Könnte ich überhaupt noch der Führung folgen? Hatte mich der Tango womöglich inzwischen verlassen? Reichte meine Technik noch aus? Würde ich vor Lampenfieber einen Blackout haben und womöglich erstarrt stehenbleiben? Falls nicht, wäre ich imstande, die Bewegungen und die Aufmerksamkeit der Gäste zu genießen? Oder würde ich vielmehr die Minuten und Sekunden zählen, bis die Musik endlich fertig ist?

Zwar schwirrten mir neben den komplexen Bauchtanzchoreografien, die ich mir merken musste, verschiedene Überlegungen und Sorgen um den geplanten Bühnentango in den Tagen vor der Hafla im Kopf herum, jedoch hatte ich aufgrund diverser Pflichten und Aufgaben im Alltag zum Glück nicht wirklich viel Zeit, um sie näher zu kultivieren, und verbannte sie schließlich in eine Art innere Schublade. Wenn doch mal kurz Sorgen aufkamen, hörte ich mir einfach das von mir ausgewählte Lied an: eine rockige Version von Carlos Gardels berühmtem Werk „Por Una Cabeza“, gespielt von Marcelo Fernández. Das half mir zumindest mehr als jedes sinnlose Gedankenkarussell. Meine Liedwahl war übrigens eher atypisch, denn Ähnliches ist mir auf Milongas bisher nicht auf die Ohren gekommen, und zuvor hatte ich nur zu den klassischen Orchestern oder zu Neotangomusik getanzt. Aber Tango auf E-Gitarre zu tanzen, war etwas komplett Neues und stellte eine spannende Herausforderung für mich dar.

Anzumerken ist, dass Konstantinos und ich kein eingespieltes Tanzpaar sind. Seitdem wir uns kennen, hatten wir uns bis dato lediglich dreimal auf Milongas getroffen und jeweils eine Tanda getanzt. Mehr nicht. Als Social Dancers waren wir es zwar gewohnt, inmitten vieler Leute Tango zu tanzen, jedoch nicht allein vor einem Publikum. Das ist etwas völlig anderes. Insofern war der Showtanz in verschiedener Hinsicht eine Premiere. Es macht mir einfach Spaß, hin und wieder ganz bewusst meine Komfortzone zu verlassen und mich selbst herauszufordern. Der Grad zur Überforderung ist da manchmal sehr schmal.

Unmittelbar vor dem Auftritt fühlte ich mich – wie bereits bei den Bauchtänzen zuvor – extrem aktiviert. Wir sind schließlich beide keine Showtänzer, sondern ganz normale Social Dancers und es nicht gewohnt, dass so viele Augen exklusiv auf uns gerichtet sind. Als unser Auftritt angekündigt wurde, war ich jedoch wild entschlossen, dieses Gefühl konstruktiv zu vertanzen. Vor vielen Jahren war ich im Lateintanz aktiv; das nötige Showfeeling sollte doch wohl irgendwo noch in mir schlummern, dachte ich mir. Ich schickte Konstantinos mit ein paar kleinen spontanen Empfehlungen im Gepäck voraus auf die Bühne und folgte ihm kurz darauf während des Intros. Die ersten Takte fühlten sich zwar etwas unentspannt an, aber im Laufe der Musik pendelten wir uns mit steigender Sicherheit ein. Wir tanzten schließlich und hatten einfach Spaß.

Mit dem Auftritt bin ich rückblickend insgesamt sehr zufrieden. Mein Tangolehrer verglich einmal den Tango mit einem Garten: Selbst wenn man eine Zeit lang pausiert und nicht tanzt, so bliebe dennoch alles vorhanden. Man müsse allenfalls hier und da die Hecke stutzen und etwas Unkraut entfernen. Ich mochte diesen Vergleich. In diesem Fall nahm ich mir keine Zeit für die fälligen Gartenarbeiten und tanzte einfach mit meinem Unkraut. :–D Vielleicht war unser Tango technisch nicht perfekt, aber dafür war er authentisch und nicht vorgefertigt. An diesem Abend sind wir definitiv über uns hinausgewachsen. In der Entwicklung eines Tänzers ist eine solche Darbietung vor Zuschauern ein Erfahrungswert, den man mit Gruppenkursen, Workshops oder Theorie nicht vergleichen oder ersetzen kann. Diesen Effekt hatte ich nicht erwartet.

Daher möchte ich jeden Tänzer – ganz egal welcher Tanzsparte – dazu ermutigen, seine Freude am Tanz offen auszuleben und sich nicht mit einem Besen im Keller zu verstecken (habe ich während der Corona-Pandemie schon probiert ^^) oder von seinen Selbstzweifeln unterkriegen zu lassen. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Wie gut man tanzt, ist, anders als oft propagiert, nicht bloß eine Frage von Motivation oder Fleiß. Vieles hängt von Umständen und Faktoren ab, die man nicht oder nur bedingt beeinflussen kann, wie z. B. Gesundheit, Zeit, finanzielle Mittel (für Kurse und Einzelcoaching), individuelle Würde, sozialer und familiärer Rückhalt bei der Entwicklung, Gewährung besonderer Privilegien durch die Tanzschule, Wohlwollen des Lehrers u. v. m. Es gibt außerdem nach meiner tiefen Überzeugung kein schlechtes Tanzen, solange man sich selbst dabei treu bleibt und die eigene Persönlichkeit mittanzt. Insofern sollte man sich weder mit anderen vergleichen noch andere Personen imitieren, sondern einfach sein eigenes Ding machen.

Diese Hafla war ein actiongeladener, schillernder und lebensbejahender Abend mit tollen Menschen und viel positiver Energie, für den ich sehr dankbar bin und der mir immer in besonderer Erinnerung bleiben wird.

Ach übrigens, mein Rätsel konnte ich entschlüsseln: Tango sitzt in der Seele. Wo diese wiederum entspringt, ist ein anderes Thema….

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Wie bereits in meinem letzten Post kurz angedeutet, war ich am 2. März 2024 zu Gast auf einer orientalischen Tanzveranstaltung in Heidelberg, einer sog. Hafla. Gastgeberin war die renommierte Bauchtanzkünstlerin Laila Naima, welche neben zahlreichen anderen Engagements seit vielen Jahren im TSC Couronne in Heidelberg mit großem Erfolg orientalischen Bauchtanz unterrichtet. Ihre Haflas, die sie regelmäßig privat neben ihrer Vereinstätigkeit organisiert, erfreuen sich stets großer Beliebtheit. So auch die letzte.

Neben zwei wunderbaren und lebendigen Gruppentänzen, die von Laila choreographiert wurden, hatte ich die besondere Ehre, eine Choreographie von Prof. Dr. Hassan Khalil zu einem Lied von Oum Kalthoum mitzutanzen, die er im Rahmen seines Intensiv-Workshops im Oktober 2023 in Mannheim mit Laila, motivierten Teilnehmerinnen und mir teilte und die Laila mithilfe ihrer Schülerinnen auf der Hafla vorführen durften. Trainiert hatte wir hierfür gesondert während unserer Freizeit. Prof. Khalil wird nicht nur als berühmter Choreograph und Legende in ägyptischem Bauchtanz gefeiert, sondern er ist auch ein Universalgelehrter in zahlreichen anderen Gebieten und Fachbereichen wie z.B. Ägyptischer Geschichte. Da ich erst im Frühling 2023 angefangen hatte, von Null auf Bauchtanz zu lernen, kannte ich die VIPs dieser Szene naturgemäß nicht. Ich freute mich einfach nur, mithilfe von Lailas kompetenter Anleitung einen neue Tanzrichtung zu erlernen, die meinen Horizont und mein Repertoire erweitern sowie mein Leben bereichern sollte. Insofern kannte ich bis dato auch nicht den Professor und seine Bedeutung für die ägyptische Folklore, lernte ihn jedoch als sehr gebildete, einnehmende, wohlwollende sowie humorvolle Persönlichkeit kennen, wenn auch leider nur kurz.

Neben den drei Bauchtänzen, an denen ich mitwirkte, war ich auf meinem Vorschlag hin herzlich eingeladen, als eine Art offtopic Tanz, einen Tango Argentino vorzuführen. Der Schwerpunkt der Haflas liegt zwar auf dem traditionellen ägypischen Bauchtanz, jedoch bietet das Programm hin und wieder etwas Raum für andere Tänze. Die Freude am Tanz steht dabei immer im Vordergrund. Da sich diese Idee des Bühnentangos relativ kurzfristig vor dem Veranstaltungstermin ergab, blieben meinem Tanzpartner Konstantinos, einen passionierten und mutigen Hobbytänzer, den ich für dieses Vorhaben gewinnen konnte und mir keine Zeit, um eine Choreographie zu konzipieren bzw. einzuüben.

Da wir beide jedoch ohnehin schwerpunktmäßig Tango de Salón praktizieren, dieser bekanntlich auf Improvisation beruht und auf sozialen Veranstaltungen, sog. Milongas getanzt wird, entscheid ich, dem tanzbegeisterten und anspruchsvollen Publikum der Hafla einfach einen spontanen und authentischen Tango zu zeigen. Durch eine Improvisation entfällt zwar generell komplett die Sicherheit und Struktur, die eine Choreographie bietet, aber gleichzeitig ist man als Tänzer absolut frei, die Musik nach Belieben zu interpretieren.

Mit diesem Vorhaben wollte ich meine Freude am Tango teilen, eine Art kleine Brücke zwischen den jeweiligen Tanzspaten schlagen und gleichzeitig sollte dies mir dies auch als kleines persönliches Experiment dienen, mit dem ich folgende Fragestellungen für mich klären wollte:

Woher wird Tango abgerufen, wenn wir ihn tanzen? Ist Tango im Körper verankert oder in der Seele?

Seit mittlerweile drei Monaten besuchte ich keine Milonga und auch keinen Unterricht oder Práctica, hatte insofern keinen einzigen Schritt Tango mit einer anderen Person getanzt. Allenfalls ein paar sporadische Technikübungen für mich allein daheim. Meine Praxis lag insofern seit einiger völlig brach. Ich wollte austesten, ob es mir gelingen würde, trotz dieses Umstandes ein halbwegs ansehnlichen Tango hinzulegen.

Könnte ich überhaupt noch der Führung folgen? Hatte mich der Tango womöglich inzwischen verlassen? Reichte meine Technik noch aus? Würde ich aus Lampenfieber ein Blackout haben und womöglich erstarrt stehenbleiben? Falls nicht, wäre ich imstande, die Bewegungen und die Aufmerksamkeit der Gäste zu genießen? Oder würde ich vielmehr die Minuten und Sekunden zählen bis die Musik endlich fertig ist?

Zwar schwirrten mir in solche Überlegungen und Sorgen neben den komplexen Bauchtanzchoreographien in den Tagen vor der Hafla im Kopf herum, jedoch hatte ich aufgrund diverser Pflichten und Aufgaben im Alltag zum Glück nicht wirklich viel Zeit, um sie zu kultivieren und verbannte sie schließlich in eine Art innere Schublade. Stattdessen hörte ich in meiner Freizeit einfach das von mir ausgewählte Lied, eine rockige Coverversion von Carlos Gardels berühmten Lied „Por Una Cabeza“ von Marcelo Fernández. Auch die Musikwahl an sich war für mich ein Novum, denn bisher hatte ich zu den üblichen Mainstream-Orchestern oder zu Neotangomusik getanzt. Aber Tango auf E-Gitarre zu tanzen war etwas anderes und eine spannende Herausforderung für mich.

Unmittelbar vor Betreten der Bühne fühlen Konstantinos und ich uns zwar sehr aktiviert. Wir sind beide schließlich keine Showtänzer, sondern ganz normale sog. Social Dancers im Tango und von daher nicht gewohnt, dass so viele Augen auf uns gerichtet sind. Anzumerken ist auch, dass wir kein eingespieltes Tanzpaar sind. Seitdem wie uns kennen, haben wir uns bloß dreimal auf Milongas je eine Tanda getanzt. Als Laila unseren Auftritt dem Publikum ankündigte, war ich wild entschlossen, das Lampenfieber schnell zu vertanzen. Vor vielen Jahren war ich im Lateinntanz aktiv; das nötige Showfeeling sollte doch wohl irgendwo noch in mir schlummern, dachte ich mir. Ich schickte Konstantinos mit ein paar kleinen spontanen Instruktionen im Gepäck voraus auf die Bühne und folgte ihm kurz darauf während des Intros. Die ersten Takte fühlten sich zwar in der Tat etwas unentspannt an, aber im Laufe der Musik pendelten wir uns mit steigender Sicherheit ein und wir hatten schließlich richtig Spaß.

Mit dem Auftritt war ich insgesamt mehr zufrieden. Mein Tangolehrer verglich einmal den Tango mit einem Garten. Selbst wenn man eine zeitlang pausiert und nicht tanzt, so bliebe dennoch alles noch vorhanden. Man müsse allenfalls hier und da die Hecke stutzen und etwas Unkraut entfernen. Ich mochte diesen Vergleich. In diesem Fall nahm ich mir nicht Zeit für die fälligen Gartenarbeiten und tanzte mit meinem Unkraut. :–D Vielleicht war unser Tanz nicht perfekt, aber dafür war er authentisch. An diesem Abend sind wir zweifelsohne über uns hinausgewachsen. In der Entwicklung eines Tänzers ist eine solche Darbietung mit Zuschauern ein Meilenstein, den man mit Gruppenkursen, Workshops oder Milongabesuchen nicht ersetzen kann. Dieses Effekt hatte ich nicht erwartet. Wir sind über uns hinausgewachsen. Und die wichtigste Frage habe ich für mich beantwortet: Tango wohnt in der Seele.

Es war ein bunter und lebensbejahender Abend, der durch das Engagement von Laila und vieler Tanz- und Musikbegeisterter Leute ermöglicht wurde. Er wird mir lange in Erinnerung bleiben.

Neben drei wunderbaren orientalischen Gruppentänzen, an denen ich insgesamt mitwirkte, hatte ich auf meinen Vorschlag hin die Gelegenheit, als eine Art Offtopic-Tanz, einen Tango Argentino vorzuführen. Der Schwerpunkt der Haflas liegt zwar naturgemäß auf dem orientalischen Tanz, jedoch bietet das Programm hin und wieder etwas Raum für Tänze aus anderen Kulturen. Diese Toleranz und Offenheit schätze ich sehr. Da sich die Idee des Bühnentangos relativ kurzfristig vor dem Veranstaltungstermin ergab, blieben meinem Tanzpartner Konstantinos, einem passionierten Hobbytänzer und aktiven Mitglied der deutschen und europäischen Tangoszene, den ich für den Showtanz gewinnen konnte und mir keine Zeit, um eine Choreographie zu konzipieren bzw. einzuüben.

Da wir beide jedoch ohnehin schwerpunktmäßig Tango de Salón praktizieren, dieser bekanntlich auf Improvisation beruht und auf sozialen Veranstaltungen wie Milongas getanzt wird, entschieden wir uns, dem tanzbegeisterten und anspruchsvollen Publikum dieser Hafla einfach einen spontanen und authentischen Tango zu zeigen. Durch eine Improvisation entfällt zwar komplett die Sicherheit und Struktur, die eine Choreographie bietet, aber gleichzeitig ist man als Tänzer absolut frei, die Musik nach Belieben zu interpretieren. Während unseres Austausches rund um den Auftritt brachte Konstantinos unser Konzept mit folgender Aussage sehr schön und treffend auf den Punkt: «θα χορέψουμε εντελώς αυθόρμητα με την καρδιά μας.». Zu Deutsch: „Wir werden ganz spontan nach Herzenslust tanzen.“

Mit diesem Vorhaben beabsichtigte ich, meine Freude am Tango zu teilen, eine Art kleine Brücke zwischen den jeweiligen Tanzspaten zu schlagen und beiläufig sollte mir dies auch als kleines persönliches Experiment dienen, mit dem ich folgende, für mich zentralen Fragestellungen klären wollte:

Seit mittlerweile drei Monaten besuchte ich keine Milonga mehr und auch keinen Unterricht oder Práctica, hatte insofern keinen einzigen Schritt Tango mit einer anderen Person getanzt, sondern allenfalls ein paar sporadische Technikübungen für mich allein daheim absolviert. Meine Praxis lag insofern seit einiger Zeit fast vollständig brach. Insofern war es für mich sehr spannend herauszufinden, ob es mir gelingen würde, trotz dieses Umstandes einen halbwegs ansehnlichen Tango hinzulegen.

Zwar schwirrten mir neben den komplexen Bauchtanzchoreographien, die ich mir merken musste, verschiedene Überlegungen und Sorgen um den geplanten Bühnentango in den Tagen vor der Hafla im Kopf herum, jedoch hatte ich aufgrund diverser Pflichten und Aufgaben im Alltag zum Glück nicht wirklich viel Zeit, um sie näher zu kultivieren und verbannte sie schließlich in eine Art innere Schublade. Wenn doch mal kurz Sorgen aufkamen, hörte ich mir einfach das von mir ausgewählte Lied, eine rockige Version von Carlos Gardels berühmtem Lied „Por Una Cabeza“ an. Das half mir zumindest mehr als jedes sinnlose Gedankenkarussell. Meine Liedwahl war übrigens eher atypisch, denn Ähnliches ist mir auf Milongas nicht auf die Ohren gekommen und bisher hatte ich nur zu den klassischen Orchestern oder zu Neotangomusik getanzt. Aber Tango auf E-Gitarre zu tanzen war etwas komplett Neues und stellte eine spannende Herausforderung für mich dar.

Foto: Yasemin Döger www.y-pix.de

Anzumerken ist, dass Konstantinos und ich kein eingespieltes Tanzpaar sind. Seitdem wie uns kennen, hatten wir uns bis dato lediglich dreimal auf Milongas getroffen und jeweils eine Tanda getanzt. Mehr nicht. Als Social Dancers waren wir es zwar gewohnt, inmitten vieler Leute Tango zu tanzen, jedoch nicht allein vor einem Publikum. Das ist etwas völlig anderes. Insofern war der Showtanz in verschiedenen Hinsichten eine Premiere. Es macht mir einfach Spaß, hin und wieder ganz bewusst meine Komfortzone zu verlassen und mich selbst herauszufordern. Der Grad zur Überforderung ist da manchmal sehr schmal.

Unmittelbar vor dem Auftritt fühlte ich mich – wie bereits bei den Bauchtänzen zuvor – aktiviert. Als unser Auftritt angekündigt wurde, war ich jedoch wild entschlossen, dieses Gefühl konstruktiv zu vertanzen. Ich schickte Konstantinos mit ein paar kleinen spontanen Empfehlungen im Gepäck voraus auf die Bühne und folgte ihm kurz darauf während des Intros. Die ersten Takte fühlten sich zwar etwas unentspannt an, aber im Laufe der Musik pendelten wir uns mit steigender Sicherheit ein. Wir tanzten schließlich und hatten einfach Spaß.

Mit dem Auftritt bin ich rückblickend insgesamt zufrieden. Vielleicht war unser Tango technisch nicht perfekt, aber dafür war er authentisch und nicht vorgefertigt. An diesem Abend sind wir definitiv über uns hinausgewachsen. In der Entwicklung eines Tänzers ist eine solche Darbietung vor Zuschauern ein Erfahrungswert, den man mit Gruppenkursen, Workshops oder Theorie nicht vergleichen oder ersetzen kann. Daher möchte ich jeden Tänzer – ganz egal welcher Tanzspate – dazu ermutigen, seine Freude am Tanz offen auszuleben und sich nicht mit einem Besen im Keller zu verstecken (hab ich während der Corona-Pandemie schon probiert^^) oder von seinen Selbstzweifeln unterkriegen zu lassen. Es ist kein Meister vom Himmel gefallen. Wie gut man tanzt, ist, anders als oft propagiert, nicht bloß eine Frage von Motivation oder Fleiß. Vieles hängt von Umständen und Faktoren ab, die man nicht oder nur bedingt beeinflussen kann, wie z.B. Gesundheit, Zeit, finanzielle Mittel (für Kurse und Einzelcoaching), individuelle Würde, sozialer und familiärer Rückhalt bei der Entwicklung, Gewährung besonderer Privilegien durch die Tanzschule, Wohlwollen des Lehrers u.V.m. Es gibt außerdem nach meiner tiefen Überzeugung kein schlechtes Tanzen, solange man sich selbst dabei treu bleibt und die eigene Persönlichkeit mittanzt. Insofern sollte man sich weder mit anderen vergleichen noch andere Personen imitieren, sondern einfach sein eigenes Ding machen.

Diese Hafla war ein actiongeladener, schillernder und lebensbejahender Abend mit tollen Menschen und viel positiver Energie, für den ich sehr dankbar bin und der mir immer in besonderer Erinnerung bleiben wird.

Ach übrigens, mein Rätsel konnte ich entschlüsseln: Tango sitzt in der Seele. Wo diese wiederum entspringt, ist ein anderes Thema….

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