Letztes Wochenende wurde im bezaubernden Heidelberg auf einer Milonga eine neue Stilrichtung des Tangos erfunden. Ich taufe sie: Pogo-Tango! Eine ungesunde Mischung aus dem Punk-Pogo und dem Tango Argentino, die jede Menge Spaß – und blaue Flecken – verheißt.
Der Ort des Geschehens war der elegante Königssaal auf dem altehrwürdigen Heidelberger Schloss. Beim Betreten schien alles perfekt: eine freundliche Begrüßung, exzellente Musik vom DJ und Gäste, die sich dem Ambiente entsprechend schick herausgeputzt hatten. Doch der äußere Schein trog. Abgesehen davon, dass sich die Masse grob gegen den Uhrzeigersinn bewegte, war von einer geordneten Ronda nichts zu sehen. Konzentrische Bahnen? Abstand? Fehlanzeige!
Brillen sind die neuen Handtücher
Auf der Tanzfläche wurde gerempelt, geschubst und getreten. Spätentschlossene warfen sich in die Ronda wie Kleinkinder in den Bällepool, ohne Rücksicht auf die Paare, die bereits im Fluss waren.
Und auch abseits des Parketts kultivierte man die Pogo-Philosophie. Wehe dem, der sich auf einen Stuhl setzte, der bereits „reserviert“ war. Selbst wenn dieser über mehrere Tandas ungenutzt blieb, wurde man harsch von „HerrenmenschInnen“ verjagt. Stühle wurden mit XXL-Sporttaschen und Straßenschuhen blockiert – oder, ganz raffiniert, durch eine abgelegte Brille auf dem Tisch markiert. Da können sich die Touristen auf Malle noch eine Scheibe abschneiden!
„Ich – icher – am ichsten“
Es herrschte eine seltsame, negativ aufgeladene Grundstimmung. Es schien, als müssten manche Gäste ihren „Return on Investment“ für Anreise und Eintritt mit dem Ellbogen erzwingen. In Gesprächen mit besonnenen Gästen wurde mir dieser Eindruck bestätigt. Ein Tänzer berichtete mir im Schlosshof kopfschüttelnd von der Ignoranz derer, die andere anrempeln, ohne sich einer Schuld bewusst zu sein.
Ich selbst beobachtete, wie eine Tänzerin einer anderen mit dem Absatz die Haut über der Achillessehne abschälte. Anstatt kurz innezuhalten und sich nach dem Befinden zu erkundigen, tanzte die Verursacherin unbekümmert weiter. Was für „Zombies“ sind eigentlich zurzeit auf deutschen Pisten unterwegs?
Wahre Eleganz vs. Pailletten-Fassade
Anstatt mich im Getümmel aufzureiben, genoss ich das großartige Orchester „Bandonegro“ und eine ordentliche „Stahlarbeiter-Portion“ Gulasch. Erst gegen Ende, als sich die Fläche lehrte, gönnte ich mir zwei Tandas mit einem aufmerksamen, fröhlichen Herrn.
Dieses Erlebnis war wieder einmal eine Erinnerung daran: Wahre Eleganz hat nichts mit Glitzersandaletten oder gebügelten Seidenhemden zu tun. Sie ist kein modisches Accessoire, sondern Ausdruck einer inneren Geisteshaltung. Sie zeigt sich in der Fähigkeit, das eigene Ego zurückzunehmen und dem Mitmenschen mit Rücksichtnahme und Wohlwollen zu begegnen.
Sich schick zu machen ist keine Kunst. Seinen Mitmenschen mit sozialer Kompetenz zu begegnen hingegen schon. Sind es nicht genau diese Tugenden, die den Tango wirklich wertvoll machen?

