Der Preis der Überfahrt (Kurzgeschichte)

Am Ufer des nebligen Flusses, dort wo die Zeit stillzustehen scheint, wartete Hektor. Es war diese seltsame Stunde zwischen den Jahren – der Moment, in dem das Gestern bereits verblasst, das Morgen aber noch keine klaren Konturen hat.

Hektor war ein Mann in den besten Jahren, stark und erfahren. Er stand aufrecht, doch seine Haltung verriet eine enorme Anstrengung. Mit beiden Armen umklammerte er eine massive Truhe aus dunklem Zedernholz, verstärkt mit Beschlägen aus Bronze. Sie war so schwer, dass sich seine Sandalen tief in den grauen Schlamm des Ufers drückten.

Lautlos glitt ein schmales Holzboot aus dem Nebel. Charon, der Fährmann, stieß das Boot mit einer einzigen, trägen Bewegung ans Ufer. Er wirkte wie ein Mann, der so lange gesehen hat, wie Dinge kommen und gehen, dass ihn nichts mehr überraschen konnte.

„Du willst hinüber“, stellte Charon fest. Seine Stimme klang trocken wie altes Pergament.

„Ja“, sagte Hektor. „Ich bin bereit für das neue Ufer. Ich will sehen, was dort auf mich wartet.“

„Das sagen alle.“ Charon lehnte sich auf seinen Stab. „Dann steig ein.“

Hektor trat vor, die Truhe fest an seine Brust gepresst. Er setzte einen Fuß auf die Planken des schmalen Bootes. Sofort neigte es sich gefährlich zur Seite, Wasser schwappte über den Rand. Das Holz ächzte unter der unnatürlichen Last.

„Halt“, sagte Charon ruhig. „Das Boot trägt dich. Aber es trägt nicht deine Last.“

Hektor zog den Fuß zurück, aber er ließ die Truhe nicht los. „Das ist keine Last“, protestierte er. „Das ist mein Vermögen. Darin liegen meine Siege. Meine Titel. Die Erinnerungen an die Menschen, die ich geliebt und verloren habe. Meine gelernten Lektionen. Es ist der Beweis, dass ich gelebt habe.“ Er atmete schwer. „Ohne diese Kiste bin ich… leer.“

Charon musterte ihn mit einem Blick, der bis auf den Grund der Seele zu gehen schien.

„Du heißt Hektor, nicht wahr? Der, der festhält.“

Hektor nickte stolz.

„Hör mir zu, Hektor“, sagte Charon, und seine Sprache war plötzlich sehr klar und gegenwärtig. „Du willst auf der anderen Seite Neuland betreten. Du willst Hoffnung. Du willst Wandel. Aber du versuchst, das Unbekannte mit den Werkzeugen des Bekannten zu erobern. Du willst das neue Jahr, aber du willst es so einrichten wie das alte.“

„Soll ich etwa alles vergessen?“ Hektors Stimme zitterte vor Empörung. „Soll meine Vergangenheit wertlos sein?“

„Wertlos nicht“, antwortete Charon. „Aber sie ist vergangen. Schau dir deine Hände an. Sie sind so fest um das Gestern geschlossen, dass keine Hand frei ist, um dem Morgen die Tür zu öffnen.“

Der Fährmann deutete auf das dunkle Wasser.

„Wer wirklich neu anfangen will, muss den Mut haben, ein Anfänger zu sein. Ein Anfänger besitzt nichts. Ein Anfänger weiß nichts. Ein Anfänger ist offen. Du aber… du bist voll. Du bist versiegelt. In mein Boot passt nur das nackte Leben, nicht das Archiv deines Lebens.“

Hektor blickte auf das dunkle Holz in seinen Armen. Er spürte das Gewicht, das er seit Jahren mit sich herumschleppte, ohne es zu hinterfragen. Er spürte die Sicherheit, die es ihm gab. Die Definition. Das bin ich.

Plötzlich griff er in seine Tasche und zog eine glänzende Goldmünze hervor. „Hör zu, Fährmann“, sagte er mit brüchiger Stimme und hielt ihm das Gold hin. „Hier, ein Obolus. Ein besonders schwerer. Nimm die Münze und lass mich die Truhe mit an Bord nehmen. Es soll dein Schaden nicht sein.“

Charon blickte auf die Münze, dann auf Hektor, und ein trockenes Glucksen entrann seiner Kehle. „Steck das Gold weg, Hektor. In dieser Nacht nehme ich keine Münzen. Dein Metall hat hier keinen Wert.“ Er wies mit dem Kinn auf den Fluss. „Hier zählt nur das Gewicht deiner Seele, nicht das Gold in deiner Tasche.“

Und dann spürte Hektor die Angst. Wenn er losließ – was blieb dann übrig? Nur ein Mann am Ufer. Ohne Beweise. Ohne Schutzschild.

„Der Preis für den Wandel“, sagte Charon leise, „ist deine jetzige Identität. Du musst sterben, so wie du warst, um der werden zu können, der du sein wirst.“

Hektor stand lange im kalten Wind. Er sah hinüber in den Nebel, wo das neue Jahr wartete, unsichtbar und wild. Dann sah er auf die Kiste.

Langsam, Finger für Finger, löste er den Griff. Es tat körperlich weh, wie das Lösen einer alten Wunde. Die Truhe glitt aus seinen Armen und landete dumpf im weichen Ufersand. Sie sank ein Stück ein und blieb liegen.

Hektor richtete sich auf. Seine Arme fühlten sich seltsam leicht an, fast so, als würden sie schweben. Er fühlte sich nackt, verletzlich und zugleich auch unsagbar frei.

Er trat in das Boot. Es schwankte kaum.

„Und nun?“ fragte Hektor, als Charon das Boot in die Strömung stieß und das Ufer mit der Truhe im Dunst verschwand. „Was werde ich dort drüben sein?“

Charon lächelte zum ersten Mal, ein feines, fast menschliches Lächeln.

„Das, Hektor, liegt nun endlich ganz bei dir.“

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