Am Ufer des nebligen Flusses, dort wo die Zeit stillzustehen scheint, wartete Hektor. Es war diese seltsame Stunde zwischen den Jahren – der Moment, in dem das Gestern bereits verblasst, das Morgen aber noch keine klaren Konturen hat.
Hektor war ein Mann in den besten Jahren, stark und erfahren. Er stand aufrecht, doch seine Haltung verriet eine enorme Anstrengung. Mit beiden Armen umklammerte er eine massive Truhe aus dunklem Zedernholz, verstärkt mit Beschlägen aus Bronze. Sie war so schwer, dass sich seine Sandalen tief in den grauen Schlamm des Ufers drückten.
Lautlos glitt ein schmales Holzboot aus dem Nebel. Charon, der Fährmann, stieß das Boot mit einer einzigen, trägen Bewegung ans Ufer. Er wirkte wie ein Mann, der so lange gesehen hat, wie Dinge kommen und gehen, dass ihn nichts mehr überraschen konnte.
„Du willst hinüber“, stellte Charon fest. Seine Stimme klang trocken wie altes Pergament.
„Ja“, sagte Hektor. „Ich bin bereit für das neue Ufer. Ich will sehen, was dort auf mich wartet.“
„Das sagen alle.“ Charon lehnte sich auf seinen Stab. „Dann steig ein.“
Hektor trat vor, die Truhe fest an seine Brust gepresst. Er setzte einen Fuß auf die Planken des schmalen Bootes. Sofort neigte es sich gefährlich zur Seite, Wasser schwappte über den Rand. Das Holz ächzte unter der unnatürlichen Last.
„Halt“, sagte Charon ruhig. „Das Boot trägt dich. Aber es trägt nicht deine Last.“
Hektor zog den Fuß zurück, aber er ließ die Truhe nicht los. „Das ist keine Last“, protestierte er. „Das ist mein Vermögen. Darin liegen meine Siege. Meine Titel. Die Erinnerungen an die Menschen, die ich geliebt und verloren habe. Meine gelernten Lektionen. Es ist der Beweis, dass ich gelebt habe.“ Er atmete schwer. „Ohne diese Kiste bin ich… leer.“
Charon musterte ihn mit einem Blick, der bis auf den Grund der Seele zu gehen schien.
„Du heißt Hektor, nicht wahr? Der, der festhält.“
Hektor nickte stolz.
„Hör mir zu, Hektor“, sagte Charon, und seine Sprache war plötzlich sehr klar und gegenwärtig. „Du willst auf der anderen Seite Neuland betreten. Du willst Hoffnung. Du willst Wandel. Aber du versuchst, das Unbekannte mit den Werkzeugen des Bekannten zu erobern. Du willst das neue Jahr, aber du willst es so einrichten wie das alte.“
„Soll ich etwa alles vergessen?“ Hektors Stimme zitterte vor Empörung. „Soll meine Vergangenheit wertlos sein?“
„Wertlos nicht“, antwortete Charon. „Aber sie ist vergangen. Schau dir deine Hände an. Sie sind so fest um das Gestern geschlossen, dass keine Hand frei ist, um dem Morgen die Tür zu öffnen.“
Der Fährmann deutete auf das dunkle Wasser.
„Wer wirklich neu anfangen will, muss den Mut haben, ein Anfänger zu sein. Ein Anfänger besitzt nichts. Ein Anfänger weiß nichts. Ein Anfänger ist offen. Du aber… du bist voll. Du bist versiegelt. In mein Boot passt nur das nackte Leben, nicht das Archiv deines Lebens.“
Hektor blickte auf das dunkle Holz in seinen Armen. Er spürte das Gewicht, das er seit Jahren mit sich herumschleppte, ohne es zu hinterfragen. Er spürte die Sicherheit, die es ihm gab. Die Definition. Das bin ich.
Plötzlich griff er in seine Tasche und zog eine glänzende Goldmünze hervor. „Hör zu, Fährmann“, sagte er mit brüchiger Stimme und hielt ihm das Gold hin. „Hier, ein Obolus. Ein besonders schwerer. Nimm die Münze und lass mich die Truhe mit an Bord nehmen. Es soll dein Schaden nicht sein.“
Charon blickte auf die Münze, dann auf Hektor, und ein trockenes Glucksen entrann seiner Kehle. „Steck das Gold weg, Hektor. In dieser Nacht nehme ich keine Münzen. Dein Metall hat hier keinen Wert.“ Er wies mit dem Kinn auf den Fluss. „Hier zählt nur das Gewicht deiner Seele, nicht das Gold in deiner Tasche.“
Und dann spürte Hektor die Angst. Wenn er losließ – was blieb dann übrig? Nur ein Mann am Ufer. Ohne Beweise. Ohne Schutzschild.
„Der Preis für den Wandel“, sagte Charon leise, „ist deine jetzige Identität. Du musst sterben, so wie du warst, um der werden zu können, der du sein wirst.“
Hektor stand lange im kalten Wind. Er sah hinüber in den Nebel, wo das neue Jahr wartete, unsichtbar und wild. Dann sah er auf die Kiste.
Langsam, Finger für Finger, löste er den Griff. Es tat körperlich weh, wie das Lösen einer alten Wunde. Die Truhe glitt aus seinen Armen und landete dumpf im weichen Ufersand. Sie sank ein Stück ein und blieb liegen.
Hektor richtete sich auf. Seine Arme fühlten sich seltsam leicht an, fast so, als würden sie schweben. Er fühlte sich nackt, verletzlich und zugleich auch unsagbar frei.
Er trat in das Boot. Es schwankte kaum.
„Und nun?“ fragte Hektor, als Charon das Boot in die Strömung stieß und das Ufer mit der Truhe im Dunst verschwand. „Was werde ich dort drüben sein?“
Charon lächelte zum ersten Mal, ein feines, fast menschliches Lächeln.
Wie ich euch bereits erzählt hatte, habe ich mir vor einiger Zeit die Hand verletzt. Seither begleiten zahlreiche Physiotermine, Gymnastik und Sorgen meinen Alltag. Ich investiere viel Zeit, Energie und Gedanken in die Wiederherstellung von Beweglichkeit, Kraft und Koordination. Vieles, was mir bis dato wichtig und lieb war, kann ich – zumindest bis auf weiteres – nicht mehr tun. Die gewohnten Fertigkeiten, über die man sich als Gesunder fast nie Gedanken macht, erobere ich nur sehr langsam und in kleinen Portionen wieder zurück. Dies ist eine meiner bisher größten Prüfungen in puncto Geduld.
Der Krisenfall
Als die erste (Teil-)Diagnose kurz nach dem Unfall gestellt war, dachte ich damals optimistisch „Ok, nochmal Glück im Unglück gehabt. In ca. 6 Wochen ist das Ganze verheilt plus vielleicht ein paar wenige Wochen Reha. Dann müsste alles wieder ok sein.“ Pustekuchen! Abgesehen davon, dass das genaue Ausmaß meiner Verletzung, also auch die Begleitschäden noch nicht absehbar waren, hatte ich nicht auf dem Schirm, was es genau bedeutet, den Alltag nur mit einer Hand zu bewältigen. Kurz gefasst, sie fehlt weit mehr als gedacht. Autofahren, Tango tanzen, Gitarre spielen und diverse Kontaktsportarten. Alles, was für meine Zufriedenheit und Balance von Bedeutung war, brach schlagartig weg. Darunter litt ich mehr als unter den physischen Schmerzen und teilweise noch immer. Von den gewohnten Handlungen im alltäglichen Leben ganz zu schweigen.
Dieser Beitrag soll jedoch kein Klagelied werden. Denn Selbstmitleid hilft mir nicht weiter – die tatkräftige Unterstützung meines Umfeldes sowie meiner Therapeuten hingegen schon. Lieber möchte ich euch erzählen, wie ich meine Situation bewältige und mich mental über Wasser halte. Wer jetzt aber ein ausgeklügeltes Konzept zur Krisenbewältigung erwartet, den muss ich gleich enttäuschen. Es gibt keins. Ich improvisiere.
Reiseabenteuer
Den Pausenknopf zu drücken und monatelang meiner Genesung entgegenzusehen, erschein mir als trostlose Zeitverschwendung. Also entschied ich mich, einfach weiterzuleben und zu unternehmen, was meine Stimmung heben könnte und wozu ich mich zumindest halbwegs imstande sah. Anstatt zu betrauern, was ich nicht mehr kann, konzentriere ich mich auf die Dinge, die ich kann und lote meine Grenzen aus. Das gibt mir Zuversicht und Kraft.
So bin ich etwa kurz nach der OP, wie ursprünglich geplant, mit der Familie nach Griechenland gereist. Sehr kurz danach, genauer gesagt. Es war nicht leicht, unter postoperativen Schmerzen und ärztlich angeordneter Hochlagerung des Armes schadlos durch die Menschenmengen an den Terminals und Gates zu manövrieren. Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Zum Glück hatte ich unterwegs tatkräftige Hilfe mit dem Gepäck bzw. Unterstützung. Ein Spaziergang war die Anreise dennoch nicht.
Für den diesjährigen Sommerurlaub hatte ich einen mehrtägigen Trip in Mittel- und Nordgriechenland organisiert. Ein weiterer Kraftakt für mich, aber nicht unmöglich. Nach einer Woche ging es auch schon mit dem Mietwagen vom Hauptquartier in Peloponnes nach Lefkada, einer traumhaft schönen Insel im Ionischen Meer. Mit Gefrierbeutel überm Arm (die halten schön dicht) und Haushaltsgummis bin ich im türkisblauen Meer baden gegangen. Um die Hand vor Überwärmung zu schützen, habe ich ein feuchten Coolingtuch aus Mikrofaser darüber drapiert und mit Wäscheklammen befestigt. Das funktionierte prima. Komplett einzutauchen und richtig zu schwimmen ist natürlich schöner, aber so ging es auch. Kein Grund, am Strand zu verweilen und auf die Abkühlung zu verzichten. Man muss sich einfach zu helfen wissen. Mit meiner Konstruktion fühlte ich mich jedenfalls wie McGyver. B–)
Aber nur am Strand zu faulenzen ist auf Dauer nichts für mich. Also erkundeten wir eine ehemalige NATO-Radarstation aus dem Kalten Krieg. Ein wahrer Lost Place, der über Seperntinen und ungesicherte Haarnadelkurven nicht leicht zu erreichen war. Dort erkundeten wir die marode, aber eindrucksvolle Anlage. Ich stieg sogar einige Leitersprossen an einer der vier Riesenschüsseln hinauf und balancierte später auf einem Betonbalken des Fundaments. Ja, alles behutsam und einhändig – mit Handschiene. Ich war einfach begeistert von diesem Ort und wollte die positive Energie nutzen, um meinen Körper daran zu erinnern, dass er trotz der Einschränkung noch ein bisschen was draufhat.
Zurück auf dem Festland besichtigten wir auf dem Weg nach Ioannina, das Nekromanteion in Acheron. Dort stieg ich in den Hades hinab, indem ich eine schmale steile Metalltreppen einhändig überwand. Richtig gelesen, wieder mal war ich im Hades, aber diesmal war es ein anderer Zugang. Es gibt mehrere verstreut in Griechenland. :–) Die Höhle war etwas unheimlich, aber auch schön kühl unter tage bei Außentemperaturen von rund 35°C.
Noch am selben Tag trafen wir in Ioannina ein. Mein erster Besuch dieser wunderschönen Stadt, aber sicher nicht mein letzter! Dank der Bemühungen eines Freundes haben wir viele Sehenswürdigkeiten in dieser geschichtsträchtigen Stadt besichtigt. Zwei Tage und zwei Nächte waren meinerseits ein bisschen knapp kalkuliert.
Auf der Rückreise zu unserem Hauptquartier auf Peloponnes besuchten wir noch die Tropfsteinhöhle von Perama, was wegen der vielen Stufen ziemlich anstrengend war. Ich musste mich mit der gesunden Hand sehr gut festhalten, weil ich keinen Sturz auf die operierte riskieren durfte. Aber trotzdem waren die Naturgebilde wunderschön sowie faszinierend und die Strapazen insofern lohnenswert.
Im direkten Anschluss machten wir noch einen kurzen Abstecher im Antike Theater von Dodoni, einem erstaunlich gut erhaltenen Amphitheater.
Apropos Theater. Auch unseren alljährlichen Besuch im Epidauros-Theater haben wir nicht ausgelassen. Die Tickets Andromache von Eurypides waren längst gebucht. Eine ziemlich coole und moderne Inszenierung. Tolle Choreos in dramatischer Beleuchtung.
Balance
Zurück in Deutschland ging es dann auch schon los mit der Physio. Parallel hierzu bekam ich Unterstützung aus der Traditionellen Chinesischen Medizin. Ich hatte und habe Glück mit meinen Therapeuten. Trotz der Therapien und meiner Anstrengungen um die Gesundheit meiner Hand, musste ich achtgeben, nicht zu sehr in diesen gewissen Krank-Modus zu verfallen. Bei den vielen Terminen passiert das schneller als einem lieb ist.
Das Praktizieren und weitergehende Erlernen von Tai Chi hilft mir dabei in vielerlei Hinsicht. Zum Glück konnte ich das Training einige Wochen nach der OP schrittweise wiederaufnehmen. Es ist aktuell die einzige regelmäßige Aktivität, die mir neben der Krankengymnastik möglich ist und somit mein Rettungsanker, wenn mich die gesundheitlichen Sorgen rund um meine Hand einholen. Daneben verhilft mir das Praktizieren auch zu einem guten Körpergefühl.
Völlig losgelöst
Das diesjähriges Sommerfest des örtlichen Luftsportvereins wollte ich eigentlich entspannt bei gutem Essen und Trinken auf festem Boden verbringen und einfach nur die Stimmung und die Flugshows genießen. Zumindest war ich fest entschlossen. Als ich dann aber die vielen Flugzeuge starten und landen sah, konnte ich es mir nicht verkneifen und stieg in einen antiken Doppeldecker (Tiger Moth), um an einem Rundflug teilzunehmen. Wieso ich auch nicht?, dachte ich mir. Schließlich brauche ich als reiner Passagier meine Hände kaum und muss nur beim Ein- und Aussteigen etwas auf mich achtgeben. Der Flug war im offenen Cockpit ein ganz besonderes Erlebnis und mein zweiter Rundflug dieser Art insgesamt. Insofern wusste ich halbwegs, was mich erwartete. Alles klappte prima und im unwahrscheinlichen Fall eines Absturzes wäre meine Hand ja nun wirklich mein geringstes Problem gewesen….
Think bigger…
Möchte man sich in eine andere, d.h. bessere Stimmung versetzen, sollte man nicht passiv darauf warten, sondern selbst aktiv werden. So lautete inzwischen mein unausgesprochenes Motto. Also folgte ich, ohne groß zu überlegen oder besondere Erwartungen, einem Aufruf eines Bekannten, setzte mich mit dem Europäischen Raumflugkontrollzentrum (kurz ESOC) in Verbindung und schon wenig später wurde ich nach Darmstadt eingeladen, um zusammen mit anderen SF-Cosplayern die Gäste während des Feierlichkeiten zum Tag der Offenen Tür anlässlich des 50-jährigen Bestehens des ESA zu unterhalten. Nach der Zusage war ich zugegeben doch etwas aufgeregt. :–D
Zwar waren die Vorbereitungen sehr anstrengend, zumal ich die operierte Hand weiterhin schonen musste, aber es war positiver Stress. Wann sonst bitte hat man schon die Gelegenheit, einen Tag lang als Volunteer für die ESA zu arbeiten und dabei weitere kleine Brücken zwischen der europäischen Raumfahrt und der Welt der Science-Fiction zu schlagen?
Ein Rückzieher kam gar nicht in Frage. Und das erwies sich auch als genau das Richtige. Am 12. September war es dann auch so weit und gemeinsam mit den anderen Cosplayer-Kollegen hielten wir die Besucher und die Mitarbeiter bei Laune als hätten wir nie etwas anderes getan. Belohnt wurde diese Tätigkeit mit wunderbaren Erinnerungen, neuen Freundschaften, spannenden Unterhaltungen, vielen lächelnden Gesichtern, großartigen Fotos und einem exklusiven Goodybag, in dem viele tolle Sachen waren. Wir waren stolze Mitglieder der ESA-Open-Days-Crew. Übrigens, der Dino auf dem Gruppenbild war kein Cosplayer, sondern ein sehr sympathischer ESA-Ingenieur, der uns kompetent durch die Kontrollräume führte.
Cosplayer-Gruppe des Open Day, ESOC Hauptkontrollraum, DarmstadtESOC Außengelände mit XXXL-Astronaut :–)
Während der gesamten Vorbeitungen und der Veransaltung hatte ich kaum Gelegenheit, über meine verletzte Hand nachzudenken, denn ich hatte selten so viel Spaß…. Für diese einzigartige Erfahrung bin ich sehr dankbar.
Man muss gewisse Muster im eigenen Gehirn erkennen und, falls notwendig, bewusst überschreiben. Einfach raus aus der (vermeintlichen) Wohlfühlzone!
…aaand action!
Ausnahmen bestätigen jedoch die Regel… Drei Wochen nach meinem Besuch bei der ESOC nahm ich, als persönliche Herzensangelegenheit, an einem mehrstündigen Seminar in Schauspiel und Bühnenkampf teil. Das geschah unter gründlicher Abwägung von Risiko und Nutzen. Dafür hatte ich mich schon im Frühjahr, also lange vor dem Unfall angemeldet. Da ich mich sehr darauf freute, kam eine Stornierung nicht in Frage. Die Organisatoren und Teilnehmer nahmen Rücksicht auf meine Situation. So galt es, Stöß gegen sowie Stürze auf meine Hand unbedingt zu vermeiden. Insofern war ich 200% konzentriert und darauf bedacht, keinen Mist zu bauen. Entweder hielt ich meine Hand komplett aus der Übung raus und schützte sie hinter meinem Rücken oder ich baute sie sinnvoll ein, indem ich eine verletzt Spielende agierte – was eine gewisse Ironie hat!
Fazit
Zusammenfassend könnte man sagen, dass eine gesunde Mischung aus Abenteuerlust und Übermut meine medizinische Therapie gut ergänzt. Für mich funktioniert das, neben meiner Arbeit, die mich auf Trab hält, bisher ganz gut. Aber man sollte seine Fähigkeit und Grenzen jederzeit kennen. Von meinem Umfeld ernte ich für meine Aktivitäten und Resizilienz überwiegend Bewunderung, was mich wiederum verwundert, denn im Grunde möchte ich einfach nur leben, meine Tage sinnvoll, d.h. mit angenehmen Menschen und schönen Unternehmungen, verbringen. Nicht mehr und nicht weniger. Nur weil ich eingeschränkt bin, ändert das nicht mein Wesen. Meine Neugier und Abenteuerlust sind ungebrochen. Mir fiel auch erst vor kurzem auf, dass ich mir viel zugemutet habe. Insofern dient dieser Beitrag nicht nur der Berichterstattung und eurer Unterhaltung, sondern auch meiner persönlichen Aufarbeitung. Ich werde in den kommenden Wochen vielleicht trotzdem mal einen Gang runterschalten. Mit meinen Entscheidungen bin ich jedoch im Reinen und nur das zählt letztendlich. Jedenfalls bin froh, wieder vieles machen zu können und z.B. wieder beidhändig schreiben zu können, wenn auch langsamer als zuvor. Mit diesem etwas lang geratenen Post dürfte ich das unter Beweis gestellt haben. :–D
Im Leben einer Frau gibt es zwei Kategorien von Männern: Helden und Schurken. Und unter den Helden befindet sich, wenn sie großes Glück hat, dieser eine besondere Mann, der sie rettet, ihre Tränen trocknet und sie wieder aufrichtet. Klingt kitschig? Mag sein. Vielleicht bist du aber bloß unromantisch.
Momentan streame ich auf Amazon Prime „Heirate meinen Mann“. Obwohl die Schauspieler total überzogen spielen und insgesamt alles sehr theatralisch anmutet, fahre ich total auf diese koreanische Serie ab. Was für ein Plot! Und die Mode erst! :–D Nur noch ein paar Folgen fehlen mir noch von der Staffel. Ich glaube, ich brauche danach einen Therapeuten. Aber das ist es wert! :–D
[Achtung Spoileralarm!] Im tragischen Leben der Protagonistin Kang Ji-won gibt es jedenfalls diesen einen besonderen Ritter, der ihr auf ganzer Linie hilft, sie in ihren Zielen und Träumen fördert und sie in ihrem Befreiungskampf selbstaufopfernd unterstützt, sodass sie sich von ihren toxischen Beziehungen befreit, endlich ihr wahres Schicksal erfüllen kann, sich emanzipiert und (hoffentlich) glücklich sein darf. Dieser möchte für sie ihr fester Boden unten den Füßen sein.
Szene „Heirate meinen Mann“, 1. Staffel
Im echten Leben beobachtet man diese Geisteshaltung bei Männern leider nur sehr selten. Deshalb lädt die Story ja auch besonders zum Träumen ein. Und wenn ich mir das so ansehe, muss ich sagen: in Ostasien scheint die Welt noch in Ordnung. Zumindest in dieser Hinsicht. In unseren Breitengraden hingegen schwindet dieses klassische Männlichkeitsbild leider immer mehr. Wer seine Geliebte beschützt und unterstützt, gilt schnell als Pantoffelheld oder Trottel mit Helfersyndrom, der sich von der Tussie ausnutzen lässt, ironischerweise insbesondere bei Männern, die sich in ihrer Selbstbezogenheit entlarvt und von echten Männern bedroht fühlen. Applaudiert wird stattdessen nur solchen Exemplaren, die sich ausschließlich um sich selbst scheren und sich darauf konzentrieren, sich gesellschaftlichen Rang zu verschaffen. Und mit was für Blödsinn teilweise! Karriere — eine schicke Wohnung — ein schnelles Auto. Der Markengasgrill auf der Terrasse darf natürlich auch nicht fehlen. Kochen kann das vermeintliche Alphatier zwar in der Regel nicht, aber er ist quasi ein Jäger, ein wahrer Natural-Born-Griller. Das reicht heute absolut aus, um sich Bewunderung und Respekt zu schaffen. Nebenbei bemerkt ist es völlig egal, was er ganz konkret dafür tun musste oder ob er gar seine Würde dafür verhökert hat, um an diesen Punkt gelangt zu sein. Danach fragt niemand….da niemand umgekehrt gefragt werden und Rede und Antwort stehen möchte. Der Zweck heiligt ja sowieso sämtliche Mittel.
Wer dann auch noch eine führende Position im Dienstleistungssektor ergattert, die das Tragen von Krawatten erfordert, einem schicke Restaurantbesuche, regelmäßige Reisen und die austauschbare, an der Magersucht entlang schrammende Lebensabschnittsgefährtin ermöglicht, die man in Wahrheit nicht sooo gerne anfassen mag, aber sich nunmal hält, weil sie den gleichgesinnten Kumpels den gewünschten Applaus und die Anerkennung abnötigt, der hat es — geschafft! Am besten noch im Sommerurlaub Kitesurfen gehen, um auf den Fotos besonders draufgängerisch und actionhaft rüberzukommen. Dass man sich dabei aus Ungeschicklichkeit die Hand verstaucht hat, wird natürlich nicht erwähnt oder als coole Kriegsverletzung verpackt. Das Bild muss schließlich stimmen. Eine Ehefrau und Kinder sind im Lebensentwurf solcher Männer optional, aber nicht zwingend erforderlich und bis aus Weiteres auch eher hinderlich auf dem oft sehr lange andauernden Selbstfindungstrip. Mit Ü50 kann man sich immer noch eine verzweifelte 25-Jährige zur Familiengründung suchen. Bei entsprechender Finanzlage überhaupt kein Problem. Und wenn Mama noch stolz ist, ist ohnehin alles in Butter. Sie ist aber meist schon stolz, wenn ihr Bub brav seinen Teller aufgegessen hat. Viel mehr muss er nicht leisten. Ob dieser über soziale Kompetenzen verfügt oder Sinnvolles für die Welt oder seine Mitmenschen leistet, ist zweitrangig. Sie hat ihre Messlatte in Puncto Männlichkeit in der Regel schon niedrig angesetzt als sie damals ihren eigenen Mann wählte.
Alles total Banane! Aber solange das gesamte Umfeld diese Irrungen rund um das Verständnis von Männlichkeit stützt, werden diese in Wahrheit unmännlichen Egomanen nicht als solche identifiert oder hinterfragt. Man(n) ist sich einig: So muss es sein! Der bescheidene Fabrikarbeiter hingegen, der in Schichtarbeit schwere Maschinen bedient, um seine frühzeitig gegründete Familie über die Runden zu bringen, sich dabei nie beklagt und jeden Abend mit derselben rundlichen Frau das Bett teilt, welche ihre Kilos nach dem dritten Kind nicht mehr komplett loswerden konnte, gilt hingegen als Loser. Na ja selbst schuld, dass er sich für ’nen Appel und ’n Ei abrackert, finden die meisten. Er hätte sich halt erst einmal verwirklichen sollen!
Was soll man bitte dazu sagen?? — Und wenn der Egomane nicht gestorben ist, ‚verwirklicht‘ er sich noch heute….. Zwar spielen Glück und günstige Umstände durchaus eine Rolle für den Verlauf einer erfolgreichen Biographie, aber mit 30 oder allerspätestens 40 sollte man(n) schon so langsam wissen, wer man ist und endlich mal ‚angekommen‘ sein. Irgendwann sollte man schließlich leben.
Ok, der Held meiner Serie, Yu Ji-hyuk, ist zugegeben kein einfacher Arbeiter und auch alles andere als bettelarm, sondern im Gegenteil ziemlich vermögend und macht im Businessanzug mit Krawatte auch was her. Aber sein Geld ist es nicht, das ihn attraktiv macht, sondern dass er seine Position und Macht geschickt nutzt, um seiner Angebeteten zu helfen und das sogar ohne „Gegenleistung“, sprich: ohne ihr dabei gleich auf den Pelz zu rücken. Er ist ein Machertyp mit Verantwortungsbewusstsein, feiert sich dabei zu keinem Zeitpunkt, sondern verbirgt seine hohe Position und seine Anwartschaften sogar und agiert vorwiegend im Hintergrund. Das hat Stil! Selbst als seine Angebetete ein Date mit ihrer Jugendliebe wahrnimmt, leidet er zwar heimlich, aber mischt sich nicht ein und lässt sie gewähren. Sie soll glücklich werden, egal wie oder mit wem. Das hat Vorrang. So lautet sein Kredo. Natürlich hofft er auf ihre (Gegen)Liebe, genauso wie der Zuschauer auf ein Happy End hofft. Aber diesem werden starke Nerven abverlangt und auch Konzentration, denn die Koreaner basteln ziemlich komplizierte Geschichten.
Aber zurück zu den Helden. Stark, erhaben, selbstlos, wohlwollend, in sich selbst ruhend etc. Heute gibt es diese Tugenden kaum noch, jedenfalls sind sie in unseren Breitengraden nicht sehr weit verbreitet. Die meisten Männer im westlichen Kulturkreis ticken leider vielmehr so wie dieser fürchterliche Ehemann der Serien-Protagonistin, unter dem sie während der ursprünglichen Zeitlinie jahrelang gelitten hat. Unausgeglichen, aggressiv, egozentrisch, selbstgerecht, anklagend, vorteilsorientiert, gierig, untreu, verbal ausfallend. Ein launisches Riesenbaby. Kurzum ein Schurke. Abgesehen davon, dass solche Typen ihr Umfeld stets belasten und strapazieren, suchen sie die Verantwortung für die eigenen Fehlschläge in der Regel ausschließlich bei anderen, nie bei sich selbst. Zudem wollen sie zwar als verantwortungsbewusst wirken, weil sie ahnen, dass das irgendwie ‚angesagt‘ ist, aber gleichzeitig keine echten Verpflichtungen übernehmen. Alles möglichst unverbindlich. Mit Hintertürchen. Und Sicherheitsnetz! Sie sind wahre Meister der Blendung. Verfehlen sie ihre oft überzogenen und unrealistischen Lebensentwürfe, werden sie erst instabil, panisch, dann aggressiv und lassen es zu guter Letzt bei ihren Mitmenschen aus und besonders gerne bei der eigenen Partnerin, falls vorhanden. Im Extremfall führt diese Abwärtsspirale zum Femizid, wobei die dahinterstehenden Dynamiken komplex sind.
Eine Freundin von mir war früher jahrelang mit so einem Mann liiert, der selbst bei wohlwollender Betrachtung irgendwie nichts wirklich auf die Reihe gekriegt hat. Studium, Job, nichts klappte so richtig. Anstatt ihm sein Versagen vorzuwerfen, hat sie ihn sogar aktiv bei seinen Kämpfen unterstützt, auch juristisch. Ihr war lange nicht bewusst, dass er nicht nur nicht der ersehnte Held war, sondern eigentlich umgekehrt sie seine Heldin war. Geboten hat er ihr nichts. Zumindest nichts, das der Rede wert gewesen wäre. Das alles hat sie erst während der Aufarbeitung erkannt. Gegenseitige Unterstützung war aus ihrer Sicht selbstverständlich. Wenn man ein Paar ist, agiert man als Einheit und zieht an einem Strang. So ihre idealtypische Vorstellung. Aber die Einseitigkeit erkannte sie lange nicht. Als er seinen Frust über seine Misserfolge zunehmend an ihr ausließ, musste sie schließlich die Notbremse ziehen und gehen. Sie fürchtete auch um ihre seelische Balance, die durch die unglückliche Beziehung längst in Schieflage war, verlor ihre Lebenslust und hatte zudem plötzlich große Sorge, er könne sie in seinen seelischen Abgrund mit herunterziehen. Nicht unbegründet. Sie zog den Befreiungsschlag durch und wagte den Sprung ins Ungewisse. Eigentlich hätte sie für ihren Mut einen Orden verdient. Für diese Entscheidung bekam sie jedoch zunächst weder Verständnis aus ihrem Umfeld noch Unterstützung. Im Gegenteil sogar Vorwürfe. Sie musste da größtenteils alleine durch. Erst viel später, als sie imstande war darüber zu reden, haben ihre Leute es verstanden. Lange hatte sie in dieser toxischen Beziehung gelitten und dachte, dass sie kein besseres Verhalten verdiente. Kein besseres Leben. Keinen besseren Partner. Sie war tief gefangen in ihren Fehlvorstellungen. Aber zum Glück ist sie irgendwann aufgewacht und hat erkannt, dass sie sich in einer Hölle befand, die sie mangels Selbstvertrauen miterschaffen hatte. Zwar spät, aber nicht zu spät. Es ist nie zu spät, um seinen Wert zu erkennen und sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Seit sie begonnen hat zu realisieren, dass sie es verdient hat, glücklich zu sein und geliebt zu werden, hat sie auch angefangen, schädliche Menschen aus ihrem Leben fernzuhalten. Damit fährt sie bisher prima und blüht immer mehr auf.
Die meisten Frauen sind leider schwach. Nur deshalb konnte sich das vorherrschende Männlichkeitsbild überhaupt in der Gesellschaft etablieren. Anstatt sich einzugestehen, dass man sich einen Schurken angelacht und Zeit verschwendet hat, reden sich viele aus Angst vor dem Alleinsein ein, mit ihrem Partner ‚das große Los‘ gezogen zu haben. So wird der Schurke zum Helden umettiketiert. Diese Propaganda wird solange betrieben bis man es irgendwann selbst glaubt. Es ist ja auch einfacher, sich ein 1-Minuten-Ei hart zu reden als sich raus in die Welt zu trauen und seinen wahren Helden zu finden. Traurig, aber so funktioniert die Welt. Kämen nur die wahren Männer zum Zug, wäre die Menschenheit vermutlich längst ausgestorben.
Ich bin jedenfalls sehr gespannt darauf, was aus der Protagonistin und ihrem Helden wird.
FedCon ist, wenn morgens in der Hotellobby ein Redshirt an dir vorbeistürmt, um rechtzeitig ein Tagesticket zu ergattern.
FedCon ist, wenn du würdelos auf allen Vieren auf dem Boden herumkriechst, um die Einzelteile deines verlorenen Star-Trek-Abzeichens zusammen zu suchen.
FedCon ist, wenn du dir unter ähnlichen klimatischen Bedingungen wie auf Tatooine in der Warteschlange die Füße plattstehst und trotzdem gut gelaunt bleibst.
FedCon ist, wenn jeder zweite an der Location abgestellte Pkw im amtlichen Kennzeichen die Nummer 1701 aufweist.
FedCon ist, wenn gestandene Leute in Kostümen spontan eine gigantische Polonaise bilden.
FedCon ist, wenn plötzlich einer deiner Lieblingsstars hautnah auf der Tanzfläche neben dir tanzt.
FedCon ist, wenn du an der Bar die Auswahl zwischen einem Mandalorian, einem Boba Fett und einem Romulanischen Ale hast.
FedCon ist, wenn du – wieder im Hotelzimmer eingetroffen – bemerkst, dass du einen Boba zuviel hattest.…
FedCon ist, wenn du nach dem Wochenende zwar total erschöpft bist, aber dir trotzdem vor lauter Blues schon das Ticket für das nächste Jahr sicherst.
Diese Liste könnte man ewig fortsetzen….
Mein mittlerweile vierter FedCon-Besuch im Maritim Hotel Bonn vor gut einer Woche war auch dieses Mal wieder ein Sack voll Spaß! Von der FedCon im Vorjahr hatte ich hier bereits berichtet. Die größte Science-Fiction-Messe Europas stand diesmal im besonderen Zeichen von „The Orville“ sowie „Star Trek: Strange New Worlds.“
Im Unterschied zu früheren Besuchen war ich diesmal nicht bloß dabei, sondern mitten drin. Zuvor ging ich immer in „zivil“ oder trug allenfalls das eine oder andere Fan-Shirt, aber diesmal entschieden meine Begleitung und ich uns, am Samstag als Weltraumprinzessinnen im 70er Stil ein wenig Verwirrung zu stiften. Jaaa richtig gelesen! Dies gelang uns auch, denn schon im eigenen Hotel begrüßte uns der junge Rezeptionist in der Lobby, der schon einige seltsame Gestalten an diesem Wochenende gesehen haben dürfte, mit einem verblüfften und lauten „Wow!“ und fiel fast rückwärts. :–D Auf der FedCon-Party eingetroffen, erregten wir mehr Aufmerksamkeit als gedacht. Ob ich wieder kostümiert gehen würde, weiß ich noch nicht. Aber es war eine interessante Erfahrung!
Viel haben wir uns zugegeben diesmal nicht mit Panels aufgehalten. Mit 3.-Klasse-Fahrkarte Tagesticket wird man im großen Saal Maritim mittlerweise rigoros nach oben auf die Tribüne verbannt, von der aus man nicht wirklich viel sieht. Selbst dann, wenn unten in den Blöcken noch genügend Plätze frei sind. Das wollten wir uns nicht geben.
Da viele Gäste erfahrungsgemäß später Videos und Fotos von den beliebten Star-Panels auf Social Media teilen, besuchten wir stattdessen lieber kleinere Panels und Vorträge wie zum Beispiel die Buchpräsentation von „Im Zeichen der Macht“ von Marco Frömter, die einen interessanten Überblick über die wertvolle Pionierarbeit bot. Ansonsten unterhielten wir uns bevorzugt mit anderen Gästen, Cosplayern und Ausstellern oder futterten uns von einem Foodtruck zum nächsten.
Fazit: Auf eurem Planeten hat’s uns ganz gut gefallen. Wir werden ihn daher vorerst verschonen! :–P
Hier noch ein paar Eindrücke:
Außenbereich mit Foodtrucks
Einfach nur cool: Cosplay-Gruppe zum SF-Klassiker „Fifth Element“
Foyer Maritim Hotel
Unendliche Warteschlange im OG für die Autogrammstunde am Samstag
Der Rancor-Pfleger Malakili aus „Rückkehr der Jedi-Ritter“ hat seinen Verlust inzwischen verwunden. :–D
Unter dem Glasdach des Maritim Hotels war es wie immer heiß wie auf Tatooine….